Promillegrenze sorgt für Kritik

ALKOHOL ⋅ Die Aufhebung der Promillegrenze für kleine Boote sendet ein falsches Signal aus, findet die Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft (SRLG). Sie ist nicht die einzige Organisation, die Kritik übt.
13. April 2018, 00:00

Marc Benedetti

marc.benedetti@luzernerzeitung.ch

Mit der Teilrevision des Binnenschifffahrtsgesetzes hat das Parlament den Bundesrat 2017 ermächtigt, für die Führer «kleiner, nicht motorisierter Schiffe» Erleichterungen bei den Alkohol-Promillegrenzen vorzusehen. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) sieht nun vor, die Kapitäne von Gummibooten und ähnlichen kleinen Wasserfahrzeugen von den Bestimmungen zur Fahrunfähigkeit auszunehmen. «Von ihnen geht eine geringere Gefährdung aus als von grösseren respektive motorisierten Schiffen», heisst es in einer Mitteilung des BAV.

Das Bundesamt hat nun die Revision der Verordnung in die Vernehmlassung an Kantone, Parteien sowie Schifffahrtsgesellschaften, deren Zulieferer und Verbände geschickt. Was in den Unterlagen auffällt: Organisationen wie die Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft (SLRG), das Blaue Kreuz oder die Suva zählen nicht zu den Adressaten.

Unfälle und Todesfälle auf dem Wasser

Bereits jetzt lässt sich aber voraussagen, dass das Echo gespalten sein wird. Denn die «Wasserprofis» sind skeptisch. Für die SLRG sendet die Aufhebung der Promillegrenze «das falsche Signal aus», sagt Mediensprecher Philipp Binaghi auf Anfrage. «Wir sind nicht begeistert.» Die SLRG setze sich seit Jahren dafür ein, dass die Baderegeln eingehalten werden. Dazu gehöre, nicht alkoholisiert ins Wasser zu gehen.

Andere Länder verfügten über statistische Angaben zu Unfällen mit Booten. Binaghi:«In der Schweiz ist die Datenlage wegen des Datenschutzes nicht die beste.» In Finnland haben Wissenschafter die tödlichen Wasserunfälle im Zeitraum von 1965 bis 1995 analysiert. «65 Prozent der Unfälle waren auf Alkoholkonsum zurückzuführen.» In Australien hat laut dem SLRG-Sprecher die Royal Lifesaving Society 2016 ebenfalls die tödlichen Unfälle auf dem Wasser erforschen lassen. Binaghi: «Von 437 Personen, die in 10 Jahren ertranken, waren 124 alkoholisiert.»

Philipp Binaghi kann auch die Argumente des Bundesamts für Verkehr nicht nachvollziehen. Die Gefahr gehe ja nicht vom Fahrzeug, sondern vom Führer des Boots aus, der für seine Mitinsassen die Sicherheit nicht mehr garantieren könne.

«Fragwürdiger Entscheid des Bundesamts»

Das Blaue Kreuz spricht auf Twitter ebenfalls von einem «fragwürdigen Entscheid des Bundesamts für Verkehr». Laut der Organisation gibt es bis zu 50 Tote pro Jahr auf Flüssen und Seen in der Schweiz. Dem Chef der Medienstelle der Luzerner Polizei, Kurt Graf, fällt spontan kein schwerwiegender Unfall mit einem Gummiboot unter Alkoholeinfluss ein. «In der Regel gefährden sich die Leute ja selbst», sagt er. Anders sei die Situation beim motorisierten Verkehr auf dem Wasser, wo die mögliche Fremdgefährdung das Thema sei. Kurt Graf stellt keine signifikante Zunahme von Kleinbooten auf den Luzerner Seen und der Reuss fest. «Das ist ohnehin wetterbedingt.» Eine persönliche Einschätzung der geplanten Änderung der Verordnung will er nicht abgeben. Er verweist darauf, dass die Polizei sich an die gesetzlichen Vorgaben halten muss. Aber im Moment ändere sich diese ja nicht.

Kein Problem mit der Aufhebung der Promillegrenze hat der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller. Er fahre selbst auch mal mit dem Schlauchboot die Reuss hinunter, sagte er gegenüber «20 Minuten». Natürlich «ohne Alkohol». Müller findet es zudem nachvollziehbar, dass das Verbot nicht umgesetzt werden könne.


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