Jetzt gilt stehen statt fahren

OSTERN ⋅ Sorgt der Gotthard-Basistunnel für weniger Stau auf der Nord-Süd-Achse? Keine abwegige Vorstellung. Die Vorzeichen deuten aber in eine ganz andere Richtung: Es droht ein Rekordstau.
12. April 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Er ist das Nadelöhr der Nord-Süd-Achse, die Aorta der A2: der Gotthard-Strassentunnel. Verstopft diese Ader, geht wenig bis gar nichts mehr. So wie am letzten Samstag. Ein Lastwagen hatte eine Panne mitten im Tunnel. Das Resultat: Infarkt. 13 Kilometer Stau vor dem Nordportal, drei Stunden Wartezeit.

Doch auch ohne defekten Lastwagen wäre der Stau schon massiv gewesen. So lieferte der Samstag einen ersten Vorgeschmack auf den Osterverkehr. In den kommenden Tagen heisst es: stehen statt fahren. Dabei darf sich glücklich schätzen, wer noch heute ins Tessin reist. Das Bundesamt für Strassen (Astra) rechnet mit einer Wartezeit von mindestens einer Stunde. Die echte Zerreissprobe für die Nerven wartet morgen und am Karfreitag auf die Autofahrer. «Reisende müssen Wartezeiten um die zwei Stunden und mehr in Kauf nehmen», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Er erwartet zudem, dass sich der Stau in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gar nicht auflöst. «Erst ab den frühen Abendstunden des Karfreitags werden Reisende eine staufreie Zufahrt vorfinden.» Gemäss dem Astra droht ein aussergewöhnlich intensiver Stau. Grund dafür ist der Zeitpunkt: Ostern ist dieses Jahr spät, 2016 waren die Feiertage drei Wochen früher. Das führte damals dazu, dass sich der Verkehr auf die Ost-West-Verbindung verlagerte. Denn viele Kurzurlauber zogen einen Skiausflug dem Trip in den Süden vor.

Das wird dieses Jahr kaum passieren. Nicht nur, weil bei vielen die Ski wieder im Keller stehen. Der Verkehr wird intensiver, weil die Leute Ferien nötig haben. Rohrbach erklärt: «Je länger die Zeitspanne zwischen Winterferien und Ostern ist, desto mehr Leute verreisen. Und desto mehr Autos sind auf der Strasse.»

SBB organisieren Extrazüge

Nur: Braucht es das Auto überhaupt? Oder soll man auf den öffentlichen Verkehr ausweichen? Man könnte die Verzweiflung am Lenkrad und die quengelnden Kinder auf dem Rücksitz vermeiden. Diese Frage stellte sich in den letzten Jahren zwar auch schon. Aber mit dem Gotthard-Basistunnel gibt es nun ein zusätzliches Argument für den öffent­lichen Verkehr. Ob der Bahntunnel für kürzere Autoschlangen sorgt, ist jedoch schwierig vorherzusehen. Die SBB können nichts zur Situation auf der Strasse sagen. Und dem Astra fehlt eine Vergleichsgrösse, da die bevorstehende Reisewelle die erste seit der Neat-Eröffnung ist.

Trotzdem sind die Bundesbahnen gewappnet (siehe Kasten). Für die Ostertage schicken die SBB 28 Extrazüge aufs Schienennetz: 25 fahren ins Tessin, 3 ins Wallis. Überdies statten die SBB diverse Regelzüge mit weiteren Wagen aus. Die Extrazüge und -wagen sorgen für 46000 zusätzliche Sitzplätze. Das sind fast doppelt so viele wie letztes Jahr – damals waren es 24000 Plätze und 6 Extrazüge. Der Grund ist klar: «Wir rechnen damit, dass wegen der durch den Basistunnel verkürzten Reise ins Tessin deutlich mehr Reisende über Ostern in den Süden fahren werden», sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli.

Sonderschichten für Urner Polizisten

Der neue Basistunnel ist vor allem für Schweizer Passagiere eine Alternative. Fraglich ist derweil, ob Touristen aus dem übrigen Europa mit dem öffentlichen Verkehr reisen – und häufiges Umsteigen in Kauf nehmen. «Die meisten von ihnen werden wohl das Auto nehmen», so Rohrbach. Das dürften etliche sein, denn laut Astra-Angaben beginnen in vielen Teilen Europas am Gründonnerstag die Schulferien. Das bedeutet Hochsaison für die Kantonspolizei Uri. Während der Feiertage bietet das Korps regelmässig zusätzliches Personal auf, wie Polizeisprecher Gusti Planzer auf Anfrage erklärt.

Auch für die Angestellten der Gotthard-Raststätte in Erstfeld bedeuten die Feiertage in erster Linie harte Arbeit. Diese haben zum Osterende am meisten zu tun. Geschäftsführer Daniel Kaufmann erklärt: «Bei Stau vor dem Nordportal besuchen die Gäste unser Restaurant nicht so häufig.» Sie wüssten, dass sie dem Stau eh nicht entkommen. «Also wollen sie so schnell wie möglich in den Stau, um ihn möglichst früh hinter sich zu haben.» Bei Stau vor dem Südportal – also in Airolo – sieht das anders aus. «Dann gönnen sich die Leute in Erstfeld eine Pause, vertreten sich die Beine und essen oder trinken etwas», weiss Daniel Kaufmann aus Erfahrung.

Freuen dürfte den Raststättenchef die Prognose des Astras: Am Ostermontag wird die freie Fahrt erst nach Mitternacht möglich sein. «In Richtung Norden können wir Staus um die 10 Kilometer und mehr nicht ausschliessen», so Astra-Sprecher Rohrbach. Und auch wer auf den Autoverlad ausweichen will, kommt nicht ums Warten herum. Das gilt gemäss Astra für die Stationen an der Furka in Realp, am Lötschberg in Kandersteg und am Vereina in Klosters-Selfranga.

Stau am Gotthard, Schlange am Vereina. Gäbe es noch die Alpenpässe, um dem Stillstand zu entkommen? Nur ist auch das nicht ganz einfach: Auf vielen Pässen gilt noch die Wintersperre. So zum Beispiel auf dem Gotthardpass. Dieser bleibt voraussichtlich bis zum 19. Mai zu.

Das Rezept für die nächsten Tage heisst also Geduld. Das rät jedenfalls Thomas Rohrbach: «Wer im Stau steht, sollte ruhig bleiben, sich nicht aufregen und fahren, wenn er fahren kann.»


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