Das reizt Jungärzte an der Praxis im Bergkanton

URI ⋅ Im Kanton mangelt es an Hausärzten. Mehrere Studenten können sich aber vorstellen, nach der Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückzukehren – obwohl sie sich an der Uni damit nicht brüsten können.
30. November 2017, 00:00

Für die einen ist er ein Alleskönner, der die Familiengeschichte kennt und jedes Leiden lindert. Für die anderen ist er der Nichtskönner, der gerade mal den Blutdruck messen darf, um dann die Arbeit einem Spezialisten zu überlassen. Fest steht: Vor allem im ländlichen Gebiet ist der Hausarzt immer seltener anzutreffen – auch Uri hat mit einem Mangel zu kämpfen.

«An der Universität brüstet man sich nicht gerade damit, dass man Hausarzt werden will», verrät Anna Rechsteiner, die in Zürich Medizin studiert. «Aber es ist zurzeit das, was ich mir am ehesten vorstellen kann.» Nicht zuletzt wegen ihres Vaters Reto Rechsteiner, der in Altdorf seit Jahrzehnten als Hausarzt tätig ist. «Früher durfte ich ihn auf Hausbesuchen begleiten», erinnert sie sich. Das Vertrauen, das ihrem Vater entgegengebracht wurde, machte ihr Eindruck.

Junge Ärzte werden umgarnt

Ähnlich erging es Simon Raab, dessen Vater ebenfalls in Altdorf eine Hausarztpraxis führt. «Die Wertschätzung ist hoch, wenn der Arzt den Patienten zu Hause besucht», weiss auch er von den Erfahrungen mit seinem Vater. Ihm ist jedoch klar: «Diese wichtige Dienstleistung wird in der Tarifstruktur zu wenig Beachtung geschenkt.» Raab will Hausarzt werden. Und er glaubt auch, dass sich dies wieder mehr Junge vorstellen können. «Die Arbeit in der Grundversorgung ist sehr vielseitig und spannend. Als Praxisinhaber ist man sein eigener Chef mit den Vorteilen eines Selbstständigerwerbenden, wie flexiblen Arbeits- oder Ferienzeiten», so der Urner, der in diesem Jahr sein Staatsexamen abgeschlossen hat.

Frühstens entscheide man sich zum Schluss des Studiums für eine Fachrichtung. Denn damit ist die Ausbildung nicht zu Ende. Für weitere fünf bis sieben Jahre ist man für gewöhnlich als Assistenzarzt in einem Spital tätig. Diese Zeit sei entscheidend für die Wahl des späteren längerfristigen Arbeitsorts, sagt Raab. «Wichtig ist zudem, wie stark man mit der Heimat verwurzelt ist». Denn während der Assistenzzeit werde man von anderen Regionen ebenfalls angeworben. Zur Attraktivität einer Region zähle aber auch die Organisation des Notfalldienstes sowie die regionale Spitallandschaft. Dem Kanton Uri stellt Raab ein gutes Zeugnis aus. «Die Zusammenarbeit unter den Ärzten und mit dem Kantonsspital Uri ist im Allgemeinen kollegial und effizient. Zudem wird im Kantonsspital eine qualitativ sehr gute und vernünftige Medizin betrieben.»

Jemand, den es nach dem Studium wieder zurück in die Heimat verschlagen hat, ist Cé­cile Bachmann, die heute in der Bristenpraxis in Altdorf in einem 50-Prozent-Pensum arbeitet. «Für mich war klar: Wenn ich etwas Längerfristiges suche, dann zu Hause.» Die tiefe Ärztequote in Uri sei ihr natürlich bewusst. «Warum soll ich dann in die Stadt Luzern pendeln, wo es schon genug Ärzte gibt?» Was das Verständnis des Hausarztberufs angeht, macht Bachmann einen deutlichen Unterschied zwischen Stadt und Land aus: «Hier sind die Leute noch dankbarer und weniger kompliziert als Städter.» Während in der Stadt oft auf den Spezialisten gedrängt werde, brauche es in Uri manchmal Überzeugungsarbeit, um Patienten zu überweisen.

Anders als viele ihrer Vorgänger, die kaum einen Feierabend kannten, trennt Cécile Bachmann klar zwischen Arbeit und Privatem. «Wir haben in unserer Praxis pro Tag 8 Stunden Patientenkontakt – Hausbesuche und Visiten im Altersheim eingerechnet. Dazu kommen noch die administrativen Arbeiten, die wir nach der Sprechstunde erledigen. Ausserhalb der Praxiszeiten steht der Notfalldienst zur Verfügung.»

«Weiterführen, was Grossvater und Vater taten»

Für Simon Raab ist es denkbar, später in Altdorf die Praxis seines Vaters zu übernehmen. «Für mich ist es eine sehr schöne Vorstellung, das weiterzuführen, was mein Grossvater und mein Vater taten, und ich freue mich darauf. Aber natürlich weiss man nie mit letzter Bestimmtheit, wohin es ­einen verschlägt.»

Medizinstudentin Anna Rechsteiner will sich für ihre Zukunft noch nicht festlegen. «Mein Vater war immer erfüllt von seinem Job, deshalb kann ich mir gut vorstellen, einmal in seiner Praxis anzufangen.» Sie habe aber auch mitbekommen, wie belastend die Arbeit sein könne. «Die Ärzte der Generation meines Vaters waren Krampfer. Heute streben aber Ärzte eine bessere Work-Life-Balance an», sagt sie. «In der Gruppenpraxis, die mein Vater aufgebaut hat, kann ich mir vorstellen, eines Tages Vollzeit zu arbeiten oder, falls ich Kinder habe, auch Teilzeit.»

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch


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