Zuger Detailhandel in der Krise

GEWERBE ⋅ Ein Geschäft nach dem anderen schliesst derzeit seine Türen für immer. Auch wenn dies nur einen Bruchteil aller Läden betrifft, prägt es die Stadt Zug und zeigt einen nationalen Trend.

02. Dezember 2016, 00:00

Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Es rumort in der Stadt Zug. Rund ein Dutzend Geschäfte haben im vergangenen halben Jahr geschlossen oder werden demnächst schliessen. Sie sind über die ganze Stadt verteilt. Darunter das Dekorationsgeschäft N° 5, das Teppichgeschäft Fine-Decor, der Coiffeur Manolo, die Buchhandlung Schmidgasse, das Musikhaus Röllin, das Musikatelier Blashaus und das Modegeschäft Benetton. Hinzu kommen einige Läden in der Nähe, die ihre bevorstehende Schliessung nicht publik machen möchten.

Die Gründe der Schliessungen sind unterschiedlich. Die ­einen gehen in Pension, ohne ­einen Nachfolger zu suchen oder nach erfolgloser Suche eines solchen. Bei anderen gibt es private Gründe, oder es fehlt an günstig zu mietenden Ladenlokalen. Und wieder anderen fehlt die Laufkundschaft. Letzteres geben mehrere Läden als einen der Hauptgründe für die Schliessung an. Ein Geschäftsinhaber gibt anonym Auskunft*. Sein Geschäft war etwas neben der Hauptachse Baarerstrasse eingemietet. «In Zug gibt es zu wenig Laufkundschaft», sagt er. Dies habe sich in den letzten zwei Jahren so entwickelt. Und dort, wo es noch Laufkundschaft gebe, seien die Mieten zu teuer.

Post-Schliessung hat Auswirkungen

Doch auch an der Bahnhofstrasse dünnt sich die Laufkundschaft in Richtung Postplatz offenbar aus. So musste auch die Buchhandlung Schmidgasse, oberhalb des Kinos Seehof, schliessen (Ausgabe vom 6. August). Dies unter anderem auch aus Mangel an Passanten, wie heute die frühere Inhaberin Susanne Giger sagt. Die Situation habe sich besonders zugespitzt, als die Hauptpost am Postplatz im vergangenen Jahr schloss. «Das Fehlen der bis zu 900 Personen, die diese gemäss Angaben der Post täglich besuchten, war deutlich spürbar.» Dies, und der zunehmende Internethandel, habe für sie den Ausschlag zur Schliessung gegeben.

Dass der Wegzug der Post dem Quartier einen Grossteil der Laufkundschaft nahm, bestätigt auch Wolfgang Röllin vom gleichnamigen Musikhaus. Er schloss dieses Ende September (Ausgabe vom 11. November). Das Ausbleiben der Laufkundschaft in dieser Gegend bestätigen auch zwei weitere lokale Ladeninhaber, die jedoch in der Zeitung nicht genannt werden möchten.

Immobilienhändler überrollen die Stadt

Dem Rumoren im Detailhandel steht ein kleiner Boom von Immobiliengeschäften entgegen. Rund um die Hauptachse zwischen Casino und der Gubel­strasse gibt es inzwischen mindestens 13 Immobilienhändler, die sich auf der Passagenebene in ein Ladenlokal eingemietet haben und dort Wohnungen und Häuser in den Schaufenstern präsen­tieren. Ein weiteres solches Immobilienunternehmen zieht demnächst in einen der frei werdenden Geschäftsräume ein. Hinzu kommen mindestens sechs Reisebüros und diverse Banken – und sie alle gehören bekanntlich nicht zu den Laufkundschaft-Magneten.

Dies bestätigt auch Stefan Meier. Er ist Partner des Immobilien-Beratungsunternehmens Wüest Partner und beschäftigt sich mit Immobilienentwicklung und -bewertung. Dass Detailhändler verschwinden und sich eine andere Sparte breitmache, sei jedoch kein Zug-spezifisches Phänomen. «Alle Städte haben derzeit Schwierigkeiten mit ihren Verkaufsflächen. Was in Zug die Immobiliengeschäfte sind, sind beispiels­weise in Luzern oder Zürich Uhren- und Touristenläden.» Es gebe immer wieder solche Zyklen, die der Markt durchmache. Der derzeitige Zyklus sei vom starken Franken und dem boomenden Onlinehandel geprägt. Neue Geschäftsmo­delle und Ideen sind gefragt. Doch aus seiner Sicht gibt es nicht «den perfekten Verkaufsmix» in einer Stadt. Entscheidend sind die Vielfalt des Angebots, der Erlebniswert und die Aufenthaltsqualität. Die hohen Mietpreise an Toplagen wirken sich jedoch negativ auf den Angebotsmix aus.

Es sei nun auch an den Gemeinden und Städten, die Gunst der Stunde zu nutzen und neue Nutzungsideen der Eigentümer und Mieter zu ermöglichen. Denn der Anspruch an den öffentlichen Raum verändere sich stetig: «Begegnungsraum wird wichtiger, am Tag wie auch am Abend», erklärt Meier. Der Grund dafür sei quasi eine Gegenbewegung zu den sozialen Medien. Es gehe nicht mehr nur darum, einzukaufen, sondern auch, sich persönlich zu treffen und miteinander von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Reglemente kommen meist zu spät

Bei der Stadt Zug sieht man in Sachen Ladenmix keinen Handlungsbedarf und auch wenig Spielraum dafür. So sagt es Regula Keiser von der Stelle für Stadtentwicklung und Stadtmarketing. «Der Ladenmix stimmt für mich. Er ist wohl ein Teil der heutigen Generation», sagt sie. Trotz des aktuellen Rumorens in der Zuger Detailhandelslandschaft findet sie: «Die Stadt ist kerngesund. Unsere kulturelle Dichte und unsere Angebotsvielfalt sind enorm hoch.» Zudem sei der Einflussbereich der Stadt auf den Ladenmix zu langsam. «Wenn wir ein Reglement ändern, benötigt das so viel Zeit, dass dieses dann zu spät zum Zug kommt.» Das heisst, dass sich ein bekämpfter Trend bereits wieder verflüchtigt hat, wenn das neue Reglement wirkt oder sich dieses durch neue Umstände gar kontraproduktiv auswirken kann.

Wie sich die Stadt mit den frei werdenden und bereits frei gewordenen Ladenflächen nun weiterentwickelt, muss sich erst noch zeigen. Klar ist: Beim Coiffeur Manolo zieht eine Filiale einer Coiffeurkette ein. Bei Benetton an der Poststrasse residiert inzwischen ein Finanzberatungsunternehmen. In eines der Geschäfte wird das erwähnte 14. Immobiliengeschäft einziehen, und in die Schmidgasse expandiert das Zuger Kleidergeschäft Knecht Mode. Bei weiteren sechs bis sieben frei werdenden Geschäften ist der Nachmieter bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Hinweis * Name der Redaktion bekannt.


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