«Nischen gibt es im Hochpreissegment»

STUDIE ⋅ Trotz Wirtschaftsaufschwung stagnieren die Umsätze des herkömmlichen Detailhandels dieses Jahr. Der Onlinehandel hingegen floriert. Doch auch ihm seien Grenzen gesetzt, sagt Experte Sascha Jucker.
10. Januar 2018, 00:00

Interview: Rainer Rickenbach

Sascha Jucker, was setzt den herkömmlichen Detaillisten stärker zu: der Onlinehandel oder der Einkaufstourismus?

Sie lassen sich nicht immer genau auseinanderhalten. Amazon und Zalando etwa beliefern den Schweizer Markt von den Nachbarländern aus, ihre Schweizer Kunden kaufen also auch ausserhalb des Landes ein. Die Wertschöpfung fällt ausserhalb der Schweiz an.

Amazon ist auf dem Schweizer Markt schon heute von Deutschland aus stark präsent. Nun steht der amerikanische Onlinehändler in Verhandlungen mit der Schweizer Post, an deren Ende sein Markteintritt stehen könnte. Kommt es zu einer Konsolidierung im Onlinegeschäft?

Die Struktur der Onlineanbieter ist hier anders als in Deutschland oder Österreich. Dort dominiert Amazon den Markt. In der Schweiz präsentiert er sich aber heterogener. Es gibt starke Schweizer Anbieter wie Digitec Galaxus der Migros oder Brack.ch. Sie sind auf dem hiesigen Markt gut etabliert. Sollte Amazon einen Schritt weiter gehen und in den Schweizer Markt einsteigen, hat es der amerikanische Onlineanbieter nicht mehr so leicht wie vor 15 Jahren, als er in anderen Teilen Europas sozusagen auf der grünen Wiese sein Geschäft aufbauen konnte.

Unter den Onlinehändlern ist der Verdrängungswettbewerb also schon im Gang?

Es braucht keine Unmenge an Onlinehändlern. Längerfristig werden die Anbieter den Ton angeben, die über die nötigen Finanzen für hohe Investitionen verfügen. Ein Teil der Detailhändler wird bei einer der grossen Plattform Unterschlupf finden, andere meiden auch künftig das Onlinegeschäft.

Zalando macht deutlich, dass man auch mit einem späten Onlinemarkteintritt erfolgreich sein kann.

Zalando stieg vor sechs Jahren in den Schweizer Markt ein. Die Schweizer Kleiderhändler hatten zuvor das Onlinegeschäft vernachlässigt, was Zalando zugutekam.

Wie gross ist das Wachstumspotenzial für den Onlinehandel in der Schweiz?

Heute entfallen 7 Prozent des gesamten Detailhandelsumsatzes auf das Onlinegeschäft. Wir schätzen, 2022 dürften es 11 bis 12 Prozent sein. Der Onlinehandel macht also auch aus mittelfristiger Sicht nur einen kleinen Teil des Retailgeschäftes aus.

Welche Nischen bieten sich für den herkömmlichen Detailhandel?

Nischen sehe ich eher im Hochpreissegment und bei Geschäften, deren Klientel weniger onlineaffin ist. Also vermögende Kunden im gehobeneren Alter. Ein starkes Argument für die herkömmlichen Läden sind auch Beratung und Service. Es handelt sich letztlich um eine Frage der Strategie. Sicher ist: Es gibt durchaus Möglichkeiten für den stationären Detailhandel, sich zu profilieren und von den Mitbewerbern abzuheben.

Hinweis

Sascha Jucker ist Detailhandelsexperte bei der Schweizer Grossbank Credit Suisse. Er ist Mitverfasser des Retail Outlook (siehe Kasten).


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