Urner ehren Volksmusiker mit Stier

EHRUNG ⋅ Ernst Gisler alias Jonny wird mit dem «Uristier» ausgezeichnet. Gisler erzählt, wieso er keine Musiknoten liest und was Boxhandschuhe mit seinem Namen zu tun haben.
07. Oktober 2017, 00:00

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Er ist ein Ausnahmetalent in der Schweizer Volksmusikszene. Rund 75 Jahre lang spielte Jonny Gisler mit zahlreichen ­Koryphäen, trat in Radio und Fernsehen auf, hielt seine Stücke auf Schallplatten und CDs fest. Zudem komponierte er über 300 Musikstücke.

Für seine ausserordentlichen Leistungen zu Gunsten der Urner und Schweizer Volksmusik verleiht der Regierungsrat Jonny Gisler nun den «goldenen Uri­stier», wie die Regierung gestern mitteilte. Der heute 87-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Ernst Gisler heisst, sei «eine Persönlichkeit, die sich mit der virtuosen Spielweise und grossem kompositorischen Geschick weit über den Kanton Uri einen Namen gemacht» habe.

«Ich bin ein gewöhnlicher Handorgeler»

«Das ist eine wunderbare Sache», sagt Gisler auf Anfrage unserer Zeitung. «Ich bin ein ­gewöhnlicher Handorgeler und hätte nie gedacht, dass mir so ein Preis überreicht wird.» Seine Bescheidenheit hat Gisler offenbar behalten. Gepaart mit seinem ­humorvollen Charakter und dem grossen musikalischen Können habe dies zu seinem Erfolg geführt, hält die Regierung fest.

Seine Karriere begann mit den Handorgelduetten Gisler-Bissig und Gisler-Schmidig, zusammen mit Franz Schmidig senior. Schon bald bestritt Gisler unzählige Auftritte etwa mit Koryphäen wie Köbi Buser, Werner Lustenberger, Fredy Zwympfer oder Franz Nauer. Sehr oft spielte der Urner auch mit Carlo Brunner zusammen. Das Trio Gisler trat ein halbes Jahrhundert auf. Speziell in Erinnerung geblieben sind ihm auch Kreuzfahrten, auf denen er für Unterhaltung sorgte, oder die zahlreichen Auftritte in den Nobelhotels in Zürich, Zermatt oder Gstaad.

«Ich habe versucht, den Leuten immer etwas Neues zu bieten, an dem sie Freude haben können», sagt Gisler. Durch diesen Antrieb schrieb Gisler seine über 300 Kompositionen. Wobei «schreiben» eine missverständliche Formulierung ist: Gisler liest bis heute keine Musiknoten. «Als ich als Drittklässler begonnen habe, Musik zu machen, konnte fast niemand einen Beruf erlernen, geschweige denn Musikunterricht nehmen», erklärt Gisler. Anfänglich spielte er auf dem Schwyzerörgeli seines Vaters. Später kaufte er von Fredy Zwympfer seine erste chromatische Handorgel für 80 Franken. «Ich habe lange gespart», erinnert sich der Bürgler. «Mit der chromatischen Orgel waren die Möglichkeiten viel grösser, auch Modernes zu spielen.»

Musikkameraden schreiben Noten für ihn

Seine Kompositionen nahm der Urner jeweils auf Tonband auf. Seine Musikkameraden wie Peter Gisler, Willi Vallotti, Markus Flückiger und mittlerweile auch Fränggi Gehrig brachten und bringen die Kompositionen dann jeweils zu Papier.

Ein spezielles Erlebnis war für Gisler die Herausgabe des Tonträgers «Ürnergmüet» mit seinem Sohn Paul im Jahr 1979. Dort wurde auch sein Künstlername Jonny etabliert. Dieser geht jedoch auf seine Jugendjahre zurück. «Mit den Nachbarsburschen haben wir immer allerhand unternommen», erinnert sich Gisler. Als ihm sein Onkel eines Tages zwei Paar Boxhandschuhe schenkte, war für die Jugendlichen klar, dass man im Wohnzimmer Boxkämpfe organisierte. «Dazu gehörte natürlich auch, dass sich jeder von uns ­einen Namen gab. Ich nannte mich Joe Louis, wie der damalige Weltmeister im Schwergewicht.» Der Name blieb hängen und wurde zu «Jonny».


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