«Nicht alle erhalten ein Angebot»

VERSICHERUNGEN ⋅ Axa zwingt 40000 Schweizer KMU, ihre Vorsorgelösung zu überdenken. Die Vollversicherung bleibt für viele eine gute Option, meint Pensionskassenexperte Willi Thurnherr.
12. April 2018, 00:00

Interview: Daniel Zulauf

Willi Thurnherr, Axa will die Vorsorgewerke von Schweizer KMU-Kunden nicht mehr gegen die Anlagerisiken versichern. Was verspricht sich Axa?

Die Rahmenbedingungen in dem Geschäft sind seit einigen Jahren schwierig. Die Kapitalmärkte werfen minimale Zinsen ab und die Diskrepanz zu den gesetzlich festgelegten Zinsgarantien ist riesig. Zudem werden Menschen immer älter und beziehen länger Renten. Axa ist offensichtlich zum Ergebnis gelangt, dass sich das Geschäft unter diesen Bedingungen nicht mehr positiv betreiben lässt.

Axa will den Kunden mit einem neuen Angebot weiterhin alle Dienstleistungen verkaufen, das Wertschwankungsrisiko der angesparten Vorsorgegelder sollen diese aber selber tragen. Kann diese Rechnung für die Kunden und für die Axa gleichermassen aufgehen?

Im Prinzip ist das möglich, weil das neue Modell der teilautonomen Stiftung im Vergleich zur Vollversicherung eine riskantere Anlagestrategie verfolgen kann. Das bedeutet, dass auch die erwarteten Erträge auf den Kapitalanlagen zunehmen werden. Das gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass wir nicht schon bald wieder einen Börseneinbruch wie 2008 erleben werden.

Axa will der neuen Sammelstiftung eine Wertschwan­kungsreserve von 11 Prozent des angesparten Vorsorge­kapitals mitgeben. Ist das angemessen?

Die Reserve bietet einen gewissen Schutz vor einer Unterdeckung. Nach einem Börseneinbruch um 10 oder 15 Prozent wäre der Deckungsgrad von 100 Prozent, unter dem der Gesetzgeber Sanierungsmassnahmen zu Lasten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern vorschreibt, vermutlich noch nicht unterschritten. Aber Sie fragen, ob 11 Prozent viel oder wenig sind. Ich glaube, es ist im Vergleich eine durchschnittliche Wertschwankungsreserve.

Wie muss man sich eine Sanierung vorstellen, und wie real ist die Gefahr?

Sanierungsmassnahmen werden vom paritätisch besetzten Stiftungsrat beschlossen. Eine geringe Unterdeckung von zum Beispiel 97 Prozent lässt sich in vielen Fällen schon mit einer vorsichtigeren Verzinsung der noch im Berufsleben stehenden Kassenmitglieder bewerkstelligen. In diesem Beispiel müssten die Arbeitgeber und Arbeitnehmer also keine Sanierungsbeiträge im Sinn von Kapitalzuschüssen leisten. Was man zu den ­geplanten teilautonomen Sammelstiftungen von Axa auch noch sagen sollte: Diese starten ohne einen einzigen Rentner. Das ist in einem Sanierungsfall die bestmögliche Risikostruktur, die eine Stiftung überhaupt haben kann. Aber das Sanierungsszenario halte ich derzeit für wenig wahrscheinlich.

Seit bald zehn Jahren steigen die Kurse an den Märkten. Lohnt sich eine Vollversicherung?

Über eine ganz lange Sicht von hundert Jahren oder mehr hat es sich statistisch immer gelohnt, in Aktien zu investieren. Aber nehmen Sie die Periode 2000 bis 2010. In diesen zehn Jahren gab es zwei grosse Börseneinbrüche, und in dieser Zeit wäre es besser gewesen, nicht in Aktien zu investieren. Hier hätte sich eine Vollversicherung vermutlich gelohnt. Aber seit 2009 wäre das halbautonome Modell vermutlich besser gewesen.

Was kostet die Versicherung des Anlagerisikos?

Für die Versicherung des Anlagerisikos gibt es keine Prämie und auch keinen offiziellen Preis. Aber wenn man die Verwaltungskosten und die Risikoprämien der Lebensversicherer anschaut, dann sind diese im Durchschnitt sicher höher als bei teilautonomen Sammelstiftungen. Axa sagt, die Risikoprämie in der teilautonomen Stiftung werde 30 Prozent tiefer sein als in der Vollversicherung.

Es gibt eine Studie der Hochschule Luzern, nach der Schweizer KMU mehrheitlich sagen, sie könnten grössere Anlageverluste mit Sanierungsfolgen in der eigenen Vorsorgeeinrichtung gar nicht finanzieren. Das tönt dramatisch.

Ich interpretiere den Befund dieser Studie so, dass sich die meisten KMU und übrigens auch etliche Schweizer Tochterfirmen von multinationalen ausländischen Konzernen neben ihrem Kerngeschäft nicht auch noch um die Vorsorge kümmern wollen. Ich glaube, das ist das Hauptmotiv für die Wahl einer Vollversicherung. Ich kaufe ein Produkt, das vielleicht nicht das günstigste oder auch nicht das optimalste ist, aber ich muss mich um nichts kümmern, so denken viele Unternehmer.

Die Aufsichtsbehörde stellte schon vor Jahren fest, dass die Nachfrage nach Vollversicherungslösungen von bestehenden Anbietern nicht mehr gedeckt wird. Jetzt steigt mit Axa der zweitgrösste Anbieter aus. Steigen nun die Prämien?

Damit rechne ich unmittelbar nicht. Ich denke, ein KMU, das von Axa weggehen und bei einem anderen Anbieter wieder eine Vollversicherung abschliessen will, sollte ein Angebot erhalten, das dem bestehenden Angebot nahekommt. Aber wie Sie selber richtig festgestellt haben: Nicht jedes KMU kann damit rechnen, ein Angebot für eine Vollversicherung zu erhalten.

Welche KMU müssen sich auf Absagen vorbereiten?

Das sind zum Beispiel Firmen aus Branchen mit hohem Invaliditätsrisiko. Auch Gastrobetriebe oder das Baugewerbe haben es schwer, weil es in deren Gesamtarbeitsvertrag vorteilhafte Bedingungen zum Beispiel für Frühpensionierungen gibt. Als schlechtes Risiko werden auch Firmen mit einem hohen Durchschnittsalter der Beschäftigten angesehen. Daraus ergeben sich für die Kassen die teuren Pensionierungskosten.

Was geschieht, wenn ein KMU weder bei einer Lebensversicherung noch bei einer teilautonomen Pensionskasse unterkommt?

Dafür gibt es die Auffangeinrichtung, die alle Vorsorgewerke aufnehmen muss. Es gibt Branchen wie zum Beispiel Zirkusartisten, die nur noch bei der Auffangeinrichtung unterkommen.

Zur Person

Willi Thurnherr ist Leiter des Schweizer Vorsorgegeschäft des Pensionskassenberatungsunternehmens Aon.


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