Schwergewicht mit Elektroantrieb

BECKENRIED ⋅ Diese Woche wird der erste grosse elektrisch betriebene Schweizer Lastwagen vorgestellt. Er spart viel CO2 ein. Auch wirtschaftlich lohnt sich der Umstieg von Diesel auf Elektro. Allerdings ist die Reichweite der Fahrzeuge begrenzt.
13. November 2017, 00:00

Andreas Lorenz-Meyer

Elektroautos sieht man schon ­einige auf Schweizer Strassen, Lastwagen mit Elektroantrieb dagegen nur sehr wenige. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern, geht es nach den Plänen von E-Force One. Seit 2013 produziert das Beckenrieder Unternehmen den E18. Ein 18-Tonner, der ursprünglich ein normaler Diesel-LKW von Iveco Schweiz gewesen ist und elektrifiziert wurde. Coop, Lidl Schweiz, Feldschlösschen und der Bäckereien-Zulieferer Pistor aus Rothenburg fahren damit. Der geladene Strom stammt bei Pistor aus Wasserkraft, bei Coop ist er solar erzeugt. Nun gibt es ein neues, grösseres Modell des Elektrolastwagens: den E44.

So heisst der erste schwere Lastwagen der Beckenrieder, der auf 44 Tonnen ausgelegt ist. Leistung: 550 Kilowatt. Es gibt auch die kleinere Variante, den E26 mit 350 Kilowatt. Für den Sprung in die höhere Gewichtsklasse brauchte es eine komplette Neuentwicklung. Die neuen Modelle haben nun einen grossen Hybridsynchronmotor. Während E-Force One beim E18 eine Lithium-Eisenphosphat-Batteriezelle einbaute, steckt in den Schwergewichten ein Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Akku.

«Dieser Akku hat eine höhere Leistungsdichte und eine längere Lebensdauer», erklärt Flavio Cueni, Business Development Manager bei E-Force. Es gibt insgesamt vier Batteriegrössen. Kunden suchen sich die aus, die am besten zu ihrem Fahrprofil passt. Die Batterie ist immer noch das Teuerste am Fahrzeug. Cueni: «Ein Kunde, der nur 50 Kilometer pro Tag fährt, muss keine Batterie für 300 Kilometer haben.»

Reichweite bleibt beim grossen Modell gleich

Das Aufladen des E44 dauert bei Normalladung 6 Stunden, bei Schnellladung weniger als 2 Stunden. Die Schnellladung ist für die Zeit während des Be- oder Entladens der Fahrzeuge gedacht oder für die gesetzlich vorgeschriebene Pause. Opportunity Charging wird das genannt. «Bei einer Schnellladung mit 150 Kilowatt wäre der Akku bereits nach einer Pause von 30 Minuten um mehr als 25 Prozent geladen», sagt Cueni. «Das ist besonders interessant an Schlüsselstellen, wo viele LKW vorbeifahren und Pause machen.» Die Tagesreichweiten beim E18 liegen zwischen 100 und 280 Kilometer, 280 Kilometer werden mit Opportunity Charging und Kühlaggregat erreicht. Beim E44 bleibt die Reichweite ungefähr gleich. Die ersten Testfahrten im Sommer liefen gut. Das Modell meisterte Steigungen von über 10 Prozent.

Als erstes Unternehmen testet nun Pistor einen der neuen, grossen E-LKW. Das Unternehmen hat aktuell zwei elektrisch angetriebene 18-Tonner im Einsatz. Mit dem ersten wird vor allem die Stadt Luzern beliefert. Mit dem zweiten, der über zwei Batterien verfügt, sind Kunden in der gesamten Zentralschweiz erreichbar. Der neue Elektro-LKW wird nun ab Dezember täglich Richtung Zürich unterwegs sein und die Bäckereien, Confiserien sowie Restaurants, Hotels und Heime in der Stadt Zürich beliefern. In Kombination mit einem Frigoblock-Kühlgerät handelt es sich um ein weltweit einzigartiges Fahrzeug, so Pistor. «Wir haben mit Elektro-LKW sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt Armin Knüsel, Leiter Distribution und verantwortlich für strategische Weiterentwicklung des Fuhrparks. «Mit ihnen können wir Abgas- und Lärmemissionen reduzieren. Und ab einer Laufleistung von über 50000 Kilometern pro Jahr ist der Betrieb auch kostengünstiger als bei Diesel-LKW.»

Auch Tesla enthüllt seinen E-Truck

Gerüchten zufolge soll am Donnerstag auch das US-Unternehmen Tesla seinen ersten Elektro-Truck vorstellen. Es gibt also mächtige Konkurrenz. Cueni ist aber zuversichtlich. «Unsere Fahrzeuge können voll eingesetzt werden. Die E18-Flotte hat seit 2013 bereits über 1 Million Kilometer absolviert.» Stimmen die Reichweite-Anforderungen mit den Batterieleistungen überein, könne auch der E44 ein Dieselfahrzeug eins zu eins ersetzen – besonders im urbanen Lieferverkehr oder im Werksverkehr. Zudem sei das Fahrverhalten ohne Schaltpausen und mit schneller Beschleunigung attraktiver und die Umweltbilanz viel besser als beim Diesel. So spare der E18 über 38 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr bei 50000 gefahrenen Kilometern. Für Cueni ist der Einsatz von E-LKW die optimale Lösung, um CO2 einzusparen. Und Strecken über 300 Kilo­meter? Das ist der nächste Schritt. E-Force One arbeitet da an einer Hybridlösung für Mittel- bis Langstrecken, die ohne Diesel auskommt. Geplant ist ein Brennstoffzellen-Range-Extender-Fahrzeug mit Wasserstoff als Energieträger. Bei dem angedachten Modell fährt man mit einer halben Batterie, und das Range-Extender-Modul produziert konstant Strom. Coop habe bereits einen Prototyp, sagt Cueni, «wir arbeiten jedoch an einer Serienlösung». Leider fehle es an Infrastruktur, denn Wasserstofftankstellen gibt es sehr wenige. Aus diesem Grund seien Langstreckenfahrzeuge dieses Typs zurzeit noch nicht möglich.

Der neue Elektro-LKW von E-Force ist vom 16. bis 19. November am Schweizerischen Nutzfahrzeugsalon in Bern ausgestellt.

Leiter Distribution Pistor


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