Schweizer KMU im Exportfieber

AUSSENHANDEL ⋅ Eine aktuelle Umfrage diagnostiziert Aufbruchstimmung in den einstigen Krisenbranchen. Die jüngsten Exportzahlen stimmen wieder positiv. Der Exportmarkt China bleibt allerdings eine Knacknuss.
14. April 2018, 00:00

Daniel Zulauf

Die Schweizer Industrie wittert Morgenluft. Das Stimmungshoch, von dem der Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallunternehmen (Swissmem) bereits anlässlich der Jahres­medienkonferenz Anfang März gesprochen hatte, bestätigt nun auch die Quartalsumfrage der Exportförderungsorganisation Switzerland and Global Enterprise (SGE): Die Perspektiven für den Export sind im Urteil der 200 befragten Klein- und Mittelunternehmen (KMU) so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Das von der Credit Suisse ­errechnete Barometer, das die Stimmung auf einer Skala von 0 bis 100 wiedergibt, steht mit 78,3 Punkten auf einem Rekordhoch. Die Aussagen der Firmen über die tatsächlich getätigten Ausfuhren im ersten Dreimonatsabschnitt des Jahres und über die erwarteten Exporte im zweiten Quartal sind so positiv wie noch nie seit Beginn der Umfragereihe im Jahr 2010. 47 Prozent der ­Firmen rechnen bis zu den Sommerferien mit einem Zuwachs der Ausfuhren bis zu 10 Prozent. Jedes achte Unternehmen geht von einem Wachstum der Exporte um 10 bis 25 Prozent aus. Ein Drittel erwartet eine Stagnation, und nur gerade 4 Prozent rechnen mit einem Rückgang.

Prozeduren am chinesischen Zoll sind zu kompliziert

Treibende Kraft ist der Konjunkturaufschwung in der EU, wo hinter der Lokomotive Deutschland auch grosse Absatzmärkte wie Frankreich oder Italien wieder an Bedeutung gewinnen. Nebst den für die Exporteure besonders wichtigen Nachbarländern, zu denen natürlich auch Österreich zählt, haben die USA einen ­unverändert hohen Stellenwert. 54 Prozent der befragten Firmen wollen in den nächsten sechs ­Monaten nach Amerika exportieren, damit steht das Land aktuell auf dem dritten Platz der Hit­parade der beliebtesten Ausfuhrdestinationen. Auch Fernost und allen voran natürlich China bleibt ein wichtiger Zielort, der von 42 Prozent der Firmen genannt wird. Das ist mehr als Grossbritannien (41 Prozent), das im vergangenen Jahr auf den sechsten Platz der wichtigsten Abnehmerländer für Schweizer Produkte hinter China abgerutscht ist.

Doch bald vier Jahre nach ­Inkrafttreten des Freihandelsabkommens bewerten die Schweizer Firmen Ausfuhren ins Reich der Mitte immer noch als «besonders komplex». Diese Feststellung passt zum angespannten handelspolitischen Klima zwischen China und den USA, und sie passt auch zum Ergebnis einer aktuellen Befragung über die praktischen Erfahrungen der Schweizer Betriebe mit dem Freihandelsvertrag. Die von der Schweizerisch-Chinesischen Handelskammer in Schanghai in Auftrag gegebene und Anfang ­Januar veröffentlichte Umfrage zeigt: Der Handel funktioniert «noch nicht reibungslos».

Mehr als die Hälfte der 90 befragten Firmen klagte über Probleme. Dementsprechend pfeifen viele auf die Zollerleichterungen: Die Prozeduren am Zoll seien zu kompliziert, und den chinesischen Zollbeamten fehle das Know-how, lauten die häufigsten Begründungen. Zwar ist der Ausnützungsgrad des Freihandelsvertrages im Vergleich zur ersten Befragung von Anfang 2016 von 38 Prozent auf 54 Prozent gestiegen. Doch der Wert sei immer noch «ziemlich armselig», heisst es im Bericht weiter. Nur 15 Prozent der Firmen sagten, der ­Export laufe hindernisfrei.

«Abkommen bietet immensen Mehrwert»

Allerdings ist anzumerken, dass sich der Handel zwischen China und der Schweiz seit 2014 schwungvoll entwickelt hat. Die Exporte aus der Schweiz unter Ausschluss von wenig aussagekräftigen Transitgeschäften sind bis Ende 2017 um 30 Prozent auf 11,4 Milliarden Franken gestiegen, während die Gesamtexporte in der gleichen Zeit um gut 6 Prozent zugenommen haben. Inwieweit das Freihandelsabkommen dafür verantwortlich ist, lässt sich aus diesen Zahlen aber kaum ­herauslesen. Für die chinesischen Exporteure scheint sich das Abkommen aber positiv auszuwirken. Das zeigen Berechnungen der Eidgenössischen Zollverwaltung, die den Wert der importierten Waren ins Verhältnis zu den daraus gewonnenen Zolleinnahmen setzt. Während die Zolleinnahmen der Schweiz für aus aller Welt importierte Waren im Wert von 100 Franken in den vergangenen vier Jahren bei 50 Rappen stagnierten, haben sich die Zolleinnahmen auf Importen aus China in der gleichen Zeit von 1.50 Franken pro 100 Franken auf 1.20 Franken verbilligt. Allerdings ist das Freihandelsabkommen auch hier nur eine von mehreren möglichen Erklärungen.

Das seit 2014 gültige Abkommen mit China biete aber auch den hiesigen Unternehmen einen «immensen Mehrwert», ist ­China-Spezialist Daniel Bont von SGE überzeugt. Durch den Zollabbau würden Schweizer Produkte wettbewerbsfähiger. In China sei dies vor allem gegenüber Konkurrenten aus der EU ein Vorteil, die keinen privilegierten Zugang zu dem Markt besässen. Das Abkommen sieht einen schrittweisen Abbau der Zölle vor, der je nach Produkt bis 2028 dauern kann.

«Durch den Zollabbau hat die Schweiz gegenüber der EU einen Vorteil.»

Switzerland and Global Enterprise (SGE)


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