Verkauf schürt Misstrauen

HNA ⋅ Das verschuldete chinesische Konglomerat sieht sich gezwungen, im Börsentief Titel der Deutschen Bank abzustossen. Dies scheint kein gutes Omen für ein erfolgreiches Comeback von Gategroup und Swissport.
10. Februar 2018, 00:00

Daniel Zulauf

HNA, das immense chinesische Firmenkonglomerat, zu dem auch die ehemaligen Swissair-Servicegesellschaften Gategroup, Swissport und SRTechnics gehö­ren, steckt seit geraumer Zeit in finanziellen Schwierigkeiten. Wie schlimm es um die hochverschuldete Gesellschaft wirklich steht, weiss niemand so genau. Es fehlt eine klare Sicht auf die konsolidierte finanzielle Lage des obskuren Touristik-, Logistik- und Finanzimperiums mit Sitz auf der chinesischen Ferieninsel Hainan.

Aufhorchen lässt nun eine gestern verbreitete Pflichtmitteilung, nach der das Unternehmen seine Beteiligung an der Deutschen Bank reduziert hat. Die Chinesen hatten im letzten Jahr einen Stimmrechtsanteil von 9,9 Prozent am grössten Kredithaus in Deutschland erworben und damit auch das Misstrauen der europäischen Aufsichtsbehörde auf sich gezogen. Die Beteiligung ist nun auf 9,2 Prozent gesunken.

Schuldenberg von rund 100 Milliarden

HNA bleibe ein «langfristiger Grossinvestor der Deutschen Bank», beeilte sich das Unternehmen gestern via Reuters zu versichern. Es könne aus technischen Gründen im Zusammenhang mit der langfristigen Anpassung der Finanzierungsstruktur der Beteiligung temporär zu Berührungen von Meldeschwellen mit entsprechenden Stimmrechtsmitteilungen kommen, zitiert die Nachrichtenagentur einen Sprecher von C Quadrat in Wien, einer Finanzgesellschaft, über die HNA die Aktien der Bank hält. Tatsächlich besteht die Beteiligung aus einer Kombination von Aktien und Finanzderivaten, welche die komplexe ­Finanzierung des 3,7 Milliarden Euro teuren und von der UBS finanzierten Einkaufs reflektiert.

Die Versicherung des C-Quadrat-Sprechers ist als Beruhigungspille für die anderen Aktionäre der Deutschen Bank zu verstehen. Die Spekulationen über die gravierende Verschuldungssituation von HNA haben Befürchtungen genährt, dass die Chinesen zu Notverkäufen gezwungen sein könnten, was dem Aktienkurs nicht gut bekäme. Die Aktien der Deutschen Bank haben in den vergangenen vier ­Wochen 17 Prozent ihres Wertes eingebüsst. Ob diese miserable Performance allein mit den enttäuschenden Geschäftszahlen erklärt werden kann, bleibt zumindest fraglich. Auch am Schweizer Duty-Free-Händler Dufry ist HNA mit 20,9 Prozent beteiligt, und auch die Titel hinken schon länger dem Gesamtmarkt hinterher. Für René Weber, Finanzanalyst der Bank Vontobel, ist dies ein unmissverständlicher Ausdruck dafür, dass sich die Investoren vor einem möglichen kursschädigenden Ausverkauf von HNA fürchten, wie er Anfang Dezember auf Anfrage unserer Zeitung sagte.

Bereits offiziell angekündigt ist die Absicht von HNA, Gate­group und Swissport im laufenden Jahr wieder an die Börse zu bringen. Doch dieses Unterfangen könnte nach Aussagen eines Investmentbankers und IPO-Spezialisten ziemlich schwierig werden. Schlecht für einen Börsengang ist nicht nur das aktuell fragile Marktklima. Auch die Absicht der Chinesen, bei diesen ehemaligen Swissair-Unternehmen als massgebender Aktionär an Bord zu bleiben, würden viele Investoren gar nicht goutieren, meint er. Der Grund ist wiederum die Angst, dass HNA aus ­finanzieller Not doch noch zum Ausstieg gezwungen sein könnte. Der Investmentbanker glaubt, dass die Chinesen diese Nach­teile mit erheblichen Preisnachlässen kompensieren müssten. HNA bezahlte für den Kauf der einstigen Swissair-Töchter schätzungsweise 6 Milliarden Franken. Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren haben die Chinesen für rund 40 Milliarden Dollar Firmen und Immobilien auf der ganze Welt eingekauft und damit einen Schuldenberg von rund 100 Milliarden Dollar aufgetürmt. Rund ein Viertel davon soll schon im laufenden und im kommenden Jahr zur Rückzahlung fällig werden.

Die Glaubwürdigkeit von HNA hat nicht nur aus finanziellen Gründen gelitten. Im Frühjahr 2016 hatte die Gesellschaft auch die Gategroup-Aktionäre mit falschen Angaben zu ihrer Eigentümerschaft in die Irre geführt, befand die Schweizerische Übernahmekommission in einer Verfügung im November. Diese Verfügung hat den zum HNA-Konglomerat gehörenden Unternehmen den Alltag offenbar nicht erleichtert. Die Beziehungen zu den Banken sei schwieriger geworden, weil diese stärker als früher auf der sogenannten «Know-your-customer-Regel» bestünden, sagte ein Insider vor einigen Wochen zu unserer Zeitung. Als Gründer und oberster Lenker von HNA gilt Chen Feng, nach offizieller Lesart ein treuer Parteisoldat, der den Aufbau des Unternehmens vor 15 Jahren mit dem Auftrag der Provinzregierung Hainans an die Hand genommen hatte, eine Infrastruktur für den Tourismus aufzubauen. Offensichtlich hat Chen Feng nun den Rückhalt in Peking verloren.


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