Späte Rettung stellt Versorgung in Frage

NOTFALLDIENST ⋅ Nach einem Notruf musste eine Altdorferin 75 Minuten ausharren, bis die Ambulanz vor Ort war. Die Spitalleitung spricht von unglücklichen Zufällen. Nun fragt sich, ob der Fall Konsequenzen für die Organisation des Notfalldienstes hat.
11. November 2017, 00:00

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Wer auf Hilfe wartet, dem kommen schon wenige Minuten wie eine Ewigkeit vor. Wenn nach einer Stunde aber noch immer kein Krankenwagen vorfährt, ist es wohl bei jedem mit der Geduld vorbei. «Ich selber war einem Nervenzusammenbruch nahe», erzählt Franz Willi, der diese Erfahrung Mitte Oktober machen musste.

Als seine Frau in der Wohnung in Altdorf, etwas mehr als einen Kilometer vom Spital entfernt, reglos am Boden liegt, kontaktiert Franz Willi seinen Hausarzt, der eine Ambulanz anfordert. Doch der in Altdorf stationierte Krankenwagen befindet sich auf einer Transportfahrt nach Luzern. Eine zweite Ambulanz steht in Andermatt. Erst 75 Minuten nach dem Telefonat von Franz Willi an seinen Arzt ist die Hilfe vor Ort. Die Frau wird ins Kantonsspital Uri eingeliefert. Diagnose: Hirnschlag. Nach einem Reha-Aufenthalt konnte sie vergangenes Wochenende wieder nach Hause. Sie ist aber auf die Unterstützung ihres Mannes angewiesen. «Ihr Gedächtnis ist beeinträchtigt, und sie wird sehr schnell müde», erzählt der Altdorfer.

«Die Arbeit der Rettungssanitäter war hervorragend», berichtet Willi. «Und auch im Spital wurde meine Frau gut behandelt.» Schlechte Erfahrungen machte er hingegen mit der Notrufzentrale. Nach 45 Minuten ohne Hilfe wählte er die Nummer 144, um sich zu erkundigen. «Was man mir gesagt hat, darf man vielleicht denken, aber nicht sagen», erzählt er, ohne den genauen Wortlaut zu wiederholen. Als Ersatz eine Ambulanz von Schwyz oder Stans aufzubieten, unterliess die Mitarbeiterin. Immerhin: Am darauffolgenden Tag entschuldigte sich eine Vorgesetzte der 144er-Zentrale in Luzern für das Verhalten der Mitarbeiterin.

«Verknüpfung von unglücklichen Zufällen»

«Der Fall ist eine Verknüpfung von unglücklichen Zufällen», erklärt Fortunat von Planta, Direktor des Kantonsspitals Uri (KSU), auf Anfrage. Aus den Protokollen gehe hervor: «Der Alarm des Hausarztes ging um 14.02 Uhr bei 144 ein. Der Rettungsdienst des KSU wurde um 14.06 informiert. Das Team in Altdorf ist unmittelbar davor für einen anderen Einsatz losgefahren, sodass das Team in Andermatt aufgeboten wurde, das 14.07 losfuhr. Um 14.52 wurde die Patientin erreicht. Es dauerte somit 45 Minuten von Andermatt bis nach Altdorf, was auf die Verkehrssituation in der Schöllenen zurückzuführen war.»

Grundsätzlich stelle die Notrufzentrale die Gebietsabdeckung proaktiv sicher. «Wenn die Ambulanz in Altdorf für längere Zeit ausfährt, wird automatisch die zweite Ambulanz in Andermatt in den Warteraum Erstfeld geordert», erklärt von Planta. «Sind beide Ambulanzen voraussehbar längere Zeit besetzt, wird eine Ambulanz aus Stans oder Schwyz in der Nähe geordert und allenfalls die Rega aufgeboten.» Im vorliegenden Fall erfolgte der zweite Alarm fast zeitgleich, sodass die Ambulanz noch immer in Andermatt war – unglücklicherweise wurde die Situation falsch eingeschätzt, sodass kein «Sondersignal» ausgelöst worden war, die Ambulanz somit ohne Blaulicht fuhr. «Eine solche zeitliche Koinzidenz ist äusserst selten», betont von Planta. «Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass der Ablauf analysiert wird.»

In grossem Gebiet passiert wenig

Muss man sich nach so einem Vorfall im Kanton Uri Sorgen machen? Von Planta verneint. «Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes sind hervorragend ausgebildet und machen eine sehr gute Arbeit», so der Spitaldirektor. Die Herausforderung liege in der geografischen und strukturellen Situation des Kantons Uri. «Auf ein grosses Einsatzgebiet kommen relativ wenig Rettungseinsätze.» So gab es im Urserntal dieses Jahr bisher erst 172 Aufgebote. «Das erschwert die Personalrekrutierung.» Tiefe oder teilweise fehlende Einsätze seien ein Problem. «Sie führen mitunter zu Frustration, also zu einem unfreiwilligen Verzicht auf Erfüllung einer beruflichen Erwartung oder eines beruflichen Wunsches», spricht von Planta ein Tabuthema an.

Für eine Pilotphase, die seit April 2016 läuft, hat man sich darauf geeinigt, dass der Rettungsstützpunkt Andermatt von Mitte Dezember bis Mitte Oktober 12 Stunden pro Tag besetzt ist, die restlichen zwei Monate jeweils 9 Stunden. In der Nacht ist die Notfallversorgung durch die Rega abgedeckt. Wenn kein Flugwetter herrscht, wird die Ambulanz von Altdorf aus aufgeboten. 2018 wird die Situation analysiert und das Spital zuhanden der Behörden einen Bericht erarbeiten.

Auch Gesundheitsdirektorin Barbara Bär hat vom Vorfall gehört: «Ich wurde über den Fall in Kenntnis gesetzt und habe unmittelbar mit dem Kantonsspital Kontakt aufgenommen», so Bär. «Mir wurde bestätigt, dass man sich dem Thema annimmt und die entsprechenden Lehren daraus zieht.» Wenn auch der Fall eine politische Komponente hat, sei es zum jetzigen Zeitpunkt doch zu früh, Rückschlüsse auf die Versorgungssituation zu ziehen. «Bei der Evaluation der Pilotphase wird sich zeigen, ob beim Rettungsdienst Anpassungen erforderlich sind.»


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