«Balsam für Herz und Seele»

JODLERFEST ⋅ Rund 150 000 Besucher trafen sich in Brig zum 30. Eidgenössischen Jodlerfest. Die Zentralschweiz war mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut vertreten. Die heissen Temperaturen gingen jedoch nicht spurlos an den Musikanten vorbei.
26. Juni 2017, 00:00

Natalie Ehrenzweig

zentralschweiz@luzernerzeitung.ch

Bereits bei der Anreise nach Brig wird man durch spontanen Gesang im Zug auf das riesige Fest im kleinen Städtchen zwischen den imposanten Bergen eingestimmt. Auch wer im Alltag vielleicht nichts mit Volksmusik am Hut hat, spürt plötzlich die Kraft, die in dieser archaischen Musik liegt.

So hört auch Susann Müller aus Luzern in ihrem Alltag keine Volksmusik. Trotzdem ist sie extra für das Jodlerfest nach Brig gereist. «Meine Grossmutter war Appenzellerin. Schon als Kind hörten wir manchmal die Silvesterchläuse in Herisau», erinnert sich Müller. «Als ich klein war, grillierten wir manchmal mit Nachbarn im Garten, die jodelten und sangen. Dann musste ich ins Bett und durfte für ein Lied noch das Fenster offen lassen. Das war so schön!» Ausserdem hätte die zweite Grossmutter die Luzerner Festtagstracht besessen, die sie nur zu besonderen Anlässen trug.

Sehen und gesehen werden

Auch in Brig sind jede Menge prächtige Trachten mit den unterschiedlichsten Hauben in den verschiedensten Farben zu sehen. Mit sichtlich viel Stolz werden die Trachten getragen. «Sehen und gesehen werden» ist beim Auf-und-ab-Flanieren auf der Jodelmeile durchaus wichtig. Mit einer Tracht wird geschritten, nicht gegangen. Die Trägerinnen und Träger der Trachten haben es übrigens im Sommer besser getroffen als etwa die Mitglieder einer Blasmusik mit ihrer Uniform. Denn, so erklärt die Dame am Trachtenstand, die Wintertrachten seien mit der Zeit fast verschwunden, da sie für unsere heutigen Wohnungen viel zu warm seien. So dürfen die Trachtendamen und -herren in kurzärmligen Blusen oder in luftigen Röcken herumlaufen – ein Segen an diesem heissen Samstag.

Die Wärme setzte den rund 11 000 Jodlerinnen und Jodlern, Alphornbläsern und Fahnenschwingern aber dennoch zu: In den Vortragslokalen war die Luft warm und zum Teil stickig. «Da werden die Leistungen im Allgemeinen wohl nicht so hoch ausfallen wie sonst», vermutet Stefan Fischer, Präsident der Fahnenschwinger-Vereinigung Luzern und Umgebung. In der Turnhalle, in der die Fahnenschwinger auftraten, war es zudem etwas laut, sodass die Konzentration deshalb auch noch etwas gelitten hätte. «Darum denke ich, dass es beim Einzel knapp werden könnte. Beim Duett mit meinem Vater lief es aber sehr gut», freut er sich. Einmal in der Woche trainieren die zwei zusammen. «Fahnen schwingen ist für mich ein Hobby. Dabei schalte ich ab, wie beim Golfen. Da die Atemtechnik sehr wichtig ist, erinnert es mich an Yoga. Wenn ich Fahnen schwinge, bin ich ganz in mich versunken. Aber einmal in der Woche Training genügt mir», sagt er. Bereits seit der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft 1991 betreibt er diese volkstümliche Freizeitbeschäftigung, die auf den ersten Blick nicht zum Eidgenössischen Jodlerverband zu passen scheint, da ja mit Jodeln und Alphorn dort vor allem Musiker organisiert sind. «Dass wir Fahnenschwinger auch in diesem Verband sind, hat mit der Geschichte des Brauchtums zu tun, das kommt ja von den Älplerchilbis. Mit den Fahnen gab man sich ausserdem bei Konflikten zu erkennen, sodass man nicht auf die Falschen schoss», erklärt Stefan Fischer. Die Fahnenschwinger seien aber durchaus die kleinste Gruppe im Verband.

