«Autostopp hat für mich etwas Meditatives»

REISEN ⋅ Daniel Slodowicz (29) ist meist im Auto unterwegs, aber nie im eigenen. Der Deutsche mit polnischen Wurzeln ist ein passionierter Autostopper. Er organisiert gar Schweizer Meisterschaften in dieser Disziplin. Luzern ist in der Szene beliebt.
16. April 2018, 00:00

Daniel Slodowicz, dass ein Mensch durch Autostopp bekannt wird, ist speziell. Ist es für Sie eine Lebens­philosophie, oder reut Sie schlicht das Geld?

Autostopp ist eine Lebenseinstellung geworden. Ich habe so gelernt, dass sich Geduld auszahlt.

Als Autostopper dürften Sie Mühe haben, einen Termin einzuhalten?

Meinen Sie, weil ich jetzt zwei Minuten zu spät zum Interview erschienen bin? Nein! Pünktlichkeit ist mir wichtig. Wenn ich Termine habe, richte ich mich ein. Ich setze mir eine Marge von einer halben Stunde. Wenn mich bis dann kein Auto mitnimmt, fahre ich mit dem ÖV.

Dann ist es mit Ihrer Lebenseinstellung nicht weit her!

Ich stoppe nicht mehr so oft wie während der Studienzeit, als ich mit wenig Geld auskommen musste und durch Europa oder Kanada reiste. Aber ich bin nach wie vor überzeugt von dieser Art zu reisen. Sie ist ökologisch und günstig.

Das mit der Pünktlichkeit kaufe ich Ihnen dennoch nicht ab. Gibt es ein Beispiel?

Als ich mit einer Kollegin aus Bonn eine Verabredung in ihrer Stadt hatte, fuhr ich 600 Kilometer per Anhalter. Ich war pünktlich, sie kam 10 Minuten zu spät.

Wenn Sie längere Strecken mitfahren, spendieren Sie dann eine Tankfüllung, oder gibt es den Kodex, nie etwas zu bezahlen?

Mein Beitrag ist die Gesellschaft. Viele Autofahrer, die mich mitnehmen, sind alleine und schätzen die Unterhaltung. Luzern bietet Autostoppern übrigens gute Stellen, um wegzukommen. Etwa beim Natur-Museum.

Dann fahren Sie oft in unserer Region per Anhalter?

Ja, die Zentralschweiz habe ich als Autostopper kennen gelernt. Meinen Bruder in Zug besuche ich von meinem Wohnort Freiburg meistens auf diese Weise.

Geht es auch ums Abenteuer?

Nicht nur. In erster Linie mag ich den Kontakt mit den Leuten und deren Geschichten. Bevor ich per Anhalter auf Reisen ging, hatte ich ein ziemlich negatives Bild der Menschen. Durch das Autostoppen hat sich mein Weltbild total verändert.

Uns mahnten die Eltern, ja nicht Autostopp zu machen. Viel zu gefährlich!

Es gibt tatsächlich viele Leute, die mich für mutig halten, weil ich Autostopp mache. Als gefährlich empfinde ich dies aber überhaupt nicht. Ich erlebe im Gegenteil viel Offenheit und Gutmütigkeit von Leuten, die mich mitnehmen.

Auch in der Schweiz? Oder hat man Angst, Fremde mitzunehmen?

Nein. Man kommt hier relativ gut weg. Ganz schlecht ist dafür der Süden. In Spanien wartete ich schon 18 Stunden … Wenn ich am Strassenrand warte, hat es auch etwas Meditatives.

Womit wir wieder beim Thema Geduld wären. Wo ist das Eldorado der Autostopper?

Ich war dreimal mit Autostopp im Kosovo. Im Balkan kommt man wunderbar vorwärts. Ich werde auch in der Schweiz häufig von Kosovaren mitgenommen, die mir ihre Heimat schmackhaft machen.

Haben Sie es je abgelehnt, in ein Auto zu steigen?

Nur wenn die Richtung nicht stimmte.

Gibt es Tricks, damit man rasch mitgenommen wird?

Lächeln und Augenkontakt suchen. Ich mache gute Erfahrungen, wenn ich auf Autobahnen Leute an Tankstellen anspreche. Autofahrer, die am Handy spielen, mag ich nicht. Das ist gefährlich, und sie sehen mich nicht.

Was bringt es Ihnen, abge­sehen davon, dass Sie billig reisen und heute ein geduldiger Mensch sind?

Ich erhielt mehrere Job-Angebote. Ein Weinbauer in Frankreich stellte mich für drei Wochen ein.

Was noch?

Vor vier Jahren nahm mich ein Schweizer Verleger vom BaltArt-Verlag mit, der baltische Literatur ins Deutsche übersetzt und umgekehrt. Als ich ihm erzählte, dass ich Polnisch spreche, hat sich daraus ein Auftrag ergeben. So übersetzte ich das Buch «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz ins Polnische.

Zu all dem organisieren Sie auch noch die Autostopp-Schweizer-Meisterschaft. Vom 23. bis 25. Juni findet die 5. Austragung statt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich nahm in Deutschland an der Meisterschaft teil. Das wollte ich auch in der Schweiz machen.

Welche Spielregeln gelten?

Wir reisen von einem festgelegten Punkt in Freiburg an ein vom Autostopp-Verein bestimmtes Ziel. Einzige Regel ist, den Fahrern kein Geld zu geben. Die Strecken führten bisher übrigens immer durch die Zentralschweiz.

Was bezwecken Sie damit?

Vorurteile abbauen und den Röstigraben überwinden. Und die Leute animieren, mit Autostopp zu reisen. So wie ich ein neues Bild der Menschen erhalten habe, erging es vielen Teilnehmern bei den bisherigen Meisterschaften.

Haben Sie einen Fahrausweis?

Ja, aber kein Auto. Nur einen Töff.

Welches ist Ihr nächstes Ziel?

Ich möchte per Autostopp in den Iran fahren. Aber zuerst werde ich mein Doktorat in Ökologie abschliessen.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


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