Die abklappbare Brücke von Realp

BAHNVERKEHR ⋅ Die Furka-Bergstrecke wird für den Sommer gerüstet. Damit die Züge fahren können, muss unter anderem die Steffenbachbrücke heraufgeklappt werden. Das hat auch seine Tücken.
18. Mai 2017, 00:00

Einen besseren Tag hätten sich die Männer nicht aussuchen können. Strahlend blauer Himmel empfängt sie am vergangenen Dienstag zwischen Realp und dem Furkapass. Hier, auf rund 1700 Metern über Meer, herrscht T-Shirt-Wetter. Doch sind die 15 Männer nicht hier, um zu wandern oder eine späte Skitour zu machen, sondern sie ziehen die Steffenbachbrücke auf. Aus der ganzen Deutschschweiz sind die Mitglieder des Vereins Furka-Bergstrecke angereist, um freiwillig mitzuhelfen. Albert Camenzind aus Gersau etwa macht seit 1996 mit. Zwei festangestellte Mitarbeiter sind ebenfalls vor Ort.

Die Brücke liegt auf der Strecke der Furka-Bergbahn und wird jeweils während des Winterhalbjahres mittels eines ausgeklügelten Systems heruntergelassen und die Bahnstrecke somit unterbrochen. Der Mittelteil der Brücke hängt dann am talseitigen Ende des Übergangs wie ein Ast hinunter, der nur noch mit einem kleinen Teil am Baum hängt.

Viele Lawinen donnern hier ins Tal

Die Brücke wird seit ihrer Erstellung 1925 jährlich heruntergelassen, damit Lawinen ihr nichts anhaben können. Denn hier, wo der Steffenbach in die Furkareuss fliesst, donnern im Winter sehr oft Lawinen ins Tal. Eine normale Brücke würde von den Schneemassen mitgerissen, da die Linienführung nicht hoch genug über dem Flussbett durchführt. Deswegen kamen die damaligen Ingenieure auf die Idee, die Brücke abklappbar zu bauen. Die Idee war so gut, dass sie bis heute funktioniert. Und so sagt auch Patrick Smit, welcher für die Schneeräumung der Furka-Berglinie zuständig ist: «Ich bin mir nicht sicher, ob es heute eine bessere Lösung dafür geben würde.»

So schön der Tag hier oben ­inmitten von Bergen, Schnee­feldern und Wasserfällen ist, so schwer haben es die vergangenen Wochen den Männern gemacht. Das späte Comeback des Winters brachte sehr viel Neuschnee – und Lawinen. «Die Lawinengefahr ist hier latent», sagt Smit, der seit 2005 mithilft, die Brücke zu montieren. Er ist seit einer Woche vor Ort und analysiert die Lage. Diese sei sicher. Momentan ist auch das Steffenbachtobel unter einer 10 Meter hohen Schneedecke begraben.

Ursprünglich war der Aufzug am letzten Freitag geplant, doch machte eine defekte Stromleitung den Arbeitern einen Strich durch die Rechnung. Zwar funktioniert die Stromleitung nach wie vor nicht, doch mittlerweile konnte ein Aggregat organisiert werden. Und so heisst es am Dienstag um 8 Uhr Besprechung. Dann werden die Männer mit einer Lokomotive von Realp bis zur Brücke gefahren.

Doch weil sie am Vortag nicht vorbereiten konnten, müssen sie nun sämtliche Aufstellarbeiten durchführen. Und weil wegen der kurzfristigen Verschiebung teilweise andere Arbeiter aufgeboten werden mussten, die diese Arbeit noch nie gemacht haben, kennt sich die Mannschaft noch nicht gut. Die Handgriffe sitzen noch nicht einwandfrei. Deshalb dauert es eine Weile, bis Bewegung in die Sache kommt. «Aber Hauptsache, die Brücke ist oben, und es passiert kein Unfall», findet Patrick Smit. Er erklärt, wieso die Männer die Strapazen auf sich nehmen: «Diese Arbeit ist wie ein Virus, gegen welches es kein Gegenmittel gibt.» Die Nostalgie der Bahn, die Bergwelt, die Kameradschaft. Das ziehe die freiwilligen Helfer an.

Auf beiden Seiten der Brücke arbeiten derweil die Männer. Zuerst wird ein erster Teil der talseitigen Brücke, der auf dem normalen Trassee liegt, mittels Kabelwinden sozusagen in die freie Luft hinausgeschoben. Dabei bewegt sich auch die Stütze des Brückenteils hinaus. All das geschieht in Zeitlupe. Nach der Mittagspause ist der bergseitige Teil dran. Und nach gut fünf Stunden Arbeit kommt schliesslich das Herzstück der 36 Meter langen und 32 Tonnen schweren Brücke an die Reihe: der Mitteilteil, welcher gut einen Drittel der gesamten Länge ausmacht. Langsam wird er hinaufgezogen, alle helfen mit. Die Konzentration der Arbeiter ist auf dem Höhepunkt angelangt. Immer wieder kontrollieren die verantwortlichen Monteure den Fortschritt. Und so hebt sich die Brücke Stück für Stück nach oben. Rund 20 Minuten dauert der Spuk. Die Brückenteile werden miteinander verankert – und dann ist die Brücke begehbar.

Erster Zug fährt Ende Juni

Doch ganz zu Ende ist die Arbeit der Männer nicht. Da sich die Brücke wegen der Wärme ausgedehnt hat, sind die Gleise noch ein paar Zentimeter zu lang. Über Nacht sollen diese dank der Kälte wieder schrumpfen, dann werden sie laut Patrick Smit passen und zusammengeschraubt. Und schliesslich wartet noch die Schneeräumung der Strecke bis zur Station Furka. Vom Wallis her wird momentan ebenfalls Schnee geräumt. Ende Juni soll der erste Zug die Strecke befahren. Patrick Smit erwartet, dass die Männer heute Donnerstag auf der Station Furka ankommen. Diese erhalten für ihre Arbeit übrigens Verpflegung, Unterkunft, Gratis-Bergfahrten und vor allem eine Arbeit, die sich wohl mit nichts vergleichen lässt.

www. Mehr Bilder finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/bilder

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