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NOBELPREIS ⋅ Wahlfreiheit könne uns Menschen überfordern, glaubt der neue Wirtschaftsnobelpreisträger Richard H. Thaler und liefert der Politik Argumente für sozialpsychologische Erziehungsprogramme.
10. Oktober 2017, 00:00

Daniel Zulauf

Richard H. Thaler ist ein Superstar unter den Ökonomen. Für einmal wäre vielleicht sogar eine Laienjury auf die Idee gekommen, den Nobelpreis an den 72-jährigen Amerikaner zu vergeben. Vor bald zehn Jahren schrieb er zusammen mit dem Juristen Cass Robert Sunstein den Bestseller «Nudge», von dem gemäss Amazon mehr als 750000 Exemplare verkauft worden sind. Derartige Auflagezahlen erreichen ökonomische Fachbücher höchst selten. Aber «Nudge» ist eben kein gewöhnliches Theoriebuch, sondern vielmehr eine Sammlung von einfachen Beobachtungen typischer menschlicher Verhaltensweisen, die oft ­irrational sind und deshalb zu schlechten Ergebnissen führen. Kernstück des Buches sind aber die vielen Anschauungsbeispiele, anhand derer die Autoren zeigen, wie sich das Verhalten der Menschen mit etwas List und Psychologie zu ihrem eigenen Wohl beeinflussen lässt.

Die im Pissoir eingeklebte Fliege, die den einzelnen Toilettenbesucher zum Zielen animiert und allen hilft, die Toilette sauber zu halten, ist das vielleicht bekannteste Beispiel von dem, was man im Englischen als «nudging» und zu Deutsch als «Schubsen» bezeichnet. Doch das wichtigste Anwendungsbeispiel einer solchen Methode, mit der die Menschen zu ihrem Glück geführt werden können, sei der in vielen Ländern eingeführte Automatismus beim Sparen für die ­Altersvorsorge, erklärte Thaler gestern in einem Interview auf Nobelprice.org: Wer sich dem Sparzwang nicht aktiv verweigert, wird stillschweigend in das Vorsorgesystem eingebunden.

Menschen unterschätzen Wert des Sparens

Diese Art von Nudging sei nötig und hilfreich, um den Menschen zu einem besseren Lebensabend zu verhelfen, glaubt Thaler. Tatsächlich belegt eine Vielzahl von Untersuchungen, dass die Menschen den Wert des Sparens unterschätzen und dessen Notwendigkeit erst erkennen, wenn es bereits zu spät ist. Die Altersvorsorge ist ein ökonomisch überaus relevantes Gebiet, auf dem Thaler seine Ideen bereits ausgiebig testen konnte. Als Beispiel nennt er die Teilprivatisierung des schwedischen Vorsorgesystems vor 15 Jahren. Den Sparern wurde damals die Möglichkeit gegeben, einen Teil ihres Altersguthabens in Anlagefonds der eigenen Wahl zu investieren. Aktiv im Angebot waren lauter Produkte von privaten Anbietern, die sich eine teure Werbeschlacht lieferten. Am Ende erwies sich aber das staatliche Alternativangebot als die beste Variante, und dies, obwohl es nur als Auffangeinrichtung für Sparer gedacht war, welche die Zeichnungsrunde verpasst hatten. Thaler geht nun der Frage nach, ob der Staat die von den Wahlmöglichkeiten der privaten Banken erschlagenen Bürger nicht sanft in sein eigenes Auffangsystem hätte lenken sollen. «Unsere Forschung hat die Pensionssysteme rund um die Welt im grossen Stil verändert», stellt der Nobelpreisgewinner in dem besagten Interview fest.

In der Tat haben Regierungen und Länder wie die USA, Grossbritannien oder Deutschland in den vergangenen Jahren eigene Abteilungen geschaffen, in denen die Möglichkeiten des Nudging als Alternative zu Gesetzen und Regulierungen geprüft und angewendet werden. In Grossbritannien erhoffte sich die Regierung unter David Cameron eine grössere Disziplin der Steuerzahler, indem sie säumigen Zahlern nicht einfach eine Mahnung schickte, sondern diesen auch vor Augen führte, dass sie die soziale Norm klar verletzen würden. Zum Beispiel: Nur 5 Prozent der Steuerzahler aus ihrer Einkommensklasse sind mit den Zahlungen länger als 20 Tage im Verzug.

Nicht in allen politischen Kreisen akzeptiert

Doch der «libertäre Paternalismus», mit dem Thaler den irrational handelnden Konsumenten und Bürgern den richtigen Weg zuweisen will, stösst in manchen politischen Kreisen auch auf Misstrauen und gar auf offene Ablehnung. In der Tat stellt sich die Frage, inwieweit ein Staat ohne demokratische Kontrolle Methoden anwenden darf, die in den Werbe- und Verkaufsmethoden der gewinnmaximierenden Konsumgüterindustrie natürlich längst üblich sind. Zum Beispiel: Das Produkt mit der höchsten Gewinnmarge liegt immer vorne im Verkaufsregal.

Thaler sagt deshalb, dass ein ethisch einwandfreier Nudge stets transparent und niemals irreführend sein dürfe. Er müsse für die Leute einfach zu verstehen sein, und es brauche gute Gründe, dass der Nudge der Gesellschaft als ganzer einen Nutzen bringe. Inwieweit Regierungen diese Grundsätze tatsächlich beherzigen, bleibt freilich eine offene Frage und gibt Thalers Kritikern laufend Futter. Ein Fakt ist allerdings, dass sich ökonomische Modelle unter der Prämisse eines stets rational handelnden Homo oeconomicus immer schlechter mit der Realität vereinbaren lassen. Seit Thalers Freund und Forscherkollege Daniel Kahnemann vor 15 Jahren als erster Verhaltenspsychologe den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, ist die noch junge Disziplin nicht mehr aus den Wirtschaftswissenschaften wegzudenken.

Ökonom und Nobelpreisträger


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