«Es wird kein Disneyland geben»

RIGI ⋅ Seit sieben Monaten führt Stefan Otz die Rigi Bahnen AG. Er will mit aussergewöhnlichen Attraktionen mehr Gäste auf den Berg locken. Die Beschaffung von Rollmaterial wird aber länger dauern als ursprünglich angenommen.
22. April 2017, 00:00

Interview: Jürg Auf der Maur

zentralschweiz@luzernerzeitung.ch

Stefan Otz, Sie sind seit gut einem halben Jahr Direktor der Rigi Bahnen AG. Sind Sie mit dem neuen Job zufrieden?

Ich habe mich gut vorbereitet, deshalb sind grosse Überraschungen ausgeblieben. Meine Bilanz der ersten Monate ist sehr positiv. Ich stelle eine grosse Identifikation mit den Berg fest. Da sind viele Emotionen im Spiel. Das ist meistens positiv, kann aber teils die Arbeit auch erschweren.

Sie waren zuvor Tourismusdirektor von Interlaken. War die Umstellung gross?

Vorher war ich für das Destinationsmanagement zuständig. Nun führe ich direkt ein Produkt, bin verantwortlich für die Entwicklung des Unternehmens und die Zielerreichung. Das passt so und entspricht meinem Wunsch.

Sie haben viel vor. An der Bilanzmedienkonferenz wurden zahlreiche Projekte vorgestellt, etwa ein begehbarer Sendeturm auf Rigi Kulm (Ausgabe vom 8. April).

Der Masterplan wurde vor meiner Zeit entwickelt. Jetzt geht es darum, ihn Schritt für Schritt umzusetzen. Das Ziel ist, die Angebotspalette für den Gast zu erweitern. Bei schönem Wetter funktioniert die Rigi gut. Bei schlechtem Wetter haben wir Nachholbedarf.

Aber braucht es wirklich Angebote wie einen begehbaren Tannzapfenturm auf Rigi Scheidegg oder ein Alpdörfli auf Rigi Staffel?

Vielleicht hilft folgende Metapher: Im Moment werfen wir in verschiedenen Teichen die Angel aus. Das Schöne ist, dass immer ein Fisch anbeisst. Die Herausforderung: Wir können all die Fische gar nicht verarbeiten und trennen das Wünschbare vom Machbaren. Wir werden kaum ohne Verzichtsplanung auskommen oder müssen gewisse Projekte zeitlich nach hinten schieben.

Was sind Ihre Prioritäten?

Wir beginnen auf dem Gipfel – da, wo alle hinwollen. Die Realisierung der Gipfelankunft mit Umbau des Bahnhofs und begehbarem Sendeturm steht im Vordergrund. Gleichzeitig fokussieren wir auch ein neues Angebot auf Rigi Scheidegg. Denn im Herbst 2017 übernehmen wir im Mandat den Betrieb der neuen Luftseilbahn Kräbel–Rigi Scheidegg. Im Moment gehe ich davon aus, dass das Alpdörfli auf Rigi Staffel eher mittelfristig realisiert wird.

Wird die Rigi zum Rummelplatz?

Nein, genau das wird sie nicht. Es wird kein Disneyland geben. Wir arbeiten mit dem, was auf dem Berg schon vorkommt. Wenn wir einen Tannzapfenturm bauen, dann basieren wir auf einem Element, das es auf der Rigi schon gibt. Auch der Sendeturm ist schon da, nur nicht in dieser Art begehbar. Die Rigi bleibt ein sanfter Berg. Sie steht weiterhin für Natur und Tradition.

Können Sie die Investitionen überhaupt bezahlen? Von welchen Beträgen reden wir?

Würden wir alle Pläne gleichzeitig realisieren – also den Sendeturm, das Alpdörfli auf Staffel, den Tannzapfenturm auf Rigi Scheidegg und das neue Rollmaterial –, dann müssten wir mit einem Bedarf von 50 bis 60 Millionen Franken rechnen.

Das ist viel Geld.

