Andermatt im Ausnahmezustand

UNFALL ⋅ Ein Auffahrunfall am Bahnhof Andermatt hat gestern zu einem Grosseinsatz geführt. 13 Krankenwagen und mehrere Helikopter standen im Einsatz. Von den rund 100 Fahrgästen hatten sich 33 Personen Verletzungen zugezogen.
12. September 2017, 00:00

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

«Es gab einen lauten Knall, dann verschwand die Lok in einer riesigen Staubwolke.» So schildert ein Augenzeuge, was gestern gegen 11.30 Uhr am Bahnhof Andermatt geschehen war: Bei einem Rangiermanöver prallte eine Lokomotive – statt über das Parallelgleis zum vorderen Ende des Zuges zu gelangen – in die Zugkomposition der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB), von der sie kurz zuvor gelöst worden war.

Einer der rund 100 Fahr­gäste, die sich zum Unfallzeitpunkt im Zug befanden, ist Chantal Michel. Die Lehrerin einer Ober­stufenklasse aus Horw stieg mit ihren 27 Schülern gerade in den Zug, als das Unglück passierte. Ein Teil der Schüler sei bereits im Waggon gewesen und habe die Koffer auf die Ablage gehievt, andere seien noch auf der Treppe des Zugs gestanden. «Da gab es plötzlich einen Ruck», erzählt Michel, «als würde der Zug losfahren, nur heftiger.»

13 Rettungswagen und 4 Helikopter aufgeboten

Gemäss MGB-Mediensprecher Jan Bärwalde sind Lokomotiven bei einem solchen Rangiermanöver mit schätzungsweise 15 bis 20 Kilometern pro Stunde unterwegs. Dieses Tempo reichte offenbar aus, um den Bahnhof ­Andermatt nach dem Aufprall in einen Ausnahmezustand zu versetzen, wie Augenzeugen berichten. «Als hätte es einen Terroranschlag gegeben», schildert Chantal Michel die Situation nach dem Auffahrunfall. «Überall waren Sanitäter und Polizisten, und ­immer wieder hörte man den ­Helikopter.»

33 Fahrgäste hatten sich beim Auffahrunfall verletzt. Gemäss Angaben der Polizei jedoch niemand lebensgefährlich. Insgesamt wurden zirka 13 Krankenwagen aufgeboten, die vom Urner Unterland, dem Tessin, Graubünden, der Zentralschweiz und sogar von Zürich her nach Andermatt fuhren, wie Oliver Schürch, Chef der Verkehrspolizei Uri, auf Anfrage sagte. Die Rega transportierte mit drei Helikoptern sieben Verletzte in verschiedene Spitäler. Daneben flog ein weiterer Helikopter der Al­pine Air Ambulance. Ebenfalls im Einsatz standen die Feuerwehr Andermatt, der Rettungsdienst, rund 30 Angehörige der Kantonspolizei Uri sowie die Staatsanwaltschaft des Kantons Uri.

Die meisten Verletzten konnten Spital verlassen

Der Bahnverkehr lief die ganze Zeit fahrplanmässig, wie Jan Bärwalde erklärt. Einzig die Strasse von Göschenen nach Andermatt musste zum Abtransport der Verletzten bis kurz vor 15 Uhr gesperrt werden. Inzwischen hätten die meisten der 30 verletzten Fahrgäste das Spital wieder verlassen können, heisst es. Und auch für die Oberstufenschüler aus Horw nahm das Unglück ein glimpfliches Ende: Sie alle kamen mit leichten Prellungen oder unverletzt davon. Am späteren Nachmittag konnte die Klasse ihre Reise schliesslich fortsetzen und verbringt nun eine hoffentlich unfallfreie Lagerwoche in Segnas GR.

Während am Bahnhof Andermatt gegen Abend allmählich wieder Ruhe einkehrte, geht die Arbeit für die Kantonspolizei Uri und die Urner Staatsanwaltschaft weiter. Sie untersuchen nun den genauen Hergang und die Ur­sache des Unfalls. Auch der entstandene Sachschaden lässt sich noch nicht beziffern. Zur Klärung des Vorgangs wurde zudem die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) aufgeboten.

Hinweis

Für die Angehörigen wurde unter der Nummer 041 874 53 60 eine Hotline eingerichtet.


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