Behördenfehler sorgt für monatelangen Baustopp

SILENEN ⋅ Die Urner Justizdirektion hat entschieden, dass ein Anbau nicht fertiggestellt werden darf, obwohl dieser von der Gemeinde bewilligt worden war. Schuldig fühlen sich weder kantonale noch kommunale Behörden.
07. Dezember 2017, 00:00

Die Familie wird grösser und mit ihr sollte auch das Wohnhaus in Silenen wachsen. Das Ehepaar Gnos beabsichtigte, das Haus mit einem Anbau zu ergänzen. Der Plan schien aufzugehen: Am 10. November 2016 erhielt die Familie die Baubewilligung, im März 2017 begannen die Arbeiten.

Doch der Anbau wurde bis heute nicht fertiggestellt. Vor dem Meierturm aus dem 13. Jahrhundert steht ein unvollendetes Bauwerk. Ob die Pläne überhaupt noch realisiert werden können, ist unklar. Statt mehr Platz hat die Familie vor allem eines: Ärger. Das Undenkbare geschah kurz vor Ostern. Als der Anbau bereits zu vier Fünfteln fertiggestellt war, erhielt das Ehepaar einen Telefonanruf: Die Justizdirektion verlange einen sofortigen Baustopp, wurde via Baukommission Silenen ausgerichtet.

Dem Ortsbild von Silenen, insbesondere jenem Dorfteil, in dem das Haus der Familie Gnos steht, komme eine grosse kulturhistorische Bedeutung zu, sagt die Urner Justizdirektorin Heidi Z’graggen auf Anfrage unserer Zeitung. «Die besondere Lage im Dörfli Silenen bringt es mit sich, dass auf dieser Bauparzelle erhöhte Anforderungen an Bauvorhaben hinsichtlich der Lage, des Volumens, der Gestaltung, der Materialisierung und der Farbgebung an Bauvorhaben zu stellen sind.» Dies sei auch in der Bau- und Zonenordnung von Silenen aufgeführt. Der Dorfkern be­-finde sich im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder. Da der Anbau das ­Ortsbild und die benachbarten Schutzobjekte – dazu zählen der Meierturm und die Vierzehn-Nothelfer-Kapelle – nachhaltig verändere, sei die sofortige Einstellung der Bauarbeiten verlangt worden.

Kanton verweigerte die Baubewilligung

Offensichtlich ist bei der Kommunikation einiges schiefgelaufen. Heidi Z’graggen stellt klar: «Die Abteilung Natur- und Heimatschutz hat das aktuelle Bauvorhaben im Rahmen des offiziellen Baubewilligungsverfahrens 2016 beurteilt.» Nach Rücksprache mit der Kommission sei die Abteilung zum Schluss gekommen, dass der Anbau das Ortsbild beeinträchtige und somit keine Baubewilligung erteilt werden könne. «Dies wurde der Baubehörde von Silenen schriftlich mitgeteilt.» Danach hätten zwei Treffen stattgefunden zwischen der Bauherrschaft und einer Delegation der Kommission für Natur- und Heimatschutz. Dabei seien Lösungsvorschläge aufgezeigt worden, wie den Schutzinteressen hätte entsprochen werden können. «Die Delegationen gingen aus­einander mit dem Ersuchen auf Rückmeldung zu den Vorschlägen», so Z’graggen. Später sei festgestellt worden, dass der Anbau ohne Rückmeldung an die Kommission erstellt wurde.

Auf Nachfrage heisst es bei der kommunalen Baukommission, man habe keine Kenntnisse darüber gehabt, dass die erteilte Baubewilligung speziell der Natur- und Heimatschutzkommission hätte mitgeteilt werden müssen. Das Baugesuch sei zuerst standardmässig an die kantonale Koordinationsstelle übergeben worden. Man sei davon ausgegangen, dass die Kommission der kantonalen Baubehörde lediglich beratend zur Seite stehe und keine Entscheidungsgewalt innehabe. Die Silener Baukommission stellt klar: «Während der ordentlichen Baubewilligungsfrist wurde das Projekt profiliert und im Amtsblatt publiziert. Dabei sind aus der Öffentlichkeit keine Einsprachen eingegangen.»

Familie Gnos bestätigt die Gespräche mit der kommunalen Baubehörde und der Natur- und Heimatschutzkommission. Das Ehepaar macht aber auch deutlich: «Wir hatten eine rechtskräftige Baubewilligung. Wir haben nichts falsch gemacht. Aber jetzt müssen wir sogar damit rechnen, dass der Anbau wieder weggerissen wird.»

Mit dem Heimatschutz hatte die Familie Gnos bereits während der Planung ihres Wohnhauses in den Jahren 2011 bis 2014 zu tun. Die Auflagen seien streng gewesen: «Bis wir mit Bauen beginnen konnten, ging es vier Jahre, und uns sind damals erhebliche Mehrkosten entstanden.»

Externe Experten sollen Lösung suchen

Wer für einen Rückbau des Anbaus und die Kosten aufkommen muss, steht zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest. Man stehe mit den Bauherren im Kontakt, so Heidi Z’graggen. «Mit einem verwaltungsexternen Fachexperten suchen die Beteiligten nach einer Lösung für einen Anbau, der mit den Schutzzielen in Einklang steht.» Immerhin ein wenig Hoffnung für die junge Familie Gnos: «Wir sind froh, dass man zu Lösungen bereit ist, und hoffen, dass wir bis Ende Jahr endlich Klarheit haben.»

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch


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