«Hoch hinaus und weit gekommen»

PILATUS ⋅ Als erste Frau in Obwalden erhält die Videokünstlerin Judith Albert den Innerschweizer Kulturpreis. Ihre Kunst ist stets auch Poesie.

13. September 2016, 00:00

«JAHRE TUT BILD!» Mit diesem Anagramm – gebildet aus den Buchstaben ihres Namens – dankt Judith Albert auf dem 2132 Meter über Meer gelegenen Pilatus für den Kulturpreis der Innerschweiz. Reduzierter und präziser kann kaum jemand sagen, warum die 47-jährige Alpnacherin den prestigeträchtigen, mit 25 000 Franken dotierten Preis entgegennehmen darf. Warum sie so viele aufsehenerregende Werke geschaffen hat, drückt sie in einem andern Anagramm zu ihrem Namen aus: «DJ HU LIEBT ART.» Ja, es ist die Lust, immer wieder Neuland zu betreten, sich auf Unbekanntes einzulassen, die Arbeit weiterzuentwickeln und auch Risiken einzugehen, die sie antreibt, die ihr Aufträge und viele Preise beschert.

Erst sieben Preisträgerinnen

Der Obwaldner Landammann Franz Enderli feiert die neue Preisträgerin zusammen mit Regierungskollegen und Kulturvertretern aus allen Innerschweizer Kantonen. Ganz besonders freue ihn, so Enderli, dass Judith Albert die erste Frau aus Obwalden sei, die den Innerschweizer Kulturpreis erhalte. Die Bedeutung dieser Tatsache unterstreicht er, indem er pointiert: «Seit 1953 wurden 66 Personen mit dem Innerschweizer Kulturpreis ausgezeichnet, davon nur sieben Frauen!» Wenn immer er Alberts Videos anschaue, so Enderli weiter, habe er das gleiche Gefühl: «Sie wollen so wenig und bewirken gleichzeitig unglaublich viel.» Als Obwaldner Kulturvorsteher schätze er, dass Judith Albert die Verbindung zu ihrer Heimat nie abgebrochen habe. Eine Arbeit hebt Enderli hervor: Das Projekt «Signale» im Berufs- und Weiterbildungszentrum Sarnen. Dank Albert sei dort jeder Pausengong, bestehend aus in Obwalden aufgenommenen Glocken – vom Kirchengeläut über Kuhschellen bis zu Messglöcklein – einzigartig und einmalig.

Pilatus: Etappenziel mit Weitsicht

«Warum auf diesen Berg für die heutige Preisverleihung, Judith?», fragt Laudatorin Katharina Ammann (Leiterin Abteilung Kunstgeschichte des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft). Ihre rhetorische Frage beantwortet sie gleich selbst: «Du willst hoch hinaus und bist weit gekommen.» Auf keinen Fall aber will Ammann diesen Gipfel als Symbol dafür begreifen, dass der Höhepunkt erreicht ist. «Vielmehr sehen wir ihn als Etappenziel, das einen Blick zurück und einen Moment der Reflexion erlaubt», sagt die Laudatorin.

Dann beleuchtet sie einzelne Kapitel einer fast unglaublichen Erfolgsgeschichte. «Schon im Jahr nach Abschluss der Hochschule für Gestaltung katapultiert es Albert ins Epizentrum der Schweizer Kunstszene durch eine Einladung zur einflussreichen Ausstellung ‹Freie Sicht aufs Mittelmeer› im Kunsthaus Zürich», hält Ammann fest. Da lasse Albert ihre Alpen vorerst hinter sich und sei mit der Videoarbeit «Livingroom» gleich auf der Aussenwand des Kunsthauses vertreten.

Bewusste Wahl der Farben

Sie zeigt eine Szene unter Wasser im Hallenbad, wo sich eine junge Frau ein Bett herrichtet und zum Schlafen hinlegt. Bewegungen fliessend wie in einem Traum. Ein Merkmal ist die bewusste Wahl von Farben, wie sie in Alberts Videos immer wieder zum Tragen kommt: die gelbe Decke, der orange Pullover, die violette Hose, das Blau der Poolwände. Die Erinnerung an ein Stillleben kommt auf. Die Stille der Kamera, die einfache Handlung, das Video als kurzes Gedicht: All das wird sich wie eine Gesetzmässigkeit durch all ihre Videoarbeiten ziehen. Fast jedes Jahr gewinnt sie nun einen Wettbewerb und realisiert ein «Kunst am Bau Projekt».

Und wie schon bei der ersten grossen Arbeit steht immer wieder ihr Lebenspartner Gery Hofer hinter der Kamera. Ihm spricht Albert denn auch ihren ersten Dank aus. Ein landesweit beach­tetes Werk schafft die Künstlerin bei der Realisierung des ­neuen Chor­raumes der Solothurner St.-­Ursen-Kathedrale. «L’ultima cena» bezieht sich auf Da Vincis Abendmahl und verblüfft durch den acht Tonnen schweren Hauptaltar aus Carrara-Marmor. Verblüfft, weil er wie ein Tuch aus schweren Leinen aussieht, dessen Stoffstruktur und Falten weich anmuten und doch aus einem einzigen massiven Steinblock gehauen werden.

Mit Worten zurück zum Ursprung

Am Beginn von Judith Alberts Schaffen stand in Zeichnungen und auch Texten jene Lyrik, die in ihren Videoarbeiten bis heute spürbar-poetisch, reduziert und zugespitzt geblieben ist. Dass Désirée Meiser und Jul Dillier an der Feier einige unveröffentlichte Texte der Preisträgerin unter der Regie von Geri Dillier gekonnt und eindrücklich vortragen, ist ein Höhepunkt. Ja, die eigentliche Neuentdeckung einer längst entdeckten, gefeierten Künstlerin, die übrigens den von ihr gewählten Pilatus auch mit eigens hergestellten Arbeiten bespielt.

Romano Cuonz


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