Streit um Billig-Skibillette

TOURISMUS ⋅ 10 Franken kostet derzeit eine Tageskarte für die Skiarena Andermatt-Sedrun. In der Branche erntet die Aktion Kritik: Die Rede ist von Dumpingpreisen – und vom fragwürdigen Umgang mit öffentlichen Geldern.
11. Januar 2018, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

«Burglind» ist abgeflaut, Geschichte. Doch braut sich bald der nächste Wintersturm zusammen? Auf diese Idee könnte kommen, wer sich derzeit bei den Zentralschweizer Wintersportorten umhört. Es ziehen Wolken auf über den Berggipfeln. Grund ist die Preisgestaltung der Skiarena Andermatt-Sedrun. Im Sawiris-Skigebiet kostet die Tageskarte diese und nächste Woche nur 10 Franken. Das Angebot gilt von Montag bis Freitag.

Jubeln darüber werden die Skifahrer und Snowboarder. Nicht aber die Konkurrenten. Sie fühlen sich übergangen und üben Kritik. So etwa Peter Reinle, Marketingleiter der Titlis-Bergbahnen: «Was die Skiarena im Moment tut, kann man nur Preisdumping nennen.» Ähnlich klingt es bei Marcel Murri, dem neuen Geschäftsführer des Skigebiets Sattel-Hochstuckli. Zwar könne man niemandem vorschreiben, wie er seine Preise zu gestalten habe. «Und dennoch überrascht es wenig, dass die Konkurrenz über solch tiefe Preise nicht erfreut ist.» Problematisch für die ganze Branche werde es, wenn daraus eine Dauertiefpreisstrategie entstehe und damit die Erträge für den kostenintensiven Wintersport zurückgehen.

Mindesttarif 37 Franken – normalerweise

Das Thema Preis beschäftigt die Wintersportorte in den letzten Jahren zunehmend. Dies zeigt das Beispiel der Saastal-Bergbahnen, die mit Tiefstpreisen für Saisonkarten auf sich aufmerksam machten. Auch die Skiarena Andermatt-Sedrun wagte sich dieses Jahr an ein neues Modell: Dynamic Pricing – zu Deutsch: flexible Preisgestaltung. Je nach Wochentag, Wetter und Zeitpunkt in der Saison kostet eine Tageskarte unterschiedlich viel. Laut Angaben der Verantwortlichen sind die Preise nach oben hin offen, der Mindesttarif belaufe sich auf 37 Franken. Normalerweise. Laut Skiarena-CEO Silvio Schmid sind die 10-Franken-Karten nämlich als einmalige Aktion zu verstehen – unabhängig vom neuen Preismodell: «Wir wollten in dieser schwachen Zeit des Jahres etwas Besonderes machen, um die Leute zu uns zu locken», so Schmid.

Bei den Bergbahnen gelten diese und die kommende Woche als Januarloch: Das Weihnachtsgeschäft ist vorbei, die Schule hat wieder angefangen, die meisten Gäste sind abgereist. Silvio Schmid stellt deshalb gleich nochmals klar: «Die Tageskarten für 10 Franken sind eine Spezialaktion. Wir betreiben kein Preisdumping.» Und obwohl er den Unmut seiner Konkurrenten versteht, sagt Schmid weiter: «Auch andere Bergbahnen machen Aktionen – eben so, wie man das auch aus anderen Branchen kennt. Ich denke zum Beispiel an den Detailhandel.»

Bund und Kantone subventionieren Skiarena

Peter Reinle von den Titlis-Bahnen stört sich nicht allein an den massiv vergünstigten Tageskarten. «Ich finde es befremdend, dass ein Skigebiet von öffentlichen Geldern profitiert und dann derart tiefe Preise verlangt.» Damit meint er die Mittel aus der neuen Regionalpolitik (NRP). Der Fonds dient dazu, ländliche Regionen sowie Berg- und Grenzgebiete zu unterstützen, damit sie im internationalen Wettbewerb bestehen können. Der Bund gewährte der Skiarena Andermatt-Sedrun ein Darlehen von 40 Millionen Franken über die NRP. Die Skiarena hat 20 Jahre Zeit, die Gelder inklusive Zinsen zurückzuzahlen.

Hinzu kommen nochmals 5 und 3 Millionen Franken von den beiden Standortkantonen Uri und Graubünden. Diese Mittel muss die Skiarena weder zurückzahlen noch verzinsen. Insgesamt kostet die Modernisierung und Erweiterung des Gebiets 130 Millionen Franken. Zusammengefasst: Eine vom Bund unterstützte Bergbahn drückt die Preise. Hinterlässt das einen schalen Nachgeschmack? Für Reinle tut es das. Anders sieht das Silvio Schmid, der die Vergünstigung in seinem Skigebiet nicht zu hoch gewichten will: «Die Aktion läuft insgesamt zehn Tage. Das ist nicht die Welt – und in wenigen Wochen ist sie auch schon wieder vergessen.»

Sowohl die Skiarena als auch die Titlis-Bergbahnen gehören den Transportunternehmungen Zentralschweiz (TUZ) an. Jenem Verband also, der den Schneepass herausgibt – quasi ein Generalabonnement für die Skipiste, das in 14 Gebieten der Zentralschweiz gilt. Was hält TUZ-Präsident Sepp Odermatt von der Aktion? Obwohl der Verband die Marketingstrategien seiner Mitglieder nicht kommentiere, ist auch er nicht restlos überzeugt von den Billig-Billetten an Gemsstock und Nätschen: «Man muss sich fragen, wie der Kunde die stetig wechselnden Preise aufnimmt.» Odermatt macht sich Sorgen, dass die Orientierung für die Kundschaft schwierig wird: «An einem Tag kostet das Billett 37 Franken, an einem anderen 68 und schliesslich nur noch 10. Irgendwann stellt sich die Frage, ob die Preise willkürlich festgesetzt werden.»

«Dynamische Preise werden sich durchsetzen»

Der TUZ-Präsident äusserte sich bereits in der Vergangenheit kritisch zu den neuen Preismodellen bei den Bergbahnen. Im November 2017 sagte Odermatt im Gespräch mit unserer Zeitung: «Es wird sich zeigen, wer in Zukunft die Gewinner und wer die Verlierer der neuen Preismodelle sind.» Wie gespalten die Meinungen in der Branche sind, zeigt auch die Aussage von Ivan Steiner, dem Marketingchef der Stoosbahnen AG. Dieser befürwortet die Aktion der Skiarena Andermatt-Sedrun. Gleiches gilt für die flexible Preisgestaltung: «Die Bergbahnen haben dieses Thema in den letzten Jahren vernachlässigt. Deshalb ist es nur zu begrüssen, wenn nun ein Unternehmen eine Vorreiterrolle einnimmt, damit die anderen in Zukunft profitieren können.»

Silvio Schmid glaubt fest daran, dass die Skiarena auf dem richtigen Weg ist: «In naher Zukunft werden sich dynamische Preise bei den meisten Bergbahnen durchgesetzt haben. Da bin ich mir sicher.»


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