Mechanische Aktionärsdemokratie

STUDIE ⋅ Auf dem Papier werden die Generalversammlungen Jahr für Jahr spannender. In der Realität passiert das Gegenteil.
17. Juni 2017, 00:00

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

An einzelnen Generalversammlungen ist durchaus Spannung angesagt. Wir erinnern uns an das diesjährige Treffen der Credit-­Suisse-Aktionäre – eine spektakuläre Schlappe für Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und CEO Tidjane Thiam schien in der Luft zu liegen. Trotz Milliardenverlust sollte das Führungsduo Millionengehälter einstreichen. Die Genfer Anlagestiftung Ethos rief zum Widerstand auf. Passiert ist aber wenig. Die Aktionäre nickten die Cheflöhne mit 58 Prozent der Stimmen ab, Rohner wurde mit 91 Prozent wiedergewählt.

Die CS war kein Einzelfall in der diesjährigen GV-Saison, sagt Barbara Heller, Geschäftsführerin der Stimmrechtsberatungsfirma Swipra in Zürich. Ethos habe heuer 21 Prozent aller Verwaltungsratsanträge der 20 grössten, börsenkotierten Schweizer Pu­blikumsgesellschaften zurückgewiesen, bei der grossen US-Stimmrechtsberaterin ISS waren es immerhin mehr als 14 Prozent. Die erst 2013 gegründete Swipra verfolgt einen klar unternehmensfreundlicheren Kurs (5 Prozent). Sie ist in puncto Stimmkraft im Vergleich mit den genannten Konkurrenten deutlich weniger bedeutend.

Öffentlicher Einfluss spielt eine Rolle

Heller glaubt, dass sich die Stimmrechtsberater von der öffentlichen Meinung und von politischen Strömungen beeinflussen lassen. «Es ist unklarer geworden, ob Stimmrechtsberater tatsächlich die Sichtweisen von Investoren vertreten und wann diese ihr Abstimmungsverhalten auf die Empfehlungen der Stimmrechtsberater stützen», schreibt Swipra.

Die Rolle der Stimmrechtsberater ist wichtig, denn sie fungieren als Mittler zwischen institutionellen Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen, die ihre Stimmen in den Aktiengesellschaften, an denen sie beteiligt sind, nicht selber wahrnehmen. Als solche können die Stimmrechtsberater an einer Generalversammlung schon heute bis zu 30 Prozent der Stimmen vertreten – Tendenz steigend.

Nach Auffassung von Barbara Heller ist die Entwicklung nicht ungefährlich: «Es stellen sich Fragen zur verantwortungsvollen Erstellung von Abstimmungsempfehlungen und zum Bewusstsein möglicher realer Konsequenzen bei einer Ablehnung.»

Die Angst, dass sich ein Unternehmen nach einer GV unvermittelt ohne Verwaltungsrat wiederfinden könnte, mag zwar überzogen sein, doch die Kritik von Swipra wirft ein Schlaglicht auf ein akutes Problem: «Der Markt der Stimmrechtsberater ist ineffizient», räumt Heller ein und meint, dass es zu wenig Konkurrenz gebe. In den USA besteht mit ISS und Glass Lewis faktisch ein Duopol. In vielen Ländern ist es gleich. Die Schweiz ist mit drei inländischen Akteuren eine löbliche Ausnahme, wobei die Konzentration auch hierzulande hoch ist.

Fehlentwicklungen können in einem Markt ohne gesunden Wettbewerb nur durch Gesetze aus dem Weg geräumt werden. Nur, wie man Stimmrechtsberater per Gesetz zu einem effizienteren Abstimmungsverhalten bringen könnte, weiss niemand.


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