«Ephraim Kishon wollte mich fast nicht mehr gehen lassen»

KULTUR ⋅ Arno Renggli ist Leiter des Ressorts Kultur und Gesellschaft. Der 51-jährige Luzerner ist seit 1993 Journalist am Maihof. Mit Stilblüten von Schulkindern landete er letztes Jahr einen unerwarteten Buch-Bestseller.

21. November 2016, 00:00

Arno Renggli, ab der morgigen Ausgabe bringt unsere Zeitung die besten Geschichten des diesjährigen «Klubs der jungen Dichter». Sie als Jurymitglied kennen einige der Texte bereits. Worauf dürfen wir uns freuen?

Auf Geschichten von Schulkindern aus der Zentralschweiz, die nicht nur erstaunlich gut geschrieben, sondern auch mit viel Humor und Emotionen erzählt sind.

Was macht sie so besonders?

Für uns Erwachsene reizvoll ist die andere Sichtweise der Kinder auf das Leben. Und wie diese mit jugendlicher Frische aufs Papier gebracht werden.

Wie ist der Klub entstanden?

Als Schüler-Schreibwettbewerb der damaligen LNN. Ich selber arbeitete beim «Vaterland». Bei der Fusion der beiden Zeitungen habe ich dieses Baby quasi gerettet und das Projekt weitergeführt.

Darf man von einer Erfolgsgeschichte sprechen?

Unbedingt. Den «Klub der jungen Dichter» gibt es seit über 20 Jahren. Seit Beginn haben rund 120 000 Kinder ihre Geschichten eingesandt. Die Sache findet eine grosse Resonanz auf breiter Ebene. So binden viele Lehrpersonen den Klub in den Unterricht mit ein.

Eine wunderbare Sache sind die Stilblüten, die uns die Kinder bescheren. Haben Sie ein Müsterchen zur Hand, um uns gluschtig zu machen?

Die Stilblüten sind bei jedem «Klub der jungen Dichter» der krönende Abschluss. Das klingt dann etwa so: «Die Schlacht bei Morgarten endete ohne Zwischenfälle.» Oder: «Nina überlegte, ob sie vielleicht biosexuell sei.» Die Stilblüten sind witzig und voll von kindlichem Charme. Die Zeitungsleser reagieren immer begeistert darauf.

Ihnen liegt dieses Gefäss so sehr am Herzen, dass Sie ein Buch mit den besten Stilblüten publiziert haben.

Das war ein Versuchsballon zum 20-Jahr-Jubiläum. Wir haben im Verlauf der Jahre so viele Stilblüten gesammelt, dass wir beschlossen haben, eine Sammlung in Buchform zu veröffentlichen. Es wurde ein überraschend grosser Erfolg mit rund 25 000 verkauften Exemplaren.

Das Buch mit dem Titel «Der Hund starb – was er nicht überlebte» machte Sie als Autor über Nacht bekannt wie einen bunten Hund.

Naja, ich denke, der Hund im Titel ist bekannter als ich selber. Mein Verdienst bestand darin, aus den gesammelten Stilblüten die allerbesten auszusuchen, thematisch zu ordnen und mit Zwischenkommentaren zu verbinden. Das ist natürlich ein Vergleich zu der schöpferischen Leistung von jemandem, der einen grossen Roman oder ein komplexes Sachbuch verfasst.

Eine weitere Erfolgsgeschichte unserer Zeitung, in die Sie involviert sind, ist die Weihnachtsaktion. Hier schreiben Sie selber Texte. Auch eine Herzensangelegenheit von Ihnen?

Ja, wobei die LZ-Weihnachtsaktion punkto Bedeutung noch ein paar Nummern grösser ist. Meine Aufgabe ist es, die Aktion journalistisch zu begleiten. Ich besuche Leute und Familien, die Schlimmes erlebt haben. Gleich mein allererster Besuch vor gut drei Jahren führte mich zu einer Familie mit drei Kindern, in der wenige Wochen zuvor der Vater bei einem Unfall getötet worden war.

Wie gingen Sie auf die Menschen mit einem solchen Schicksal zu?

Ich war zunächst sehr unsicher. Tatsächlich wurde es sehr bewegend, auch Tränen flossen. Ich merkte aber, dass man keine Angst haben muss vor dem Schmerz der Menschen und man mit ihnen sehr konkret reden kann. Heute gehe ich ohne Berührungsängste zu Menschen, die in Not sind. Zudem weiss ich ja, dass meine Zeitungstexte dann Spenden generieren. Der Weihnachtsaktion gelingt es jedes Jahr, Tausenden von Einzelpersonen und Familien in unserer Region zu helfen. Ich konnte mich selber davon überzeugen, wie unbürokratisch und sinnvoll die Spenden eingesetzt werden.

Sie sind auch musikalischer Leiter im Le Théâtre in Kriens, das am 12. November mit dem Musical «Summer of 85» Premiere gefeiert hat. Wie schaffen Sie das – zumal Sie auch Vater zweier erwachsener und zweier noch nicht schulpflichtiger Kinder sind?

Der Zeitpunkt ist nur scheinbar nicht ideal. Aber bei der Premiere ist die intensivste Zeit für mich längst vorüber. Ich spiele noch die Aufführungen, die ich aber mit einem Stellvertreter teile. Die musikalischen Arrangements erstelle ich schon im Sommer. Ich schaufle mir die eine oder andere Woche frei und widme mich voll der Musik. Dann befinde ich mich in einer ganz anderen Welt.

Als Kulturredaktor können Sie sicher auch Beruf und private Interessen vereinen.

Ja, wobei mir die Bereiche Literatur, Theater, Film oder Popmusik näher sind als etwa klassische Musik oder bildende Kunst. Aber kein Kulturjournalist versteht von allem etwas. Ich habe Ressortkolleginnen und -kollegen mit anderen Stärken, wir ergänzen uns gut.

Wie wichtig ist bei Lesern die regionale Kultur im Vergleich zur nationalen und internationalen? Wie finden Sie in der Zeitung die Balance?

Luzern und die Zentralschweiz sind kulturell überdurchschnittlich interessant. Wir sind daher überzeugt, dass unsere Leser regional sehr interessiert sind. Wir haben den Anspruch, auch das Überregionale gut abzudecken. Dennoch setzen wir unsere Ressourcen mehrheitlich für regionale Themen ein und beschaffen die anderen Stoffe auch in Zusammenarbeit mit freien Journalisten oder Partnerzeitungen.

Gibt es Begegnungen, an die Sie sich gerne erinnern?

Ja, viele. Zwei Beispiele sind die berühmten Autoren Paolo Coelho und Ephraim Kishon. Kishon traf ich in seiner Zürcher Wohnung. Ich merkte, es passte ihm gar nicht, dass sein Verlag ihm das Interview aufgezwungen hatte. Als er aber merkte, dass ich schon als Jugendlicher seine Bücher gelesen hatte, taute er total auf und liess mich kaum mehr aus der Wohnung. Es war ein schönes und emotionales Gespräch.

Ein Beispiel aus der Musik?

Ein kürzliches Highlight war, als ich dieses Jahr am Retro-Festival Luzern Peter Cetera, den Sänger von Chicago, live hören konnte. Er war ein musikalischer Held meiner Jugend.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


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