«Den Büroalltag stelle ich mir viel langweiliger vor»

STADTGÄRTNERIN ⋅ Nina Kramer ist Unterhaltsgärtnerin bei der Stadt Luzern. Die 21-jährige Frau aus Schachen erzählt, wofür sie häufig Komplimente bekommt und wie sie verhindert, dass Bäume Sonnenbrand bekommen.
16. März 2017, 00:00
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Auf dem Weg ins Büro habe ich Arbeitskollegen von Ihnen gesehen, die auf Bäumen mit Seilen gesichert Äste schnitten. Als ich wenig später mit einer Fotografin eine Reportage machen wollte, waren die weg. Seid ihr alle so flink, Nina Kramer?

Ja, klar. Wir arbeiten schnell und konzentriert. Unsere Baumpfleger sind sogar noch ein wenig schneller als wir vom Unterhalt.

Weil Sie so fleissig sind, dürfen Sie Ihren Baum sicher für ein Gespräch verlassen.

Da wir bald fertig sind, geht das.

Verstehe ich Sie recht? Sie sind keine Baumpflegerin?

Genau. Gelernt habe ich Zierpflanzengärtnerin. Weil bei der Stadtgärtnerei nach der Lehre kein Job in diesem Bereich frei war, fing ich im Unterhalt an.

Sie bringen mit Ihren Mitarbeitern sämtliche Kastanienbäume vom «Tivoli» bis zum «Schweizerhof» mit Astschere und Säge in Form – und wirken trotz dieses Knochenjobs recht zufrieden.

Das bin ich. Erstens sind wir ein gutes Team, und zweitens hatten wir beim Schneiden der Kastanienbäume bis jetzt Wetterglück. So macht die Arbeit Spass, auch wenn wir häufig dieselben Handgriffe machen, bis wir durch sind.

Umso erstaunlicher ist Ihre gute Laune bei der wenig abwechslungsreichen Arbeit.

Den Büroalltag stelle ich mir viel langweiliger vor. Das wäre nichts für mich. Wir sind jeden Tag an der frischen Luft und haben Kontakt mit Leuten. Wie jetzt mit denen, die am See spazieren. Die haben meistens gute Laune und stecken uns an. Zudem erhalten wir viele Komplimente.

Wofür?

Wertschätzung für unsere Arbeit. Viele erlauben sich natürlich auch den Scherz: «Die Affen steigen, es gibt schönes Wetter.»

Den alten Spruch gibt’s noch?

Jaja. Der wird fünf- bis zehnmal pro Tag erzählt. Aber die Leute meinen es nett.

Ich habe keinen Plan, welche Äste ich bei meinem Apfelbaum schneiden soll. Wie wissen Sie, welcher Ast wegmuss?

Ich schneide nur Kastanienbäume oder manchmal Platanen zurück. Bei Kastanien ist es einfach. Wir schneiden von innen nach aussen und lassen einige dünnere Äste stehen. Wenn man zu stark ausdünnt, besteht nämlich die Gefahr auf Sonnenbrand.

Nehmen Sie mich auf den Arm?

Nein, das stimmt.

Das wusste ich nicht. Aber gut, dann habe ich wieder etwas gelernt. Aber sagen Sie, ungefährlich ist die Arbeit mit Werkzeug auf Bäumen nicht. Sind Sie noch nie gestürzt?

Nein, nur einmal fast.

Haben Sie etwa am falschen Ast gesägt?

Nicht gesägt. Der ist gebrochen, als ich darauf getreten bin.

Die Folge?

Keine. Ich konnte mich festhalten. Zudem sind wir ab einer gewissen Höhe mit Seilen gesichert.

Auf dem Bau arbeiten viele Malerinnen. Sind Sie im Unterhalt Einzelkämpferin?

Im vorherigen Depot war ich tatsächlich die einzige Frau. Hier sind wir aber zu dritt.

Müssen Sie sich gegen männliche Kollegen behaupten?

Durchsetzen musste ich mich nur zu Beginn. Allerdings ging es meistens darum, dass mir die Kollegen schwere körperliche Arbeiten abnehmen wollten.

Das geht natürlich nicht.

Nein, das geht wirklich nicht. Ich entschied mich ja bewusst für den Job und war mir im Klaren, dass ich körperlich gefordert werde und was meine Aufgaben sind.

Zur Hauptsache welche?

Rasen mähen, Rabatten bepflanzen, Unkraut jäten, Spielplätze kontrollieren – alles, was im Stadtraum eben so anfällt.

All dies begeistert Sie?

So ist es – bis auf das Jäten.

Wer bestimmt eigentlich, welche Pflanzen wo gesetzt werden?

Dafür gibt es eine Gruppe, die sich damit beschäftigt. Ich ge­höre auch dazu.

Gibt es eine Stelle in der Stadt, die Ihre Handschrift trägt?

Noch nicht. Aber ich wäre voll dafür, dass der Brüelkreisel neu gestaltet wird. Anstelle des Kirschlorbeers und des Baums, die jetzt den Kreisel zieren, würde ich Wechselflor pflanzen.

Gute Idee. Wann tun Sie’s?

Sobald ich die Chefs überzeugt habe.

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


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