Chance sinkt «mit jeder Minute»

UNTERSCHÄCHEN ⋅ Ohne Felssicherungen darf vorerst nicht nach den beiden verschütteten Männern bei der Ruosalp gesucht werden. Der Polizeikommandant rechnet mit dem Schlimmsten, gibt die Hoffnung aber nicht auf.
12. Oktober 2017, 00:00

Florian und Bruno Arnold

zentralschweiz@luzernerzeitung.ch

Einsatzkräfte gefährden, um nach Überlebenden zu suchen – oder Verschüttete ihrem Schicksal überlassen? Vor diesem Dilemma stand die Einsatzleitung auf der Ruosalp, wo sich am Dienstag rund 2000 Kubikmeter Felsen gelöst und zwei Urner Bauarbeiter (62- und 26-jährig) verschüttet haben. Aufgrund von geologischen Abklärungen kam die Leitung zum Schluss, dass die Suche für die Retter zu gefährlich wäre. Deshalb wurde sie am Unfalltag um 19 Uhr eingestellt.

«Erst wenn die Stelle sicher ist, kann die Suche nach den Vermissten weitergeführt werden», sagte der Urner Polizeikommandant Reto Pfister an der gestrigen Medienkonferenz. Und das wird länger dauern als zuerst vermutet: Die Felssicherungsarbeiten dürften voraussichtlich eine Woche in Anspruch nehmen. «Solange wir die beiden Vermissten nicht gefunden haben, bleibt Hoffnung bestehen, auch wenn sie mit jeder Minute kleiner wird», sagte Pfister. «Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.» Mit den Angehörigen sei man im Kontakt. Wärmebildkameras oder Handyortung funktionierten bei derartigen Gesteinsmassen nicht. Vermutet werden die Verschütteten auf Höhe der Felsstrasse, obwohl sich der Sturzkegel bis rund 80 Meter unterhalb der Unfallstelle hinzieht.

Felspartien werden von Spezialisten gesäubert

Geologe Daniel Bieri, der die Lage vor Ort beurteilen musste, sagte gestern: «Insbesondere der Ausbruchbereich macht uns Sorgen.» Die Abbruchstelle befindet sich in extrem steilem Gebiet und ist rund 60 Meter hoch, 20 bis 30 Meter breit und 1,5 Meter tief. Man habe bei den Sichtungsflügen viele lose Felspartien ausgemacht, worauf entschieden wurde, dass eine Spezialfirma den Felsen säubern solle. Gestern Morgen wurde mit diesen Arbeiten begonnen. Die Firma musste sich vorerst einen sicheren Zugang zum Gebiet verschaffen. Nun sind die Arbeiter, jeweils gesichert an zwei Seilen, daran, von Hand das unsichere Gestein zu lösen. «Es gibt keine andere Möglichkeit, als das Material ins Tal stürzen zu lassen», so Bieri. Auch einzelne Sprengungen könnten nötig sein. Erste Begutachtungen hätten dem Geologen Recht gegeben, dass die Einschätzungen am Dienstagabend richtig gewesen seien, so Bieri.

Die beiden verschütteten Männer waren damit beschäftigt, den Felsenweg zu sanieren. Ruedi Huber, Einsatzleiter der Kantonspolizei Uri, bestätigte, dass am Dienstag auch Spreng- und Bohrarbeiten ausgeführt wurden. «Ob diese Arbeiten in Zusammenhang mit dem Felsabbruch gebracht werden können, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen», betonte Huber. Momentan sei dies reine Spekulation. Entsprechende Gutachten werde man einholen.

Der verletzte dritte Mann, der sich am Dienstag selber befreien konnte und per Rega ins Spital geflogen wurde, ist mittlerweile befragt worden. Er hat sich Verletzungen an Kopf und Schulter zugezogen, schwebte jedoch nie in Lebensgefahr. Den Zusammenhang zwischen Bauarbeiten und Felsabbruch habe er nicht bestätigt, so Huber. Die Vermissten zu finden habe zurzeit Priorität, ergänzte Polizeikommandant Pfister. Die Ursache werde später zur zentralen Frage. Auch zu den Besitzverhältnissen respektive zur Verantwortung für die Bauarbeiten äusserte sich die Polizei gestern nicht.

Keine Baubewilligung nötig gewesen

Die Strasse liegt auf Boden der Korporation Uri. Wie unsere Zeitung weiss, tritt die Hirteverwaltung Fiseten-Alplen der Korporationsbürgergemeinden Unterschächen und Spiringen als Bauherrschaft auf. Nach Auskunft des zuständigen Unterschächner Gemeinderats wurden die Arbeiten am Felsenweg nach Absprache mit der Korporation Uri und der Gemeinde Unterschächen vorgenommen. Weil es sich um eine Sanierung handle, sei keine Baubewilligung nötig gewesen. Laut Geologe Daniel Bieri gilt das Gebiet weder als besonders gefährlich noch ungefährlich.

Geologe


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