Projektionen

08. August 2017, 00:00

Während einiger Monate begleitete mich die markante Stimme von Hanspeter Müller-Drossaart in meinem Atelier. Immer und immer wieder hörte ich ihm zu, wie er die Pilger­vision auf Mittelhochdeutsch rezitierte: «Und ihn dunkt’s in sinem Geist, es käme ein Mann in Pilgers Art und Wiis …»

Im August feiert das Visionsgedenkspiel «vo innä uisä» unter der Regie von Geri Dillier Premiere. Szenen, Projektionen, Klänge, Gesang und Bilder führen in die mystische Welt von Bruder Klaus. Vor einem Jahr wurde die herausfordernde Aufgabe an mich herangetragen, in diesem Rahmen der Pilgervision von Niklaus von Flüe Videoprojektionen zur Seite zu stellen.

Der von Zeitgenossen von Bruder Klaus festgehaltene Text beschwört surreale Bilder herauf: Von einer Begegnung mit einem Pilger ist die Rede, dessen Gestalt sich ständig wandelt. Seine Kleider glitzern, dann sind sie durchsichtig, dann wieder von der Art einer Bärenhaut. Der Pilatusberg stürzt ein, wundersame Klänge füllen den Raum.

Wie finde ich Bilder für eine Vision, die im Geist von Niklaus von Flüe stattfand – das war für mich zu Beginn die zentrale Frage. Bewegte Bilder, die den Text nicht illustrieren, die viel Zwischenraum lassen und Assoziationsräume eröffnen, die aktuell und zeitlos zugleich sind.

Meine Recherchen führten mich über den Begriff Vision (sehen) zu Fragestellungen rund um den Sehprozess, zu Spiegelungen und dem Sehen durch halbgeschlossene Augenlider. Experimente mit dem Blick durch unregelmässig gegossene Glasobjekte oder Gegenstände mit verspiegelter Oberfläche generierten Ausgangsmaterial, mit dem ich weiterarbeiten konnte. Zusammen mit der von Jul Dillier gestalteten Tonspur verdichteten sich die einzelnen Fragmente zu einem Ganzen.

Es war eine grosse Bereicherung, in die Pilgervision von Niklaus von Flüe einzutauchen. Die Suche und Sehnsucht nach einem Leben «vo innä uisä» scheint mir in der heutigen Zeit aktueller denn je.


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