Er klinkt sich aus 3500 Metern Höhe aus

FLIEGEREI ⋅ Bruno Moser vom Deltaclub Rigi hat vor 40 Jahren das Deltasegeln entdeckt. Der 61-jährige Servicemonteur aus Würenlos gibt sich nicht mit einfachen Flügen zufrieden. Demnächst wagt er einen Ballonstart.
11. September 2017, 00:00

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Bruno Moser, auf den 60. Geburtstag hat man Ihnen eine Ballonfahrt geschenkt. Ihnen ist das nicht genug: Sie lassen sich vom Ballon aus 3500 Metern Höhe mit einem Deltasegler fallen. Warum?

Warum nicht zwei schöne Dinge verbinden? Ich hatte zwei Träume, die ich mit dem Delta realisieren wollte. Den Looping habe ich mir auf den 60. geschenkt, der andere ist der Ballonstart. Diesen will ich mir am nächsten Sonntag in Schenkon erfüllen.

Sie könnten sich auch einfach über die Ballonfahrt freuen.

Tue ich. Die Freude ist riesig. Als man mir die Fahrt schenkte, dachte ich aber sofort an den Ballonstart. Die Leute, die mir das Geschenk machten, jedoch nicht.

Mit so einer Tat rechnet ein «normaler» Mensch auch nicht. Wie soll denn dieser Start funktionieren?

Mein Fluggerät wird mit mir unter dem Korb eingeklinkt. Die Fahrt werde ich wie die sechs Leute im Korb geniessen, mit einer ungehinderten 360-Grad- Sicht nach unten. Nach dem Wechsel vom Fahren zum Fliegen werde ich meinen Landeort präziser bestimmen können.

Wie starten Sie?

Wenn die Höhe erreicht ist, klinke ich mich aus. Der Deltasegler wird für eine kurze Strecke senkrecht abfallen, dann richtet sich das Gerät in die richtige Position.

Scheint dennoch riskant. Haben Sie keine Bedenken?

Doch natürlich. Der Looping wie auch der Ballonstart sind gewaltige Strapazen für das Fluggerät.

Ich dachte eher an Ihre Sicherheit.

Wenn das Gerät hält, bin auch ich sicher. Die modernen Deltasegler halten einiges aus. Dieser Start ist weniger riskant als eine Velofahrt in der Stadt.

Diesen Vergleich bringen alle, die etwas Gewagtes unternehmen. Es gab schon viele Unfälle mit Deltaseglern.

Die Ursachen sämtlicher mir bekannten Unfälle mit Deltaseglern sind jedoch nachvollziehbar, weil Fehler gemacht wurden. Bei keinem Unfall waren unbekannte äussere Umstände erkennbar oder Drittpersonen beteiligt. Wenn in der Luft etwas passiert, bin ich zu 99,9 Prozent selber schuld. Das ist bei Unfällen im Strassenverkehr meistens anders.

Welche Fehler kann man beim Deltasegeln machen?

Die Meteo-Bedingungen und die eigenen Fähigkeiten falsch einschätzen sowie die Ausrüstung unsachgemäss behandeln. Es kam auch vor, dass sich Piloten nicht am Gerät eingehängt haben und abgestürzt sind. Oder Leute dehydrierten bei langen Flügen in grosser Höhe, weil sie kein Wasser dabei hatten. Das kann zu Sauerstoffmangel führen, was sich fatal auswirkt. Zu Beginn der Deltaseglerei waren zudem die Konstruktionen völlig anders und aus heutiger Sicht brandgefährlich. Deltasegeln wird von der Suva seit über 30 Jahren nicht mehr als Risikosportart geführt.

Dennoch gibt es nicht mehr viele Deltapiloten. Warum?

Wir schleppen viel Material auf den Berg. Die Ausrüstung wiegt fast 50 Kilo. Wenn ich auf die Rigi fahre, laufe ich mit dem Material zweimal von der Bahnstation zum Startplatz. Da haben es die Gleitschirmpiloten einfacher. Deltasegeln ist für den Körper anspruchsvoll. Ich bin aber ziemlich fit, da ich auch als Pontonier aktiv bin und ins Krafttraining gehe.

Warum haben Sie den Ballonstart nicht früher realisiert? Ist ja bequemer zum Starten.

Eine Ballonfahrt kostet ja auch Geld. Zudem sucht ein Deltapilot in der Regel die Thermik, um möglichst lange in der Luft zu bleiben. Nach dem Ballonstart werde ich jedoch einen ruhigen, zwanzigminütigen Gleitflug zum Sempachersee haben.

Ist der Wechsel ins Gleitschirmlager kein Thema?

Das machte ich schon vor Jahren. Aber ich fliege seit 1977 Deltasegler und habe immer noch Freude.

Bei welcher Gelegenheit nehmen Sie den Gleitschirm?

Wenn beim Skifahren zu wenig Schnee für die Talabfahrt liegt. Und von der Rigi gönne ich mir ab und zu einen schönen Abendflug.

Suchen Sie mit dem Schirm keine Thermik?

Da mir dafür die Flugpraxis fehlt, habe ich grossen Respekt davor. Wenn jemand bei starker Thermik, wie ich sie mit dem Delta liebe, zum Beispiel im Wallis fliegt, muss er ein Top-Pilot sein.

Das Fliegen scheint für Sie nichts Aufregendes zu sein?

Nach über 3000 Flugstunden ist das Segeln beinahe, wie wenn man aufs Velo steigt.

Nur weniger gefährlich, nach Ihrer Aussage. Was ist das Reizvolle am Ballonstart?

Die Vorfreude ist fast so gross wie die Aktion selber. Ich muss nichts tun, ausser mich hochziehen lassen. Der schönste Moment ist sicher das Ausklinken. Und dann überwiegt die Freude, dass man als Mensch die Möglichkeit hat, ohne Maschine zu fliegen.

Sie und Ihr Delta wiegen rund 150 Kilogramm. Ziemlich viel Ballast, der auf einmal wegfällt. Ist das keine Schwierigkeit für den Ballonpiloten?

Das müssen Sie ihn fragen. Aber ich denke nicht. Es gibt ja zahlreiche Fallschirmspringer, die aus einem Ballon starten.

Haben Sie Familie?

Ja, meine beiden 26- und 33-jährigen Töchter und mein Bruder fahren im Ballon mit.

Freuen die sich genauso auf die Fahrt wie Sie?

Auf die Ballonfahrt schon. Dass ich aber unter ihnen hänge, macht der einen Tochter nicht so grosse Freude.

Und Ihre Frau?

Sie kommt schon gar nicht mit. Sie ist mit mir aber schon von der Rigi und vom Pilatus geflogen.

Sind Sie jetzt ein risikofreudiger Typ oder nicht?

Mein Umfeld ist anderer Meinung als ich. Etwas Adrenalinsüchtig bin ich vielleicht schon.

www. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/dossier

Pilot des Deltaclubs Rigi


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