Rätselraten über Verluste

TECHNOLOGIE-AKTIEN ⋅ Seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump boomen sämtliche US-Aktien. Letzte Woche brachen nun aber Technologie-Papiere überraschend stark ein. Und niemand kennt die Gründe für die Delle.
04. Dezember 2017, 00:00

Renzo Ruf, Washington

In den letzten Tagen bekamen die Börsianer gleich drei frühe Weihnachtsgeschenke. Zuerst verkündete der designierte Fed-Chef Jerome «Jay» Powell am Dienstag, dass er an der Spitze der amerikanischen Notenbank Kurs halten werde – und er kein Interesse daran habe, mit wildem Drehen an der Zinsschraube neue Volatilität zu schaffen. Dann rissen sich die Republi­kaner in Washington am Riemen und finalisierten die geplante Steuerreform, von der die amerikanische Unternehmenswelt profitieren wird, dank tieferen Steuerfüssen und angeblich vereinfachten Spielregeln.

Und schliesslich verkündeten die Statistiker des Handelsministeriums in Washington, dass die Konjunktur in der grössten Volkswirtschaft brummt – im dritten Quartal wuchs das amerikanische Bruttoinlandprodukt (aufs gesamte Jahr hochgerechnet) um 3,3 Prozent.

Den Tech-Unternehmen geht es glänzend

Naturgemäss explodierten die Kurse an der New Yorker Börse NYSE. Von Montag bis Freitag legte der Leitindex Dow Jones Industrial Average um fast 3 Prozent zu und überwand am Ende der Woche gar einen temporären Einbruch um 350 Punkte. Weniger gut erging es in der gleichen Zeitspanne dem Nasdaq Composite, dem Leitindex des NYSE-Konkurrenten, an dem vor allem Technologie-Titel gelistet sind. Der Index brach um 0,5 Punkte ein. Der Grund: Am Mittwoch machte sich an der Nasdaq eine Ausverkaufsstimmung breit, und schwergewichtige Aktien wie Apple, Facebook oder Amazon brachen ein.

Der Anlass für diese Kursdelle? Gute Frage. Selbst Experten tun sich schwer damit, eine nachvollziehbare Antwort zu finden. Die Wirtschaftslage könne es nicht sein, sagten sie, und auch die Quartalszahlen der Unternehmen böten keinen Anlass für eine Kurskorrektur. Zum einen ist derzeit gar nicht Berichtssaison (die Zahlen des vierten Quartals werden erst im nächsten Januar publik), zum andern geht es den Technologie-Unternehmen unter dem Strich gut – oder zumindest nicht schlechter als in den Wochen zuvor. Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob ein Titel wie die Amazon-Aktie überbewertet ist, aber angesichts eines Quartalsumsatzes von zuletzt fast 44 Milliarden Dollar, was einem Zuwachs von 34 Prozent entspricht, finden viele Investoren solche Debatten müssig.

Es gibt zwei Erklärungsversuche, die unter Analysten kursierten. Erstens entwickelten solche Kurskorrekturen jeweils ein gewisses Eigenleben, und zwar sowohl «auf dem Weg nach unten als auch auf dem Weg nach oben», wie der Trader Ian Winer (Wedbush Securities) dem «Wall Street Journal» sagte. Der andere Erklärungsversuch? Der Auftritt des designierten Fed-Chefs Powell habe das Vertrauen in die Bankentitel gestärkt, weil der Nachfolger von Janet Yellen an der Spitze der US-Notenbank eine gewisse Lockerung der Aufsichtsbestimmungen in Aussicht gestellt habe, zumindest für Regionalbanken. «Ich frage mich, ob eine gewisse Umschichtung stattfindet», sagte Mike Bailey, der für FBB Capital Partners arbeitet, dem Wirtschaftssender CNBC. In der Tat legte der renommierte KBW Nasdaq Bank Index in der vergangenen Woche um fast 6 Prozent zu, während der Bankenfonds IAT, der den Kursverlauf von Regionalbanken abbildet, in derselben Zeitspanne um 6,4 Prozent in die Höhe schnellte. Gewinne verzeichneten auch Kurse von Konsumgüterherstellern und Detailhändlern. Die meisten Börsianer zeigen sich weiterhin optimistisch darüber, dass der anhaltende Börsenboom vorderhand andauern werde. Die wenigen Skeptiker an der Wallstreet sagen allerdings, dass die Kombination von boomender Konjunktur und massiven steuerlichen Entlastungen für Firmen dazu führen könnte, dass der neue Fed-Chef Powell im kommenden Jahr die Zinsen schneller als gedacht erhöhen muss – um eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern. Diese Zinserhöhungen würden dem Kursfeuerwerk an der Börse rasch ein Ende setzen.

FBB Capital Partners


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