Der Mann, der während der Arbeit die Zeitung liest

DEUTSCH UND DEUTLICH ⋅ Peter Vonwil (61) arbeitet seit 30 Jahren als Korrektor bei unserer Zeitung. In seiner Freizeit reist er in die Ferne – wegen der Ornithologie und der Fotografie.
12. Juni 2017, 00:00

Peter Vonwil, erklären Sie die Tätigkeit eines Korrektors.

Neunzig Prozent der Arbeit eines Korrektors bei der «Luzerner Zeitung» besteht darin, am Abend die morgige Ausgabe der Zeitung auf Fehler zu prüfen beziehungsweise diese vorher zu korrigieren. Wir Korrektoren sind die ersten Leser eines Artikels. Wenn wir den Text nicht verstehen – wird er dann vom Zeitungsleser ver­standen? Wir prüfen den Text auf Grammatik, Orthografie, Verständlichkeit. Un­ser Privileg ist es sozusagen, während der Arbeit die Zeitung lesen zu dürfen.

Aber das ist nicht dasselbe, wie wenn Sie die Zeitung daheim beim Kaffee lesen, oder?

Acht Stunden im Tag lesen kann unter Umständen mühsam sein, ist aber sicher anstrengend. Da muss man eine gewisse Lockerheit mitbringen. Neben der nächsten Ausgabe der Tages­zeitung lesen und korrigieren wir vor allem tagsüber auch bevor­stehende Beilagen, Kundenprodukte wie Firmenzeitungen oder Zeitschriften.

Wenn man bei Ihnen im Korrektorat reinschaut, hat man sofort das Gefühl: «Achtung, Ruhe bitte!» Wie in einer Bibliothek sind alle ganz still am Lesen.

Nun, wenn einer reinschaut, sind wir eben alle blitzartig ruhig! Nein, Spass beiseite: Konzentration und Ruhe sind im Korrektorat schon erforderlich. Aber wir müssen auch untereinander kommunizieren, diskutieren beispielsweise Schreibweisen oder grammatikalische und orthografische Fragen. Es kommt auch vor, das ein Journalist uns um Rat fragt.

Braucht es Sie überhaupt? Ich habe ja den Duden.

Die neue Rechtschreibung ist seit zwanzig Jahren in Kraft. Seither sind fünf neue Duden erschienen, mit immer neuen Änderungen und Varianten.

Was meinen Sie mit Varianten?

Varianten sind ein schwieriges Thema. Wenn der Duden zwei Varianten als richtig taxiert, müssen wir uns in der ­Zeitung auf eine beschränken, zum Beispiel schreiben wir jetzt wieder Joghurt anstelle des auch erlaubten Jogurt. Bei E-Mail oder eMail oder sogar Email lässt der Duden aber nur E-Mail als richtig gelten.

Aber der Duden bleibt Ihr Hauptnachschlagewerk, oder?

Ja, der Duden, auch in elektronischer Form, ist unsere Grund­lage. Der Korrektor kann nicht alles wissen. Aber er muss wissen, wo er das Richtige finden kann. Zum Beispiel im Internet via Google, wo man allerdings auch das Falsche finden kann.

Ihr grösstes Ärgernis mit den Journalisten und Redaktoren bei der Zeitung?

Wenn es ein grösstes Ärgernis gäbe, hätten wir das schon lange abgestellt. Aber es gibt immer wieder unpassende Floskeln. Im Sport ist es auch nicht notwendig, für das Wort «Ball» krampfhaft andere Bezeichnungen wie «das runde Leder» oder «die Kugel» zu finden. «Ball» wird beim Lesen einer Sportreportage nicht als Wiederholung empfunden.

Weitere Beispiele?

Immer wieder gibt es: «Die Kohlen aus dem Feuer holen.» Die Redensart heisst aber richtig: «Die Kastanien aus dem Feuer holen.» Diese Redensart geht auf eine Tierfabel zurück.

Einer unserer Reporter schrieb einmal: «Er hat noch einen Pfeil im Koffer.»

Es heisst auch richtig «Etwas brennt mir auf den Nägeln» und nicht etwa «Etwas brennt mir unter den Nägeln». Diese alte Redensart stammt daher, dass man früher als eine Art Strafe eine Kerze halten musste, bis sie auf die Fingernägel heruntergebrannt war.

Und es gibt immer wieder amüsante Beispiele von Verschreibern.

Wie zum Beispiel den «Leich-athleten, auf den die Schweinwerfer gerichtet» waren.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Andere Presseerzeugnisse nach Fehlern durchforsten?

Ich bin schon seit meiner Schulzeit ein begeisterter Vogelkundler. Die Ornithologie und die Fotografie sowie das damit verbundene Reisen sind zu einem Lebensinhalt geworden. Ich bin schon in über vierzig Länder gereist.

Ihre letzte Reise, Ihre nächste Reise?

Zuletzt reiste ich im April mit meiner Partnerin durch Nationalpärke in Indien. Das Ziel der nächsten Reise ist noch unklar. Ausserdem könnte es gefährlich werden.

Wieso?

Ich war drei Wochen vor dem Tsunami in Japan unterwegs, kurz vor Ausbruch des Krieges durch Syrien gereist und kurz vor den grossen Unruhen in der Türkei in kurdischem Gebiet unterwegs.

Letzte Frage, in der Hoffnung, dass ich Ornithologie richtig geschrieben habe: Können Sie den Artikel jetzt bitte richtig gut durchlesen und auf Fehler überprüfen?

Nein, das soll ein anderer Korrektor machen. Sonst bin ich noch schuld, wenn ein Fehler über­sehen wurde.

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch


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