In Uri hapert es mit der Jugend

RÜTLI ⋅ 1142 Teilnehmer haben die 155. Ausgabe des traditionellen Rütlischiessens gefeiert. Unter ihnen auch viele Jungschützen. Doch gerade in der Zentralschweiz zeichnet sich ein Nachwuchsproblem ab.
09. November 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Gut Schuss!», schallt es aus dem Lautsprecher. Die ersten 48 Schützen knien in einer Reihe; die Gurte an den Jacken sind festgezurrt, die Kissen unter die Schienbeine geschoben und die Gewehrläufe auf die knapp 300 Meter entfernten Scheiben am Berghang gerichtet. Dreimal trötet das Warnhorn, «drei Schuss in einer Minute», mahnt die Lautsprecherstimme – und kurz darauf hagelt es bereits eine erste Schusssalve, deren Echo sogleich von den Felswänden zurückprallt. Das 155. Rütlischiessen hat begonnen, kaum hat es getagt. Vorbei ist die andächtige Morgenruhe. Auf dem Rütli geben nun die Gewehre den Takt an. Bis zwei Uhr werden sie über 17000 Schuss abgegeben haben.

Aus allen Landesteilen sind die 1142 Schützen für das älteste historische Schiessen angereist. Vertreten sind sämtliche Altersklassen – vom 16-jährigen Jungschützen bis zum 82-jährigen Rütlischiessen-Veteranen.

Die festgelegte Teilnehmerzahl von 1152 haben die Verantwortlichen dieses Jahr nicht erreicht. Eine Gastsektion hat sich im letzten Augenblick abgemeldet. Das sei unter Schützen gar nicht üblich, meint Heinz Weber, Präsident der organisierenden Vorortssektion Schwyz. Seine Laune trübt das aber so wenig wie das anfangs ziemlich ungemütliche feucht-kalte Herbstwetter. Auch wenn an diesem Morgen eine dicke Wolkendecke sämtliche Zentralschweizer Berggipfel verschluckt hat, Weber rechnet mit gesamthaft 1500 Gästen. «Wir Schützen sind wetterfest», bemerkt er bloss lachend.

Gästeübernehmen überzählige Scheiben

Erfreut ist der Sektionspräsident darüber, dass heuer wieder viele Jungschützen mitschiessen. Diesen Nachwuchs findet man aber vor allem in den Gastsektionen. Mühe, genügend (junge) Schützen aufzutreiben, bekunden hingegen einige Zentralschweizer Stammsektionen, die zusammen über 700 Schü­tzen stellen: mehr als alle anderen zusammen. Betroffen davon ist auch die Urner Delegation. Sie hat 124 Schützen aufs Rütli entsandt, das sind 12 weniger als ihr eigentlich zustünden. Die überzähligen Scheiben haben teils Gästesektionen übernommen. «Dass in gewissen Sektionen der Nachwuchs ausbleibt, bemerkt man auch an anderen 300-Meter-Schiessen im Kanton», sagt Adrian Zurfluh, Präsident der Vorortssektion Uri.

Als Zurfluh 1993 an seinem ersten Rütlischiessen teilnahm, war die Situation eine andere. «Wer schiessen wollte, wurde in eine Liste eingetragen und musste nicht selten zwei Jahre warten.» Man schaue aber nicht ­tatenlos zu. «Schon vor Jahren ­haben wir das Mindestalter von 25 auf 20 Jahre gesenkt.» Eine weitere Absenkung plant man derzeit nicht, auch wenn sich das Zurfluh persönlich vorstellen könnte. Vorerst beschränke man sich darauf, unter den Urner Sektionen weiter für das Rütlischiessen zu werben. Und sowieso: «Wegen der gegenwärtigen Situation klappern uns weder die Zähne, noch sind wir am Heulen.»

Dass auch im Kanton Uri nicht alle Vereine gleich stark von Nachwuchsproblemen geplagt sind, zeigt das Beispiel der Schützengesellschaft Spiringen. «Wir verzeichnen keinen Rückgang», sagt Esther Herger (40), langjähriges Vereinsmitglied. «Und im nächsten Jahr werden voraussichtlich einige Jungschützen zum ersten Mal mit dabei sein.» Herger ist eine der wenigen Frauen, die gestern auf dem Rütli mittaten. «Der Schiesssport ist noch immer eine Männerdomäne», bestätigt Organisator Heinz Weber. Den Frauenanteil schätzt er auf einen einstelligen Prozentsatz.

Das nächste Rütlischiessen wird von der Urner Vorortssektion organisiert. Die 1152 Scheibenplätze wird sie wohl an den Mann oder die Frau bringen können. Wahrscheinlich aber ist, dass künftig die Gäste auf Kosten der Stammsektionen an Bedeutung gewinnen – sofern der hiesige Nachwuchs nicht vermehrt zur Waffe greift.

Hinweis

Die Rangliste finden Sie unter:

www.ruetlischiessen.ch

www.

Weitere Impressionen:

luzernerzeitung.ch/bilder

Präsident der Vorortssektion Uri


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