Waldbesitzer wollen mehr Geld vom Staat

FORSTWIRTSCHAFT ⋅ Der Wald kommt als Erholungsraum allen zugute. Den Eigentümern fehlen aber zunehmend die Ressourcen, um den Unterhalt zu bestreiten. Nun setzen sie politischen Druck auf.
11. August 2017, 00:00

Lukas Leuzinger

Schweizerinnen und Schweizer sind echte Waldfans: Gemäss einer 2010 durchgeführten Umfrage sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens zwei- bis dreimal pro Woche im Wald unterwegs, sei es zum Spazieren, Joggen, Mountainbiken oder für andere Aktivitäten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es weniger als ein Viertel.

Dass wir den Wald zur Erholung nutzen können, gilt als Selbstverständlichkeit – ist es aber nicht. Der Wald muss gepflegt werden, und gerade in Wäldern, die nahe an Siedlungsgebieten liegen und entsprechend intensiv genutzt werden, ist das mit einigem Aufwand verbunden: Wege müssen in Stand gehalten, gefährliche Äste oder Bäume entfernt und Feuerstellen unterhalten werden. Diesen Aufwand übernehmen in aller Regel die Waldbesitzer, also meist Gemeinden oder Private, ohne dafür entschädigt zu werden.

Holzpreise sind im Keller

«Viele Waldbenützer sind sich nicht bewusst, dass der Wald jemandem gehört, der Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit erbringt», sagt Hans Burri. Er besitzt in Malters 20 Hektaren Wald und verwaltet darüber hinaus 150 Hektaren der lokalen Korporation. Für Burri ist der Wald eine Leidenschaft. Er pflegt die Bäume, räumt zusammen mit Asylsuchenden oder der Jungwacht Äste zusammen, stellt sicher, dass die Kinder in der Waldspielgruppe in Sicherheit spielen können, pflanzt Wildkirschen, weil der Bauer in der Nähe Nahrung für seine Bienen braucht. Solche Leistungen zu erbringen, war für die Waldbesitzer lange Zeit kein Problem, weil Wald lukrativ war. In den letzten Jahrzehnten sind die Holzpreise allerdings konstant gesunken. 2016 schrieben 391 der 693 Forstbetriebe rote Zahlen. Die Korporation Malters weist knapp ein ausgeglichenes Budget aus. «Geld verdienen wir mit dem Wald nicht mehr», sagt Burri. «Es geht gerade noch auf – aber irgendwann wird es nicht mehr aufgehen.»

Dieser Meinung ist auch Urs Gsell, Förster im aargauischen Muhen. «Seit 15 Jahren haben wir einen Substanzverlust», klagt er. «Wir haben Personal abgebaut und sparen, wo wir können, etwa, indem wir beim Unterhalt der Waldstrassen nur noch das Nötigste machen.» Das sei aber keine nachhaltige Lösung. Gsell hat deshalb gemeinsam mit anderen Förstern und Waldbesitzern im Aargau eine Volksinitiative lanciert, die verlangt, dass die Waldbesitzer mehr Geld vom Kanton erhalten. Dieser gibt heute über Leistungsvereinbarungen 5 Millionen Franken pro Jahr für den Schutz und die Pflege des Waldes aus. Die Initiative will den Katalog anspruchsberechtigter Leistungen ausweiten, unter anderem auf die Jungwaldpflege und die Leistungen zu Gunsten der Erholung der Bevölkerung. Dafür sollen die Ausgaben des Kantons auf 16 Millionen Franken erhöht werden. Im Februar wurde die Initiative mit über 10000 Unterschriften eingereicht; nötig gewesen wären 3000. Das Anliegen finde grossen Anklang in der Bevölkerung, stellt Gsell fest.

Auch der Aargauer Regierungsrat erklärte in einer Stellungnahme, er habe «keine grundsätzlichen Differenzen» zur Forderung der Initianten, dass die Leistungen der Waldeigentümer angemessen entschädigt werden sollen. Die Verantwortung dafür liege jedoch primär bei den Gemeinden. Deshalb lehnt die Regierung die Initiative ab, die voraussichtlich 2018 oder 2019 vors Volk kommen wird. Ähnliche Modelle wie jenes, das den Aargauer Initianten vorschwebt, gibt es bereits in Freiburg und Solothurn, wo der Kanton beziehungsweise die Gemeinden Waldbesitzern Beiträge für Erholungswälder auszahlen. Einen anderen Weg haben die Berner Waldbesitzer gewählt: Sie führten vor einigen Jahren eine «Waldvignette» ein. Die Idee: Wer den Wald regelmässig nutzt, soll einen Beitrag von 20 Franken pro Jahr für den Unterhalt bezahlen. Im Unterschied zur Autobahnvignette ist der Erwerb einer Waldvignette freiwillig; etwa 100 Stück setzt der Verband jedes Jahr ab. Eine kreative Idee brachte jüngst der Luzerner Kantonsförster Bruno Röösli in die Diskussion ein: Er schlug vor, dass beim Kauf von Mountainbikes eine Gebühr erhoben wird, mit welcher der Unterhalt der Waldwege, von dem die Mountainbiker profitieren, abgegolten wird.

Bund plant Strategie

Die Aargauer Initiative beobachten Waldbesitzer in anderen Kantonen mit Interesse. Auch der Schweizerische Verband der Bürgergemeinden und Korporationen (SBVK) spricht sich dafür aus, dass die Waldeigentümer mehr Geld für ihre Leistungen zu Gunsten der Öffentlichkeit erhalten. Etwa ein Drittel des Schweizer Waldes ist in Besitz von Bürgergemeinden, die damit früher ihre Leistungen, beispielsweise im Sozialbereich, finanzierten. «Heute ist der Wald eher ein Kostenfaktor», sagt SBKV-Präsident Rudolf Grüninger. Für die Bürgergemeinden ist das ein Problem, da sie im Gegensatz zu den Einwohnergemeinden keine Steuern erheben dürfen. Grüninger geht es aber um Grundsätzlicheres: «Es braucht wieder ein Bewusstsein, dass nicht alles einfach gratis ist.» Wer Dienstleistungen erbringe, solle auch dafür entschädigt werden.

Mit dem Wald als Erholungsgebiet beschäftigt sich auch die Bundesverwaltung. Im Rahmen der Waldpolitik 2020 erarbeitet das Bundesamt für Umwelt (Bafu) derzeit eine «Triple-win-Strategie». Diese will die Ziele der Gesundheitsförderung und der Biodiversität mit ökonomischen Vorteilen für die Waldbesitzer verknüpfen. Laut Clémence Dirac Ramohavelo vom Bafu soll unter anderem mit Pilotprojekten auf lokaler Ebene getestet werden, wie die Waldeigentümer für ihre Leistungen im Bereich Erholung im Wald entschädigt werden können. Finanzielle Beiträge des Bundes, wie es sie etwa bereits im Bereich der Biodiversität gibt, sind indes ausgeschlossen.

Für Urs Gsell ist wichtig, dass Anreize für eine schonende Waldbewirtschaftung geschaffen werden. «Es wäre natürlich kostengünstiger, bei der Holzernte einfach Kahlschlag zu betreiben», sagt er. «Aber das ist weder in unserem Interesse noch in jenem des Waldes oder der Bevölkerung.»

Hinweis

Vom 17. bis 20. August findet die 24. Internationale Forstmesse in der Messe Luzern statt. Weitere Informationen finden Sie auf www.forstmesse.com.


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