Kurzarbeit wegen Frostnächten

OBSTVERARBEITUNG ⋅ Die Ernte von Äpfeln und Birnen fällt in der Schweiz um mehr als einen Fünftel geringer aus. In der Surseer Fenaco-Obsthalle wird deshalb nächstes Jahr sechs Monate lang nicht gearbeitet.
07. Oktober 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

Zwei Wellen von Frostnächten setzten im April der Vegetation in der Zentral- und Ostschweiz arg zu. «Die Temperaturen fielen aussergewöhnlich tief. Niemand bei uns kann sich an ähnlich kalte Frühlingsnächte erinnern», sagt Marie-Therese Lütolf, Leiterin der Obsthalle Sursee bei der ­Fenaco Genossenschaft. Nach Ostern gab es Frost und Schnee, die Temperaturen fielen teilweise sogar deutlich unter null Grad.

Die Folgen des späten Rückfalls in den Winter machen sich jetzt bei der Obsternte bemerkbar. Bei ­Fenaco schätzt man, dass die Apfel- und Birnenernte schweizweit um 20 bis 25 Prozent geringer ausfällt als üblich.

Besonders stark ist der Ausfall in der Zentralschweiz. In Sursee verarbeitet die Genossenschaft Äpfel sowie Birnen für Most und Apfelsaft (Ramseier) und packt Tafelobst ab. Sie erhält normalerweise jährlich rund 5000 Tonnen Kernobst angeliefert, für dieses Jahr rechnet sie aktuell mit gerade mal 1500 Tonnen. Das sind gegen 70 Prozent weniger als üblich. «Die geschätzte Zahl kann sich aber noch ändern, da die Ernte noch im Gang ist», so Lütolf.

Kurzarbeit für alle Angestellten beantragt

In der Obsthalle von Sursee geht wegen der Missernte schon Ende Januar 2018 die Arbeit aus. Dort sind 35 Mitarbeitende damit beschäftigt, Tafelobst in erster Linie für Migros, Coop und Volg zu sortieren, aufzubereiten und abzupacken. Ein Teil geht danach direkt zu den Verkaufsstellen, der andere Teil wird für ein paar Monate gelagert.

Fenaco hat sich entschlossen, wegen des Ernteausfalls den Kernobstbereich in der Obsthalle von Februar bis Juli ganz einzustellen. «Um Entlassungen zu verhindern, beantragen wir für die 35 Angestellten bei der kantonalen Dienststelle Wirtschaft und Arbeit Kurzarbeit», sagt Lütolf. Sie erhalten für das halbe Jahr von der Arbeitslosenkasse 80 Prozent ihres Lohnes ausbezahlt. Lütolf: «Fenaco als Arbeitgeberin ist bereit, die fehlenden 20 Prozent freiwillig beizusteuern, um das halbe Jahr möglichst sozialverträglich zu überbrücken.» Die betroffenen Mitarbeitenden werden nach Möglichkeit in anderen Bereichen der Genossenschaft untergebracht.

«Lagermitarbeiter zum Beispiel brauchen wir auch bei Ramseier oder in der Futtermittelproduktion», sagt Sandra Anderegg, Personal-Verantwortliche Fenaco in der Region Zentralschweiz.

Schweizer Äpfel und Birnen dürften teurer werden

Die Kurzarbeit-Zeitpensen der 35 Obsthallen-Angestellten fallen unterschiedlich hoch aus. «Ziel ist es aber, die Arbeit auf möglichst alle zu verteilen», so Anderegg. Spätestens ab August 2018 soll in der Obsthalle wieder Normalbetrieb herrschen. Die Genossenschaft beschäftigt in Sursee 870 Personen, in der ganzen Schweiz sind es fast 10000 Mitarbeitende.

Zwar dürfte im kommenden Jahr in der Schweiz kaum ein Apfel- und Birnennotstand ausbrechen. Denn die massive Lücke, welche die Frostnächte im April verursachten, lassen sich durch Importe schliessen; Marie-Therese Lütolf von der Obsthalle Sursee: «Fenaco wird mehr Kernobst im Ausland einkaufen, um ihre Kunden zu beliefern. Die Grossverteiler beschaffen sich Äpfel und Birnen teilweise auch direkt vor Ort.» Da aber deutlich weniger Schweizer Obstprodukte in den Verkaufsregalen liegen, dürften zumindest für sie die Preise steigen.


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