Seine Ziele sind schneller als Autos auf der Landstrasse

SPORT ⋅ Hubert Zimmermann (26) ist einer der besten Tontaubenschützen des Landes. Warum die Schweiz mit sonst starken Schützen in dieser Disziplin nicht Weltklasse ist, erzählte uns der Vitznauer nach einem Wettkampf, den er als Vorführung abgehakt hat.
21. August 2017, 00:00

Hubert Zimmermann, Sie schiessen mit einer Schrotflinte auf Tontauben in 40 Metern Distanz. Sind 300 Meter im Schiessstand eine zu hohe Herausforderung?

Tontaubenschiessen und das Schiessen im 300-Meter-Stand sind grundlegend unterschied­liche Disziplinen. In der Schiessanlage wird liegend geschossen, das Gewehr ist aufgestützt, der Ablauf ist statisch. Beim Ton­taubenschiessen stehen wir und schiessen auf bewegliche Ziele. Also dynamisches Schiessen aus der Bewegung.

Womit wir noch nicht wissen, ob Sie auf 300 Meter treffen.

Ob beim Feldschiessen oder beim Obligatorischen: Ich hole meine Kränze auf 300 Meter ab.

Wie gut sind Sie im Tontaubenschiessen national?

In den Top 5.

Ist ein guter Tontaubenschütze auch im Schiessstand top und umgekehrt?

Würde ich so nicht sagen. Ich habe einige Male für Gruppen ein Tontaubenschiessen durchgeführt. Dabei zeigte sich oft, dass 300-Meter-Schützen und Pistolenschützen weniger Tontauben getroffen haben als Leute, die noch nie geschossen haben.

Was ist der Grund?

Die Gewohnheit. Schützen im Stand schiessen auf ein stehendes Ziel. Sie können sich Zeit lassen beim Zielen und dürfen auch abbrechen, wenn der Moment ungünstig ist. Beim Schuss ist das Gewehr aufgestützt und still.

Wie funktioniert’s bei Ihnen?

Auf unser Kommando erfolgt der Wurf der Tontaube. Wir wissen nie, aus welcher der drei Wurfmaschinen sie katapultiert wird. Wir verfolgen die Taube mit dem Gewehrlauf und schiessen in der Bewegung. Bricht man die Bewegung ab, trifft man nicht. Die Reaktionszeit zwischen Kommando und Schuss liegt bei 0,5 bis 0,8 Sekunden. Da bleibt keine Zeit, genau zu zielen, weshalb wir quasi im Reflex schiessen.

Wie bei der Fliegerabwehr, wo ein Punkt vor dem Ziel­objekt anvisiert wird?

Im Prinzip ja. Bei meiner Disziplin Olympic Trap fliegen die Tauben mit 100 km/h bis zu 45 Grad links oder rechts. Da muss man mehr oder weniger vor das Objekt zielen.

Worum geht es genau?

Es schiessen bis sechs Schützen in fünf Ständen nebeneinander auf 25 Tontauben pro Durchgang. Nach jedem Schuss wechseln die Schützen den Stand, sodass jeder Sportler aus jedem Stand fünf Tauben schiesst. Je nach Wettkampf variiert die Anzahl Durchgänge. Der München Grand Prix, mein letzter Wettkampf, ging über elf Durchgänge. Die Gesamtpunktzahl betrug 275. Die besten sechs bestritten den Final über weitere 25 Tauben.

Was war Ihre Punktzahl?

In der Qualifikation 251 von 275 Punkten. Im Final traf ich 21 von 25 Tontauben. Dies gab ein Total von 272 aus 300 Punkten, womit ich in der Kategorie B siegte.

Das ist gut, oder?

Die ersten zwei Wettkampftage kam ich nie auf Touren, am Sonntag habe ich mich verbessert.

In Ihrer Stimme erkenne ich keine Euphorie.

Die Distanz zu den Spitzenleuten war einfach zu gross. Der Sieger Jiri Liptak aus Tschechien erreichte 273 von 275 Punkten. Der zweite 269 und der Dritte 266 Punkte. Nahezu perfekt.

Dieser Liptak verfehlte nur gerade zwei Tontauben?

Richtig! Es war für alle anderen eine Vorführung. Schaut her, so wird’s gemacht! (Lacht.)

Sie trafen dafür in der neunten Runde alles.

Ja. Es geht um Präzision und enorme mentale Stärke, um das Niveau so lange durchzustehen. Hat man einen guten Tag, läuft es fast von selbst. Wenn es aber kippt, geht nicht mehr viel.

Warum haben Sie sich für diesen speziellen Sport entschieden?

Im Dorf arbeitete ein Italiener, der meinem Vater das Tontaubenschiessen näherbrachte. In Italien ist das ein Nationalsport.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Wettkampf-25er?

Natürlich, das war vor sechs Jahren in Belgrad.

Gibt es dafür Prozedere?

Wir haben gemütlich mit einem Bier angestossen. In München hat ein Kanadier seinen ersten Wettkampf-25er ausgiebig gefeiert. Seine Kollegen steckten in seinen Hut Tontauben. Danach musste er ihn hochwerfen und seine Kollegen haben auf den Hut geschossen. Man kann sich denken, wie der Hut ausgesehen hat.

Schweizer glänzen im Schiessen oft mit super Resultaten, in Ihrer Disziplin jedoch nicht. Frustriert Sie das?

Nein. Die Bedingungen für Tontaubenschützen in der Schweiz sind gegenüber Ländern wie Tschechien oder Italien bescheiden. Im Süden sind Tontauben-Schiessanlagen verbreitet. Hier sind etwa zehn für meine Disziplin ausgerüstet.

Die nächste Anlage befindet sich wohl nicht um die Ecke?

Ich muss mindestens eineinhalb Stunden Auto fahren, um zu trainieren. Ich schiesse bis fünf Runden a 25 Tauben.

Betreiben Sie zu wenig Aufwand für die Spitze?

Wenn ich mit der Weltspitze mitschiessen wollte, müsste ich mein Arbeitspensum als Maler von 100 Prozent drastisch herunterfahren. Die Topschützen trainieren täglich mehrere Stunden. Der eine Tscheche ist Zollbeamter. Ich denke, er hat noch selten ein Zollbüro von innen gesehen.

Ist der Sport teuer?

Eine handgefertigte Flinte kostet mehrere tausend Franken. Weitere Kosten für Munition, Antrittsgelder, Hotel und Auto summieren sich. Im Jahr feuere ich 8000 bis 12000 Schuss ab – zu 30 Rappen pro Schrotpatrone.

Macht 2400 bis 3600 Franken pro Jahr. Schiessen Sie auch abseits

der Anlage?

Ich bin Jagdaufseher im Jagd­revier Vitznau und schiesse als Jäger natürlich auch anderweitig. Ebenfalls gehe ich meiner militärischen Schiesspflicht nach.

Und die Olympischen Spiele?

Eine Qualifikation scheint so nah wie fern. Dafür muss man an einer EM, einer WM oder einem Weltcup einen Quotenplatz als Sieger oder den zweiten Platz erreichen. Vielen hochklassigen Schützen weltweit blieb dies verwehrt, weil sie nie einen solchen Exploit erreichen konnten.

Welches Ziel ist das nächste?

2018 die EM in Wien. Dort will ich Erfahrungen sammeln – mental, in schiesstechnischen Abläufen und Techniken. Das sportliche Ziel ist 115 von 125 Punkten.

Interview: Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

www. Die bisher erschienenen Beiträge dieser Serie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/dossier

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