Richtig, und alles gleichzeitig werden wir nicht realisieren können. Doch ein gestaffeltes Vorgehen macht vieles möglich. Wir haben unser Aktienkapital erfolgreich erhöht, eine zweite Tranche folgt im Herbst 2017. Ebenfalls werden wir noch weiteres Geld auf dem Kapitalmarkt beschaffen. Die Rigi Bahnen AG gehört gemäss Branchenexperten zu jenen touristischen Bahnen, deren Aktien über einen reinen Liebhaberwert hinausreichen.

Jetzt zählt die Rigi 800000 Gäste. Heisst das Ziel eine Million?

Das ist denkbar, wobei ich immer vorsichtig bin, mich über zukünftige Frequenzen zu äussern. Passen wir das Angebot wie geplant an, werden mehr Gäste die Rigi besuchen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Tagesrandzeiten werden wir besser auslasten. Auch in der Zwischensaison, etwa im März oder im April, haben wir noch viel Luft nach oben.

Die Rigibahnen sind seit 25 Jahren fusioniert. Ist dieser Prozess abgeschlossen?

Rein juristisch ist die Fusion längstens vollzogen. Kulturell spüre ich noch Unterschiede, dar­an arbeiten wir. Das ist aber auch nicht anders zu erwarten, solange noch eine blaue und eine rote Bahn auf den Berg fährt. (lacht)

Mit der Neubeschaffung von Rollmaterial wird ja auf Grün gewechselt.

Es gibt Einheimische, die sagen, wenn die Bahn grün werde, sähen sie rot.

Das heisst?

Wir haben uns noch nicht entschieden. Sicher ist heute einzig, dass es keine vollständig grünen Wagen geben wird. Vorstellbar sind verschiedene Gestaltungsvarianten mit mehr oder weniger grünem Anstrich.

Bis wann ist das so weit?

Bisher gingen wir davon aus, dass das Rollmaterial 2021, zum 150-Jahr-Jubiläum, vorhanden ist. Jetzt zeigt es sich, dass die Zeit knapp wird. Wenn wir Rollmaterial beschaffen, ist das eine komplexe Angelegenheit, und es muss für die nächsten 50 Jahre funktionieren. Das heisst, ein solcher Entscheid ist gut zu überlegen.

Derzeit wird viel von führerlosen Zügen geredet. Machen Sie sich auch dazu Gedanken?

Das ist mit ein Grund, weshalb wir uns so stark mit der Beschaffung von neuem Rollmaterial auseinandersetzen.

Dann kommt schon bald die führerlose Rigibahn?

Gänzlich führerlos ist für uns zurzeit schwer vorstellbar. Wir wurden angefragt, ob sich die Rigi Bahnen AG für einen Pilotbetrieb zur Verfügung stellen würde. Vom geringen Tempo, mit dem unsere Züge unterwegs sind, aber auch von den Stationen und der gesamten Infrastruktur her wäre die Rigi Bahnen AG geradezu prädestiniert, sich hier eventuell für einen punktuellen Versuchsbetrieb zur Verfügung zu stellen.

Und?

Wir stehen mit interessierten Kreisen in Kontakt. Eine technische Umsetzung lässt aber sicher noch auf sich warten.

Die Rigi Bahnen AG will in Goldau ein Hotel in einem 30-Meter-Turm bauen. Wie ist der Stand der Arbeiten?

Wir gehören zu einer Interessengruppe, die zusammen mit der Gemeinde in die Planung des neuen Bahnhofareals involviert ist. Diese Projektarbeiten laufen, und man prüft diverse Optionen. Ich bin optimistisch.

Der Zeitplan für den Neubau ist aber noch offen.

Das ist so. Wir analysieren derzeit unsere Bedürfnisse in diesem Areal. Ich schätze das Potenzial von Goldau als sehr gross ein. Der neue Neat-Bahnhof wird einen Entwicklungsschub auslösen, von dem auch der Tourismus profitieren wird. Da wollen und müssen wir dabei sein.

Hinweis

Stefan Otz (51) ist CEO der Rigi Bahnen AG. Zuvor war er 13 Jahre Direktor von Interlaken Tourismus.

«Im Moment gehe ich davon aus, dass das Alpdörfli auf Rigi Staffel eher mittelfristig realisiert wird.»

Stefan Otz

Direktor Rigi Bahnen AG


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