Bis 2090 ist das ewige Eis weg

GLETSCHER ⋅ Kinder, die heute zur Welt kommen, erleben dereinst die komplett eisfreien Zentralschweizer Alpen. Der Wasserhaushalt in der Region wird damit langfristig verändert.
06. Oktober 2017, 00:00

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Die Universität Freiburg hat im Auftrag der Aufsichtskommission Vierwaldstättersee ermittelt, wie stark die Gletscher in den Zentralschweizer Bergen in Zukunft schmelzen werden. Das ernüchternde Fazit: Bis ins Jahr 2090 werden voraussichtlich 90 Prozent der heutigen Gletscher im Kanton Uri und in der Zentralschweiz verschwunden sein. Mit anderen Worten: Kinder, die heute zur Welt kommen, erleben dereinst die komplett eisfreien Zentralschweizer Alpen.

Im Einzugsgebiet der Reuss waren gemäss Gletscherinventar 2010 noch rund 60 Quadratkilometer vergletschert. Dies entspricht rund der Hälfte der Fläche des Vierwaldstättersees. Das Eisvolumen wird auf zirka 2,5 Kubikkilometer geschätzt, was ungefähr dem zehnfachen Inhalt des Sarnersees gleichkommt. Bereits zwischen 1973 und 2010 verschwanden rund 15 Quadrat­kilometer Gletscherfläche und 1,4 Kubikkilometer Eisvolumen.

Gletscher und Permafrost schwinden rasant

Grundlage für die Berechnungen der Wissenschaftler der Universität Freiburg sind unter anderem die detailliert geführten Gletscherinventare, die bis ins Jahr 1850 zurückgehen und periodisch aktualisiert werden. Die Studie geht von einer moderaten Klimaerwärmung aus, also von plus 2 Grad Celsius bis Mitte und von plus 4 Grad bis Ende des Jahrhunderts. «Wie die Wissenschaftler betonen, ist die Unsicherheit aufgrund der Klimaentwicklung allerdings beträcht- lich», betont Alexander Imhof, Vorsteher des Amts für Umweltschutz Uri. «Sicher ist aber: Der Klimawandel bringt uns künftig häufiger Trocken- und Hitzeperioden, und die Gletscher und der Permafrost schwinden rasant.»

Der mit Abstand grösste Gletscher im Einzugsgebiet des Vierwaldstättersees ist der Hüfifirn im Maderanertal. Im Jahr 2000 bedeckte er eine Fläche von rund 13 Quadratkilometern und wies ein Eisvolumen von zirka 1,5 Kubikkilometern auf. Durchschnittlich war das Eis fast 100 Meter dick. An der dicksten Stelle schätzte man das Eis gar auf 360 Meter. Bis ins Jahr 2030 wird sich die von Eis bedeckte Fläche im Maderanertal um berechnete 27 Prozent verkleinern. Bis 2090 verschwinden sogar gut 90 Prozent des Gletschers.

Mit dem Abschmelzen der Gletscher sind auch Übertiefungen entstanden, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten neue Seen bilden werden. Grosse Übertiefungen sind etwa im Bett des Hüfifirns im Maderanertal zu erwarten. Beim weiteren Rückzug des Hüfifirns ist die Bildung von weiteren Bergseen zu erwarten. Auch beim Blüemlisalpfirn im Isental und beim Brunnifirn im Maderanertal sei mit neuen Seen zu rechnen. «Welche Risiken oder auch Chancen neue Gletscherseen mit sich bringen, lässt sich derzeit nicht sagen», erklärt Imhof. «Das muss von Fall zu Fall beurteilt werden.»

Wassermenge geht bis 60 Prozent zurück

Die Gletscherschmelze – sie macht auch vor dem Gletscher auf dem Titlis nicht Halt – spielt für den Abfluss in den Gewässern, vor allem in den Sommermonaten, eine wichtige Rolle. «Entsprechend gross sind die erwarteten Auswirkungen auf das Abflussregime der lokalen Bäche, Flüsse und auch auf das Grundwasser», erklärt Imhof. «Solange die Gletscher noch bestehen, bleibt die Abflussmenge in der Zentralschweiz ähnlich wie heute. Im Zuge des Klimawandels werden sich die Abflussspitzen aber immer früher ins Jahr verlagern.» Ende des Jahrhunderts würden die Gletscher im Einzugsgebiet der Reuss im Sommer nur noch einen kleinen Teil zum Gesamtabfluss beitragen.

Vor allem im August und September sei bis 2100 mit einem Abflussrückgang aus den heute vergletscherten Gebieten von bis zu 60 Prozent zu rechnen. «In Trockenperioden kann diese Situation in einzelnen Fällen zu Engpässen bei der Wasserversorgung führen», befürchtet der Amtsvorsteher.

Amt für Umweltschutz Uri


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