Wenn sich die Fahnenschwinger auf so einen Vortrag vorbereiten, können sie aus 99 benannten Schwüngen auslesen und sich damit ein dreiminütiges Programm zusammenstellen. Wichtig dabei ist, dass zwei Hochschwünge über 8 Meter dabei sind und dass alle Schwünge sowohl mit der linken wie auch der rechten Hand ausgeführt werden. «Die vierköpfige Jury schaut denn auch auf jeweils verschiedene Aspekte: Was passiert am Boden? Was passiert rund um den Körper? Wie sieht es mit den Höhen und der Schwungkontrolle aus? Und der Obmann kontrolliert noch den Gesamteindruck mit der Tracht, der Körperhaltung und so weiter», erläutert Fischer, der selbst Jury-Obmann ist.

Je nachdem, wo ein Verein angesiedelt sei, gäbe es durchaus Nachwuchsprobleme. Diesen wolle man auch mit der Modernisierung des Brauchtums etwas entgegenwirken. So dürfen seit 2011 auch Frauen Fahnen schwingen. «Das war vorher nicht möglich, da sie mit dem Trachtenrock ja nicht alle Schwünge machen können. Nun dürfen sie dafür ebenfalls Hose und Hemd anziehen», erklärt Stefan Fischer. Ausserdem arbeite man am Regelwerk und den Bewertungskriterien des Wettbewerbs.

Auch Mutterschaft hält von Festbesuch nicht ab

Der Wettbewerb ist auch für Erika Zanini, Dirigentin des Jodlerklubs Bärg­blüemli aus Schattdorf, durchaus wichtig. «Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das Resultat egal ist», meint sie mit einem Lachen. Das kann es aber auch fast nicht sein. Das Jodeln nimmt in ihrem Alltag nämlich sehr viel Platz ein: «Vor 30 Jahren war ich hier in Brig an meinem ersten Eidgenössischen Jodlerfest. Ich war seither an jedem Jodlerfest, auch an allen Eidgenössischen mit dabei, ausser an einem nicht: Da wurde unser Sohn Raphael geboren», erzählt sie. Er kam allerdings früher als erwartet: «Ich konnte es nicht lassen. Wir gingen dann am letzten Tag noch mit dem Kinderwagen schauen», meint sie verschmitzt. Ihren Mann hat Erika Zanini übrigens in einem Jodlerkurs, den sie leitete, kennengelernt. So verwundert es auch nicht, dass sie mit ihm im Duett singt. «Jodeln, das ist Balsam für Herz und Seele. Die viele Arbeit, die man hineinsteckt, kommt zurück, wenn man singt», betont die Primarlehrerin.

«Zentralschweiz ist eine Hochburg des Brauchtums»

Susann Müller jodelt zwar selber nicht, doch ihre Erklärung, was ihr denn an dieser sehr alten Form der Kommunikation von Alp zu Alp gefalle: «Jodeln hat so etwas Urchiges und Bodenständiges. Es löst in mir Verbundenheit aus und tönt einfach sehr schön. Es geht mir mitten in den Bauch», schwärmt sie.

«Unser Brauchtum und unsere Werte gewinnen wieder mehr an Bedeutung. Das merken wir auch in den Nachwuchschören, die gute Zuläufe verzeichnen», sagt Richard Huwiler, Präsident des Zentralschweizer Jodelverbands. Das Eidgenössische Jodlerfest sei denn auch ein Fest der Kameradschaft, bei dem man sich zwar messe, aber bei dem es vor allem um die Freude und das friedliche, gesellige Beisammensein gehe. «Ich bin als Präsident des Zentralschweizer Jodlerverbands sehr stolz auf die vielen hervorragenden Interpretationen aus der Zentralschweiz, die ja eine der Hochburgen dieser Brauchtümer ist», betont Richard Huwiler.

Das nächste Eidgenössische Jodlerfest findet übrigens vom 26. bis 28. Juni 2020 in Basel statt.

Hinweis

Die Klassierung aller Teilnehmer aus der Zentralschweiz finden Sie auf den folgenden beiden Seiten.

www. Mehr Impressionen vom 30. Eidgenössischen Jodlerfest finden Sie auf: luzernerzeitung.ch/bilder

«Wenn ich Fahnen schwinge, bin ich ganz in mich versunken.»

Stefan Fischer

Präsident Fahnenschwinger- Vereinigung Luzern

«Vor 30 Jahren war ich hier in Brig an meinem ersten Eidgenössischen.»

Erika Zanini

Dirigentin des Jodlerklubs Bärgblüemli, Schattdorf


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