Zug um Zug

Lieber Harry

Christian Peter Meier übergibt an Harry Ziegler

31. Dezember 2015, 00:00

Danke, dass du es machst.» Mit diesen Worten reagierte vor neun Jahren mein einstiger, damals längst pensionierter Chef Cäsar Rossi auf meine Rückkehr zur «Neuen Zuger Zeitung». Andere gratulierten – er dankte schon im Voraus. Das war etwas speziell, hatte aber natürlich seinen Grund: Denn das journalistische Urgestein Rossi wusste haargenau, worauf ich mich einliess.

Heute, am allerletzten Tag als Chefredaktor, kann ich sagen: Zum Glück packte ich damals die Chance! Dieser Job ist spannend, abwechslungsreich, lehrreich. Wer ihn ausübt, bleibt nicht ohne Einfluss und Aufmerksamkeit. Ausserdem durfte ich eine journalistisch ergiebige Phase in Zug erleben, eine Zeit mit engagierten politischen Auseinandersetzungen, mit Skandalen, mit Sex and Crime.

Der Job ist allerdings auch Kräfte verzehrend, Nerven aufreibend, und er ist bisweilen ernüchternd. Der Raum Zug gilt unter Journalisten als schwierig, weil hier vieles unter dem Deckel der Verschwiegenheit bleibt oder bleiben soll. Ich habe in diesem Zusammenhang einmal den Begriff Omerta verwendet, was nicht überall gut ankam und vielleicht auch etwas übertrieben war. Fakt ist, dass im fraglos überaus erfolgreichen Kanton Zug viele der vermeintlich Mächtigen dünnhäutig auf Kritik reagieren. Übrigens selbst in akuten Krisen, die sich nicht mehr schön­reden lassen. Unangenehme Tatsachen sollen nicht benannt werden und folglich auch nicht in der Zeitung stehen. Das macht unseren Beruf mitunter anstrengend.

Doch dir, lieber Harry, dem alten Zuger Hasen und langjährigen Weggefährten, brauche ich das ja nicht zu erklären. Auch nicht, dass man als Journalist unter Dauerbeobachtung steht und dass ähnlich wie bei Fussballtrainern so mancher Laie glaubt, er würde es selber besser machen. Als Chefredaktor wirst du dich zusätzlich noch mit gelegentlicher Häme und kleinen Intrigen konfrontiert sehen. Ich kann dich aber beruhigen: Das ist alles gut auszuhalten. Erst recht, wenn man so in sich ruht wie du.

Orientiere dich am besten nicht allzu sehr an den Linken und den Rechten, den Lauten und den Eitlen, den notorisch Unzufriedenen und den Selbstgerechten. Viele von ihnen bewerten die Zeitung vor allem daran, wie oft sie selber darin vorkommen. Hör ihnen zu, aber lass dich nicht von ihnen vereinnahmen. Sei nicht den wenigen verpflichtet, sondern allen unseren rund 40 000 Zuger Leserinnen und Lesern. Jenen, die sich den Morgenkaffee nicht ohne unsere Zeitung vorstellen können und zu Recht auf den (Küchen-)Tisch hauen, wenn sie einmal fehlt.

Ich darf dir als dem neuen Chefredaktor der «Neuen Zuger Zeitung» heute ein motiviertes und kompetentes Redaktionsteam überantworten. Es ist gut in Zug verankert und hat trotzdem einen weiten Horizont, es ist geerdet und international – ähnlich wie unser Kanton.

Danke, Harry Ziegler, dass du es machst.


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