Entfesselte Debatte über Religion

PODIUM ⋅ Gestern Abend diskutierten Politiker und ein Schriftsteller über die Rolle des Islam in der westlichen Gesellschaft. Integration sei möglich, so das Fazit, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.
15. September 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Auch nach etlichen Debatten und Diskussionsrunden: Der Umgang unserer Gesellschaft mit religiösem Fanatismus, besonders mit dem Islamismus, bewegt die Gemüter. Das zeigt auch das Burkaverbot, über welches das Schweizer Stimmvolk bald zu befinden hat, eine entsprechende Initiative wird heute eingereicht. Der Mediensaal der LZ war gestern Abend schon eine Viertelstunde vor Beginn sehr gut besetzt. In den Zuschauerrängen auch zu erspähen: neben viel grauem und weissem Haar ein nach hinten gedrehtes Käppi – und ein einsames Kopftuch.

Zum Einstieg las Schriftsteller Giuseppe Gracia, bekannt als Mediensprecher des Bistums Chur, zwei Stellen aus seinem neusten Roman «Der Abschied» vor. In seinem im Frühling publizierten Werk wird ein Berliner Kulturanlass von islamistischen Terroristen gestürmt, es folgt eine vernichtende Gesellschaftskritik am Westen. Gracia geizt dabei nicht an Wortbrachialität, lässt Föten vom Himmel regnen, spricht von Menschen gefangen im «Konsum-Koma».

Strebt der Islam Macht an?

Moderator der Diskussionsrunde, Jérôme Martinu, Chefredaktor unserer Zeitung, gab schon früh Entwarnung: «In Literaturkritik werden die anwesenden Diskutanten sich heute nicht üben.» Nebst Bistumssprecher Gracia diskutierten Gerhard Pfister, Zuger Nationalrat und CVP-Parteipräsident, der Luzerner Pirmin Müller, Kantonsrat SVP und Petitionär «Kreuz bleibt», sowie Ylfete Fanaj, Kantonsrätin und Fraktionschefin SP, ebenfalls aus Luzern. Eine erste Frage nach deren religiösem Hintergrund offenbarte schon früh einen Mangel: Einen Islam-Experten suchte man in der Diskussionsrunde vergebens. Denn Fanaj, die als einzige einen muslimischen Hintergrund hat, gab unumwunden zu: «Der Islam spielt für mich keine Rolle.» Die übrigen – und das heisst die männlichen – Teilnehmer betonten ihrerseits alle ihre Nähe zum Katholizismus.

Einen ersten Spontanapplaus erntete Gerhard Pfister, der bekräftigte, sich im katholischen Milieu stets sehr wohl gefühlt und auch die Klosterschule in Disentis ohne Neurosen überstanden zu haben. «Ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich praktizierender Katholik bin.»

Dann drehte sich das Gespräch schon um eine der ganz grossen Fragen: Ist der Islam kompatibel mit der westlichen Kulturauffassung? Einer der fest daran glaubt, ist Pfister. «Sofern er die strikte Trennung von Staat und Religion akzeptiert.» Giuseppe Gracia hingegen ereiferte sich, dass man die Weltanschauung, für die der Islam steht, viel zu wenig diskutiere. «Wie steht er zur Gewaltfrage, und strebt er Macht an? Beide Fragen sind nicht geklärt» – aber für die friedliche Koexistenz in einer modernen Gesellschaft unabdingbar. Die Debatte sei «politisch kas­triert», meinte Garcia, der, je länger die Diskussion andauerte, desto mehr polterte.

Einen schweren Stand hatte in der Männerrunde Ylfete Fanaj, die sich mehrmals auf die Bundesverfassung berief. Diese gelte es von allen Seiten zu respektieren. Und stellvertretend für die rund 450000 Muslime im Land betonte sie: «Für die allermeisten Muslime hier ist dieser Respekt eine absolute Selbstverständlichkeit.» Zudem betonte sie, dass die Schweiz auch vieles richtig mache in der Integration – auch von Muslimen.

Es traf schliesslich ein, was schon der Titel der Diskussionsrunde befürchten liess: So breit wie die Thematik war, so gross war der Unterschied zwischen den einzelnen Positionen. Entsprechend wild war die Gesprächsrunde stellenweise. «Gott sei Dank spricht man in unserem Land darüber», schloss Martinu.


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