Analyse

Integration ist vielsprachig

Harry Ziegler, Chefredaktor der «Neuen Zuger Zeitung», über Hochdeutsch

12. September 2016, 00:00

Ja, über was Cheibs stimmed mier da am 25. September ab? Das ist verschriftlichte Mundart. Worüber stimmen wir denn am 25. September überhaupt ab? Das ist Hochdeutsch, wie es geschrieben und gesprochen wird. Um die Verwendung dieser beiden Sprachen in Kindergarten und Primarschule dreht sich im Kanton Zug eine Abstimmung: Am 25. September hat das Volk über die Gesetzesinitiative der SVP «Ja zur Mundart» zu befinden – sowie über einen Gegenvorschlag des Kantonsparlaments und des Regierungsrates.

Darum geht es: Die Initianten verlangen, dass im Kindergarten sowie in der Primarschule in den Fächern Musik, Bildnerisches Gestalten, Handwerkliches Gestalten und Sport die Unterrichtssprache Mundart zu sein hat. Der Gegenvorschlag von Kantonsparlament und Regierung will, dass im Kindergarten hauptsächlich Mundart und in der Primar- und Sekundarstufe hauptsächlich Standardsprache gesprochen wird. Gemein haben Initiative und Gegenvorschlag, dass im Schulgesetz die Abschnitte 4 und 5 des Paragrafen 14 entsprechend dem Abstimmungsausgang jeweils neu gefasst würden.

Die Initianten der SVP-Initiative argumentieren, dass die Mundart ein kulturelles Gut und überdies identitätsstiftend sei. Sie befürchten, dass mit unserer Mundart auch unsere Kultur und Identität nach und nach verloren gingen, wenn sich die Kindergärtler ab und zu auch in Hochdeutsch oder einer anderen Sprache unterhielten. Mundart sei die einzige Möglichkeit, fremdsprachige Kinder früh zu integrieren. Was aber, wenn diese Kinder, weil beispielsweise frisch aus Frankreich zugezogen, den Dialekt gar nicht verstehen? Wie soll die Kindergartenlehrperson sinnvoll zu fremdsprachigen Kindern durchdringen, wenn sie das von Gesetzes wegen nur in Mundart darf?

In den Abstimmungsunterlagen schreiben die Initianten: «Gerade im Kindergartenalter lernen fremdsprachige Kinder unseren Dialekt spielend schnell.» Das stimmt wohl. Aber dieses Lernen ist nicht ausschliesslich auf den Besuch des Kindergartens beschränkt. Kinder lernen erfahrungsgemäss beim Spiel mit den Gspändli im Quartier und in anderen alltäglichen Situationen den Umgang mit der Mundart schneller, als wenn ihnen dies in einem Schul- oder Kindergartensetting aufgezwungen wird. Integration ist – so zeigen verschiedene Studien – nicht nur durch Sprache definiert. Und schon gar nicht durch die Mundart allein. Zur Integration gehört auch die Vermittlung typischer einheimischer Werte, typischer einheimischer Kultur. Diese Vermittlung muss nicht zwingend in Mundart erfolgen. Integration ist vielsprachig. Dem muss Rechnung getragen werden. Das tut die Initiative «Ja zur Mundart» nicht.

Die Befürworter des Gegenvorschlags sind in einem Punkt zwar derselben Meinung wie die Initianten: Mundart ist Teil unserer Kultur und stiftet die entsprechende Identität. Die Befürworter argumentieren aber, dass die gesetzliche Verankerung der Mundartpflicht in Kindergarten und Primarschule zu enge Grenzen setze. Sie wollen mit dem Gegenvorschlag lediglich den Grundsatz im Gesetz verankern, dass im Kindergarten «hauptsächlich» – also mehrheitlich, aber nicht nur – Mundart die Unterrichtssprache ist. Damit könnte die von den Initianten geforderte starre Gesetzesvorschrift durchbrochen werden, wonach nur in Mundart unterrichtet werden dürfte.

Dennoch: Wirklich geglückt ist auch der Gegenvorschlag von Kantonsparlament und Regierungsrat nicht, weil im Grunde unnötig. Gegenvorschlag oder Initiative blähen – jeweils im Falle der Annahme durch das Volk – ein bestehendes Gesetz unnötig auf. Denn bisher wurde im Kindergarten und auf der Primarstufe in der Regel so unterrichtet, wie es der Gegenvorschlag vorsieht. Im Kindergarten nämlich «hauptsächlich» in Mundart und in der Primarschule «hauptsächlich» in Standardsprache. Auch wenn der Gegenvorschlag nur den Status quo festschreibt, nötig wurde er aus politischen Überlegungen. Kantons- und Regierungsrat waren gezwungen, der SVP-Gesetzesinitiative ein Argumentationsvehikel entgegenzustellen, um ganz klar aufzuzeigen, dass die Mehrheit der Politik die SVP-Initiative nicht gutheisst. Dazu hat sich eine Allianz aus praktisch allen Parteien – mit Ausnahme der SVP – gebildet.

Ein Blick über den eigenen Tellerrand lohnt sich in bildungspolitischen Fragen immer. Das gilt auch für die Mundartthematik, die auch andernorts aktuell ist. Derzeit sind in allen Zentralschweizer Kantonen Hochdeutsch und Mundart Unterrichtssprachen im Kindergarten. Mundartinitiativen wurden in den vergangenen Jahren auch in den Kantonen Luzern, Zürich oder Aargau zur Abstimmung gebracht. 2011 nahm der Kanton Zürich eine solche Initiative an, 2013 lehnte der Kanton Luzern eine solche ab, und 2014 sagte der Kanton Aargau Ja zur Mundart im Kindergarten.

Neugier und Lernwille von Kindern in diesem Alter sind grenzenlos. Gelernt wird über die Sprache, egal ob Dialekt oder Hochdeutsch. «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt», sagte der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951). Dürfen wir – Wittgenstein etwas umgedeutet – der Welt unserer Kindergärtler mit der starren Initiative «Ja zur Mundart» solche Grenzen aufzwingen?


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