Seitenblick

Beim Zahni

Carmen Desax über ihre erste Erfahrung mit der Chirurgie

16. Januar 2016, 00:00

Doktordiplom in Medizin, Basisexamen Chirurgie, Doktordiplom in Zahnmedizin und FMH für Kiefer- und Gesichtschirurgie sind nur einige Diplome, die ich im kleinen Wartezimmer der Zahnärztin ehrfürchtig erblicke.

Kurze Zeit später sitze ich bereits im grau-grün überzogenen Patientenstuhl, und ebendiese Zahnärztin erklärt mir nach einem kurzen Blick in meinen Rachen: «Ich mache einen kleinen Schnitt, spalte den Zahn und nehme ihn raus. Es wird nur etwa sieben bis acht Minuten dauern.» Zack, zack geht das also! «Anschliessend wird die Backe wohl anschwellen, ausruhen müssen Sie sich aber nicht gross.» Ich höre aufmerksam zu.

Gleichzeitig stelle ich mir vor, wie ich in gut einer Woche wieder auf diesem Stuhl sitzen werde und sie mir meinen Weisheitszahn ziehen wird. «Wie schafft sie das bloss?», denke ich mir. «Hat eine so zarte und feine Frau überhaupt genug Kraft?» Ich habe das Bild meines doch ziemlich gross gewachsenen und kräftigen Freundes im Kopf, wie sie ihm die Zähne zieht. Denn noch vor einigen Monaten sass er genau hier. Und offenbar hat sie es geschafft, denn er hat nun keine Weisheitszähne mehr.

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war bis anhin stolze Besitzerin aller vier Zähne. Damit war ich in meinem Familien- und Kollegenkreis eine kleine Ausnahme. Alle anderen mussten sie bereits im Teeniealter entfernen lassen. Doch nun geht es auch meinem ersten an den Kragen. Laut der Ärztin wird es wohl nicht der letzte sein. Weil ich aber schon 30 bin, werden sie erst gezogen, wenn sie Probleme machen. Soviel dazu. Laut der Zahnärztin werde ich nun regelmässig auf ihren Stuhl zurückkehren.

Für mich wird es der grösste medizinische Eingriff sein. Ich hatte bisher ein äusserst gesundes Leben. Noch nie war ich für eine Behandlung im Spital oder musste notfallmässig zum Arzt. Der grösste bisherige Eingriff war die Spülung des entzündeten Zahns, der jetzt entfernt wird.

Während ich diese Zeilen schreibe, warte ich noch nervös auf den Eingriff. Stehen sie dann in der Zeitung, werde ich bereits zu Hause sein und meine wohl geschwollene Backe kühlen. Von aussen mit Eis, von innen mit Glace. Denn erholen werde ich mich nach dem für mich doch schweren Eingriff sicher etwas müssen.


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