«Wir müssen flexibel sein»

EUROPA-FORUM ⋅ Digitalisierung sei nicht bequem und mühsam. Doch es führe kein Weg an ihr vorbei, sagt Bundesrätin Doris Leuthard am Europa-Forum in Luzern.
14. November 2017, 00:00

Rainer Rickenbach

Eigentlich, sagte Bundesrätin Doris Leuthard gestern vor 500 Besuchern am Europa-Forum im KKL Luzern, habe die Schweiz starke Trümpfe für die digitale Revolution. «Das Land ist wettbewerbsfähig, innovativ und verfügt über exzellente Unternehmen sowie ETH und Universitäten», so Leuthard. Trotzdem tue es sich mitunter schwer mit den neuen Technologien. Denn zu oft würden die Risiken oder der Datenschutz höher gewichtet als die Chancen. Die Schweizer neigen nach ihrer Einschätzung bei Neuerungen dazu, die Auswirkungen «bis auf sechs Stellen hinter dem Komma» auszuloten.

Bei einer Technologie, die sich rasend schnell entwickelt, komme man mit dieser Art von Gründlichkeit nicht weit. «Der Bundesrat hat letztes Jahr eine Strategie zur Digitalisierung entwickelt. Doch sie ist nicht in Stein gemeisselt, denn wir müssen flexibel sein. Wichtig ist: Man muss einmal damit beginnen», so die Vorsteherin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

Auch die Spitzenkräfte grosser Konzerne stellten den technologischen Fortschritt nicht als etwas dar, mit dem man sich einmal in der Chefetage befasst und nachher eine endgültige Antwort darauf hat. Am Europa-Forum hatten unter anderen Ulrich Spiesshofer (ABB), Rolf Dörig (Swiss Life), Christoph Franz (Roche) und Sergio Ermotti (UBS) ihren Auftritt. Ihre Einschätzungen waren zwar von den Branchen geprägt, in denen sie tätig sind. Der Tenor war indes bei allen der gleiche: Die Digitalisierung schafft Mehrwerte und bietet den Unternehmen neue Entwicklungsfelder. Zuhörerin Madeleine Stöckli, CEO von B.Braun Schweiz in Sempach-Station, erläuterte in einer Ver­anstaltungspause: «Die Umwälzung betrifft uns auf verschie­denen Ebenen. Die Produkte müssen vernetzbar werden, die Abläufe ändern sich: von der Personalabteilung bis hin zum Kauf von Rohstoffen oder zum Verkauf unserer Produkte. Und schliesslich eröffnen sich neue Geschäftsmodelle.»

Roboter und Arbeitslose

Fast alle Referenten mahnten, man müsse die Mitarbeitenden und Konsumenten mit auf die Reise zu den neuen Technologien nehmen. «Die Ängste sind weit verbreitet», sagte etwa ABB-CEO Spiesshofer. Die grösste Furcht: Roboter und künstliche Intelligenz vernichten Arbeitsplätze. Spiesshofer sagte: «In Deutschland, Japan und Süd­korea ist die Roboterdichte am grössten. In diesen Ländern ist die Arbeitslosigkeit aber tief. Anders zum Beispiel in Frankreich: Dort ist die Roboterdichte weit geringer, die Arbeitslosigkeit aber hoch.» Zudem habe nicht zuletzt die Digitalisierung dazu beigetragen, dass in China und Indien 400 Millionen Menschen in den letzten 20 Jahren den Weg aus der Armut gefunden hätten.

Die neuen Technologien veränderten die Berufslaufbahnen. «Früher änderte sich die Arbeitstätigkeit von Generation zu Generation. Heute vollziehen sich die Änderungen innerhalb einer Generation. Aus- und Weiterbildung werden darum noch viel wichtiger», so Spiesshofer. Doris Leuthard sah den Handlungsbedarf vor allem bei den 30- bis 40-Jährigen: «Universitäten und Hochschulen sind gut auf Kurs. Entscheidend wird sein, die Berufstätigen im mittleren Alter auf dem Laufenden zu halten.»


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