Zufällig landete sie in Sörenberg – und blieb

CAROLINA RÜEGG ⋅ Die Bündnerin zog vor 16 Jahren ins Entlebuch und ist seit sechs Jahren Tourismusdirektorin in Sörenberg-Flühli. Manchmal muss sie sich durchboxen, manchmal schiesst sie scharf.

28. November 2016, 00:00

Interview Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Carolina Rüegg, zum Einstieg wollte ich Ihnen eine dreiste Frage stellen. Die Boxhandschuhe und der Boxsack in Ihrem Büro warnen mich aber davor, Ihnen zu nahe zu treten. Oder sind die Sport­geräte nur Dekoration?

Oh nein. Den Sack habe ich in letzter Zeit intensiv bearbeitet. Aber fragen können Sie alles.

Also. Wie haben Sie sich als Fremde den Job als Tourismusdirektorin von Sörenberg geangelt? Der Titel tönt super.

Den finde ich überhaupt nicht cool. Er klingt verstaubt und abgehoben. Ich bin aber nicht so. Ich stelle mich nie als Direktorin vor, sondern als die Person, die zuständig für den Tourismus ist. Und für viele andere Dinge auch.

Wie wäre Ihrer Meinung nach die richtige Bezeichnung?

Vielleicht die Dargebotene Hand. Das würde es eher treffen.

Wieso denn das?

Manchmal bin ich wie der Kummerkasten. Für fast jeden und alles zuständig – natürlich mit den passenden Lösungen dazu.

Etwa wenn über den starken Franken und ausbleibende Gäste gejammert wird?

Zum Beispiel. Solches Geklöne liegt mir nicht. Wobei ich auch jammere, wenn der Schnee nicht kommen will. Wie letztes Jahr, als es im November schneite und dann lange nicht mehr. Die Situation jetzt erinnert mich daran.

Saas-Fee lanciert einen Saisonpass für 222 Franken. Was halten Sie von dieser Idee?

Sie ist super – um in den Medien zu erscheinen. Ich glaube, es ging nie darum, 99 000 Abos als Schnäppchen zu verkaufen. Wohl aber, um im Gespräch zu bleiben.

Also kein Thema für Sie?

Um Gottes Willen, nein. In Sörenberg haben wir andere Angebote: Im Sommer sind die Bergbahnen für Hotelgäste gratis.

In den Medien war auch die österreichische Apres-SkiMeile Ischgl. Dort gilt neu ein Skischuh-Nachtverbot.

Als ich dies erfuhr, musste ich lachen. Ischgl ist ein grossartiger Schneesportort, der sich das Party-Image zugelegt hat. Nun setzt man auch auf 5-Sterne-Gäste und würde gerne zurückkrebsen.

Solche Probleme hat Sörenberg nicht. Wobei ich auch schon im Tipi gegenüber Ihrem Büro bis spätnachts kleben blieb – in Skischuhen.

Das ist schon jedem passiert. Doch hier wird niemand gebüsst, weil er nachts Skischuhe trägt.

Sie wollten erzählen, warum Sie nach Sörenberg zogen und Tourismus direktorin wurden.

Durch Zufall. Vier Rothornbahnen hatten eine Art Marketingkooperation. Ich war als Vertreterin der Lenzerheide involviert und kannte Karl Lustenberger, den ehemaligen Direktor der Bergbahnen Sörenberg. Eines Tages rief er mich an, weil er eine Chefkassiererin suchte. Da ich diesen Job sechs Jahre in der Lenzerheide machte, lehnte ich ab. Da sagte Lustenberger, er suche auch eine Marketingleiterin ...

Schon waren Sie zur Stelle?

Nicht ganz. Aus Gefälligkeit gab ich ihm nicht sofort einen Korb. An einem trüben Märztag fuhr ich nach Sörenberg. Mein Bauchgefühl sagte mir dann, dass es hier eine Zukunft für mich geben könnte. Nach einem Auswahlverfahren erhielt ich den Zuschlag.

Wie reagierten die Einheimischen, dass eine Fremde für Sörenberg wirbt?

Am Anfang fragten mich einige, ob es denn keine aus der Region gegeben habe für den Job. Viele glaubten, dass ich Sörenberg nur als Sprungbrett nutzen würde. Doch nun bin ich seit 16 Jahren hier zu Hause. Ich und mein Partner haben sogar gebaut.

So hat Sörenberg zwei neue warme Betten.

Bei einem Anteil von 60 Prozent kalten Betten genau das Richtige.

Ihren Bündner Dialekt haben Sie nicht abgelegt. Absicht?

Nein, aber mein Partner spricht so wie ich. Mein einziges Wort in der Lokalsprache ist «rüüdig».

Gerade wollte ich fragen, ob Sie wegen der Liebe blieben ...

Nein, die nahm ich aus Lenzerheide mit. Wir suchten beide einen Job fernab der Heimat.

Sonst ziehen Leute aus Bergregionen in die Stadt. Warum Sie nicht?

Weil ich ein Naturkind bin.

Die Liebe zur Natur zeigt sich auch in Ihrem Hobby. Sie sind Jägerin. Familientradition?

Ja. Ich folgte als Mädchen immer meinem Vater auf die Jagd. Ich habe das geliebt. Heute verbringen mein Partner und ich die Ferien im Val Tours bei der Jagd.

Lernten Sie sich so kennen?

Nein, er wurde durch mich Jäger.

Sie sind in einer Vereinigung für den Schutz von Jagd- und Nutztieren vor Grossraub­tieren. Warum setzen Sie sich für die Regulierung der Raubtiere ein?

Weil es ein wichtiges Thema ist. Bei der Gründungsversammlung Mitte November rechneten wir mit 150 Leuten – es kamen 500. Die Sache beschäftigt die Leute.

In einigen Medien wurden nur Sie im Zusammenhang mit der Vereinigung erwähnt. Gab es Reaktionen?

Unglaublich viele. Die meisten sind nicht druckreif. Warum glauben Sie, bearbeitete ich den Boxsack dermassen?

www. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/dossier

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