«Wir würden gerne Kompromisse suchen»

AMAZON ⋅ Der Gewerkschafter Thomas Vosz erklärt, weshalb der Onlinehändler Amazon in Deutschland ständig bestreikt wird und was der tiefere Sinn dieses Katz-und-Maus-Spiels ist.
05. Dezember 2017, 00:00

Interview: Daniel Zulauf

Thomas Vosz, Ihre Gewerkschaft ruft in Deutschland fast wöchentlich zu Streiks in Amazon-Logistik­zentren auf. Bestellungen im Weihnachtsgeschäft sollen für Amazon-Kunden eine unsichere Sache ­bleiben. Sind sie das?

Ich denke schon. Wir sind mit unserer Streiktaktik unberechenbar. Amazon kann sich schlecht vorbereiten. Für das Weihnachtsgeschäft haben sie sich vorbereitet, indem sie den Beschäftigtenbestand mit vielen Saisonkräften aufgestockt und fast verdoppelt haben.

Amazon selber spricht von 13000 Saisonkräften. So kommen die Weihnachtspakete trotzdem an.

Vielleicht. Aber Amazon muss einen Haufen Geld ausgeben, um gegenüber den Kunden sicherzustellen, dass das Lieferversprechen eingehalten wird.

Wollen Sie ihnen schaden?

Nein. Wir wollen, dass die Beschäftigten von Amazon ihren Anteil am Gewinn und am Erfolg des Unternehmens zu spüren kriegen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen verbessern und so weiter.

Geht das nur mit Streiks?

Amazon könnte es auch anders haben. Wir könnten miteinander reden, verhandeln und ausloten, was geht und was nicht geht. Kompromisse suchen, das würden wir gerne machen.

Sie wollen einen Tarifvertrag.

Ja. Wir wollen, dass Amazon die in Deutschland gesetzlich geregelte Tarifpartnerschaft akzeptiert. Amazon soll sich mit den von unseren Gewerkschaftsmitgliedern gewählten Tarifkommissionen an einen Tisch setzen und über ­Tarifverträge verhandeln.

Nur 35 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben einen Tarifvertrag. Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Gewerkschaften?

Es ist vor allem die Folge einer schlimmen Entwicklung der Politik. Bis zur Jahrtausendwende hatten wir im deutschen Einzelhandel allgemein verbindliche Tarifverträge. Dann wurde politisch entschieden, dass jedes Unternehmen selber entscheiden soll, ob es einen Tarifvertrag eingehen will oder nicht. Damit hat sich der Wettbewerb im Verkaufsprozess von der Qualität auf die reinen Lohnkosten verlagert.

Wie hoch ist der Organisationsgrad Ihrer Gewerkschaft bei Amazon?

Wir fingen mit einer Handvoll Mitgliedern in den einzelnen Standorten an und haben inzwischen einen Stand von weit über einem Drittel der Beschäftigten erreicht.

Ein mittleres Einkommen eines Amazon-Lagerarbeiters in Deutschland beläuft sich auf etwa 1760 Euro pro Monat. Kann man davon leben?

Das ist möglich, wenn man sehr bescheiden ist und zum Beispiel nie in Urlaub fährt. Wenn man eine Familie und vielleicht noch Kinder hat, wird es sehr, sehr schwierig. Manche Amazon-Beschäf­tigte benötigen zusätzlich zum Lohn staatliche Hilfe.

Aber Ihnen geht es um mehr als um die Löhne. Richtig?

Ja. Es geht um die grundsätzliche ­Anerkennung der Tarifpartnerschaft. Es geht darum, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe über Löhne und Bedingungen der Arbeit reden können. Es geht nicht primär um die Höhe der Löhne. Deshalb ist der Konflikt auch sehr grundsätzlich. Nehmen Sie zum Beispiel die exorbitant hohen Krankenstände, mit denen sich Amazon seit Jahren hervortut.

Was ist damit?

In gewissen Schichten betragen die krankheitsbedingten Absenzen um die 20 Prozent. Wir sind aufgrund unserer Befragungen der Beschäftigten überzeugt davon, dass daran die Arbeitsverhältnisse schuld sind.

Wie sieht diese Arbeit denn aus?

Die Arbeit ist sehr monoton. Die Mitarbeiter erhalten einen kleinen Handscanner, der sie über jeden kleinen Arbeitsschritt unterweist und dessen Ausführung kontrolliert. Dazu gibt es körperliche Belastungen durch die langen Wege, welche die Mitarbeiter in den riesigen Logistikzentren täglich zurücklegen müssen. Wir sprechen von Hallen von bis zu 150000 Quadratmetern. Vieles ist standardisiert. Die Pausenzeiten sind extrem kurz, die Schichten liegen eng aufeinander.

Sie sind 66 Jahre alt. Wie sehen Sie mit Ihrer Erfahrung die jüngste Entwicklung der Arbeitswelt?

Ich finde es beängstigend, wie diese ­gigantischen Firmen vom Schlag einer Amazon Entwicklungen vorantreiben, hinter denen wir als Gewerkschaften und die Beschäftigten selber nicht mehr nachkommen. Die Entwicklungen unterlaufen das, was wir vertreten: Demokratisierung der Arbeitswelt, starke Verhandlungsposition der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Ausbau des Sozialstaates und so weiter. Es sind besorgniserregende Entwicklungen.

Vorher tönte es noch optimistischer.

Digitalisierung kann man nicht aufhalten, aber man kann sie zu unseren Gunsten beeinflussen. Da bin ich eigentlich recht zuversichtlich. Mehr erwarte ich allerdings von der Politik.

Zur Person

Thomas Vosz ist Sekretär des Fachgruppenbereichs Versand- und Onlinehandel bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Seit bald fünf Jahren verlangen Vosz und seine Kollegen, dass Amazon mit Verdi einen Tarifvertrag nach den ­gesetzlichen Vorgaben des deutschen Einzelhandels unterschreibt.

Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di


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