Kritik an der Verwendung des Gotthard-Gesteins

2. GOTTHARD-RÖHRE ⋅ Der Kanton Uri hat keine Forderungen für die Verwendung des Ausbruchmaterials gestellt, das beim Bau der zweiten Röhre anfallen wird. Ein Landrat bedauert diesen Kniefall vor den Bundesstellen.
10. Oktober 2017, 00:00

2020 soll mit dem Bau der zweiten Gotthard-Röhre begonnen werden. Das Projekt kostet rund zwei Milliarden Franken – der Tunnel soll 2027 in Betrieb gehen. Während den sieben Baujahren dürften rund 6,3 Millionen Tonnen Ausbruchmaterial anfallen. Zirka 1 Million Tonnen kann als Baumaterial wiederverwendet werden. Das im Süden ausgebrochene Material (rund 2,5 Millionen Tonnen) beispielsweise wird zu einem grossen Teil für das Überdecken der A2 in Airolo verwendet. Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat einer entsprechenden Forderung des Kantons Tessin und der Gemeinde stattgegeben. Sie müssen sich allerdings mit 50 Millionen am rund 100 Millionen Franken teuren Projekt beteiligen.

Weitere rund 2,8 Millionen Tonnen werden nach Flüelen transportiert und im Rahmen der «Seeschüttung III» im Urnersee versenkt. In einer im Juni eingereichten Interpellation hatte Landrat Simon Stadler (CVP, Altdorf) die Regierung aufgefordert, «sich darüber Gedanken zu machen, wie das Ausbruchmaterial in Uri für Aufwertungsmassnahmen zu Gunsten der Bevölkerung eingesetzt werden könne – etwa im Bereich Lärmschutz entlang der Autobahn oder bei der Umsetzung des Agglomerationsprogramms». Uri dürfe sich nicht nur auf das Projekt Seeschüttung konzentrieren. Das Beispiel Airolo zeige, dass das Astra offen sei für Vorschläge.

Grosser Nutzen für die Natur

«Die bisherigen Abklärungen reichen aus», schreibt die Regierung nun in ihrer Antwort auf Stadlers Interpellation. Uri habe aufgrund des bewilligten Auflageprojekts Seeschüttung III sowie des Fehlens eines ähnlichen optimalen Verwendungszweckes wie im Süden gegenüber dem Astra keine Forderungen zur Verwendung des im Norden anfallenden Ausbruchmaterials gestellt. «Die Verwendung des sauberen Ausbruchmaterials ist umweltschonend, ohne negative Auswirkungen für die Bevölkerung, weist aber einen grossen Nutzen für die Natur auf.» Einer vertraglichen Bindung mit dem Astra stehe daher nichts entgegen. Ein Zuwarten könne höchstens dazu führen, dass das Astra Ablagerungsstandorte in Betracht ziehe, die mit grossen landschaftlichen Eingriffen verbunden wären und der Bevölkerung und der Urner Wirtschaft keinen Nutzen brächten.

Weiter erachtet die Regierung die Verwendung von Ausbruchmaterial zum Schutz der Bevölkerung vor Lärm- und Schadstoffimmissionen als «unverhältnismässig». Als Begründung werden etwa die topografische Lage, der landschaftliche Eingriff oder auch der grosse technische Aufwand für den Bau von Tunnels genannt, die überschüttet würden. Die Lärmschutzmassnahmen entlang der A2 im Kanton Uri seien ausserdem in «annehmbarem bis sehr gutem Zustand», so die Urner Regierung.

Es bestehe im Weiteren auch kein Bedarf, ehemalige Kiesgruben oder Materialentnahmestellen mit Aushubmaterial auszufüllen und zu rekultivieren. «Weitere sinnvolle Möglichkeiten zur Verwendung des Ausbruchmaterials zum Schutz und Nutzen der Bevölkerung sind nicht ersichtlich», so die Regierung. Es sollen aber rund 150 000 Tonnen leicht verschmutztes Material in Uri abgelagert werden. Für diese Mengen sind auf den bestehenden Urner Deponien genügend Kapazitäten vorhanden, schreibt die Regierung. Auch bei dem von Simon Stadler erwähnten Agglomerationsprogramm sieht die Regierung «keine sinnvolle Verwendung für Ausbruchmaterial in relevanten Mengen». Die Massnahmen dieses Programms sähen konkrete Massnahmen in der Siedlungs-, Landschafts- und Verkehrsentwicklung vor.

Interpellant zeigt sich enttäuscht

«Der Bau des Gotthard-Strassentunnels ist ein Geben und Nehmen», sagt Simon Stadler nun auf Anfrage. «Mit dem Ausbruchmaterial könnte man für Uri mehr herausholen. Ich bin enttäuscht, dass die Regierung gegenüber den Bundesstellen keine klaren Forderungen stellt», so der CVP-Vertreter. «Mit einer Verlängerung des Autobahntunnels in Erstfeld würde zum Beispiel zusätzlicher Platz geschaffen. Dies könnte die Landwirtschaft entlasten, die unter enormem Druck steht», glaubt er. Auch wenn das Astra gemäss regierungsrätlicher Antwort «schon kleinere Forderungen als unverhältnismässig betrachtet», sei er überzeugt, dass mit geschicktem Verhandeln einiges erreicht werden könne. Das zeige gerade das Beispiel ­Airolo. «Wenn man jedoch nichts fordert, wird man auch nichts bekommen.» Es mache den Anschein, dass die Regierung vor dem Astra resigniert habe.

Stadler bedauert zudem, dass der Regierungsrat nicht einmal bereit sei, einige der von den Gemeinden eingebrachten Projekte «auch nur annähernd zu prüfen und ihre eigenen Ziele im Zusammenhang mit dem Agglomerationsprogramm zu verfolgen», so etwa betreffend Tieferlegung des A4/A2-Anschlusses oder der A2 nördlich von Seedorf.

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

Landrat (CVP, Altdorf)


Leserkommentare

Anzeige: