Pöstler sammeln Kaffeekapseln

ENTSORGUNG ⋅ Die Post holt ab heute in der ganzen Schweiz gebrauchte Nespresso-Kapseln ab und leitet sie an eine Entsorgungsstelle weiter. Bei den privaten Entsorgern hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen.
09. Januar 2018, 00:00

Rainer Rickenbach

Der Lebensmittelkonzern Nestlé spannt bei der Entsorgung seiner Kaffeekapseln mit der Post zusammen. Ab heute sammeln die Briefträger jeweils von Montag bis Freitag Beutel mit zerquetschten Nespresso-Kapseln in den Milchkästen zusammen. Von der Post gelangen die Aluminiumkapseln zu einer Aufbereitungsanlage in Moudon VD.

Der Entsorgungsdienst der Briefträger beschränkt sich ausschliesslich auf Kapseln der Marke Nespresso. Die dafür notwendigen weissen Sammelbeutel bieten Platz für ungefähr 200 gebrauchte Kaffeekapseln und lassen sich kostenlos in den Nespresso-Boutiquen, auf der Website oder der App des Herstellers beziehen. Damit der Pöstler erkennt, in welchem Milchkasten Kaffeekapseln für ihn bereitliegen, sollten die gelben Laschen des Entsorgungssackes an der Kastentür baumeln.

Altkleider, Kapseln und immer weniger Briefe

«Die Briefmengen gehen laufend zurück. Ziel der Post ist es, mit neuen Dienstleistungen wie beispielsweise ‹Recycling at Home› das postalische Kerngeschäft zu ergänzen und zu stützen», sagt Ulrich Hurni, Leiter Postmail und stellvertretender Konzernleiter. In der Tat bröckelt das Stammgeschäft der Post in wachsendem Tempo. Die Zahl der adressierten Briefe sank seit der Jahrtausendwende jährlich um 1 bis 2 Prozent, in den letzten beiden Jahren sackte sie sogar um 3 bis 4 Prozent ab. Stellte die Post 2007 noch mehr als 2,7 Millionen adressierte Briefe zu, waren es 2016 noch gut 2 Millionen.

Mit ihrem Zugang zu 4,1 Millionen Haushalten hat die Post einen riesigen Wettbewerbsvorteil, wenn es um Geschäfte auf der «letzten Meile» zu den Kunden geht. Den nutzt sie nicht erst jetzt in der Zusammenarbeit mit Nes­presso. Seit einem Jahr befördert das Unternehmen in Staatsbesitz Altkleider für Texaid von den Häusern ihrer Kunden zu den Sammelstellen, für Volg organisiert es den Hauslieferdienst, für die Heilsarmee besorgt es die Logistik für kleinere Gegenstände, und beim Projekt «Tischlein deck dich» vermittelt es haltbare Lebensmittel an Hilfswerke. Zudem ist die Post in zahlreichen ähnlichen regionalen Projekten engagiert. In Schaffhausen etwa lesen die Pöstler Stromzähler für ein Elektrizitätswerk ab, in mehreren Gebieten besorgen sie den Hauslieferdienst für regionale Produkte von einheimischen Landwirten, und in Graubünden erledigen sie die Kartonsammlungen.

Beim Verband Stahl-, Metall- und Papier-Recycling (VSMR) verfolgt man die Aktivitäten der Post auf seinem angestammten Gebiet mit Skepsis. Beim Verband sind mehr als 150 Privatfirmen aus der Wiederverwertungsbranche organisiert, die sich auch auf den Transport von Recyclinggut verstehen. «Es stellt sich die Frage, wie es die Post in ihren neuen Geschäftsfeldern mit der Konzession für Sammlungen von Abfall hält. Die privaten Recycler und Sammelstellenbetreiber müssen für Siedlungsabfälle über entsprechende Bewilligungen oder Konzessionen verfügen», sagt Thomas Bähler vom VSMR.

Die Post müsste seiner Ansicht nach daher die gleichen Auflagen erfüllen, die für die ganze Schweiz gültig sind. Bähler: «Wir setzen uns für gleich lange Spiesse im Bereich des Recycling sowie der Abfallentsorgung ein. Der Verband verlangt, dass die öffentliche Hand im Wettbewerbsbereich – konkret bei Gewerbe- und Industrieabfällen – keine Quersubventionierungen aus dem Monopolbereich vornimmt. Das verfälscht den Wettbewerb.» Bei der Post sieht man indes keinen Anlass, sich um Bewilligungen und Konzessionen zu bemühen. «Die Post selber betreibt kein Recycling. Sie besorgt nur die Logistik dafür», entgegnet Post-Sprecherin Jacqueline Bühlmann.

Was die Nespresso-Kapseln angeht, so liegt die Wiederverwertungsquote heute bei 50 Prozent. Der Hersteller verfügt über 2700 Sammelpunkte in den kommunalen Altwarenstellen. Von der Post als neuem Partner verspricht sich der Kaffeekapsel-Pionier eine deutlich höhere Rückführungsquote. Es lohnt sich. «Das Recycling von Aluminium ist 95 Prozent energieeffizienter als dessen Neuproduktion», teilte Nespresso gestern mit. Das entsorgte Aluminium wird eingeschmolzen und für die industrielle Nutzung verwendet – nebst neuen Kaffeekapseln etwa für Fensterrahmen, Fahrräder, Autos oder das Taschenmesser «Pioneer» von Victorinox. Der gewonnene Kaffeesatz landet in einer Westschweizer Biogasan­lage, die Strom und thermische Energie liefert.


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