Die letzte Herausforderung des Patrons

NACHFOLGE ⋅ Alfred N. Schindler hat seine Nachfolge im Verwaltungsrat geregelt. Er bleibt aber der mächtigste Mann im Milliardenkonzern. Offen bleibt, wer nach ihm das Sagen haben wird.

17. Januar 2016, 07:56

Ernst Meier

Ein neuer CEO, ein neuer Verwaltungsratspräsident. Alfred N. Schindler überraschte am Freitag mit der Bekanntgabe seiner Nachfolgeregelung. Ab 2017 will der Patron nur noch als Verwaltungsrat amten, CEO Silvio Napoli übernimmt das Präsidium. Seit 40 Jahren gibt der 66-jährige Schindler die Richtung beim Ebikoner Aufzugshersteller mit rund 54 000 Mitarbeitern vor. Lange Zeit führte er den Konzern als CEO und VR-Präsident im Doppelmandat. Dank der Stimmenmehrheit des Familienpools Schindler/Bonnard hat Alfred N. Schindler auch an jeder Generalversammlung das Sagen.

Macht kontinuierlich ausgebaut

Mit Aktienrückkaufprogrammen hat der Patron den Stimmenanteil der Familie erhöht. Dabei hat die Schindler Holding deutlich mehr stimmrechtslose Partizipationsscheine (PS) zurückgekauft und vernichtet als Namenaktien. Die Macht von Alfred N. Schindler wurde dadurch noch grösser. Aktuell vereint der Aktionärspool gegen 44 Prozent des Kapitals und 71 Prozent der Stimmen. Einst lag der Stimmenanteil bei rund 60 Prozent. Die Aktienrückkäufe haben die Macht von Alfred N. Schindler erhöht, ohne dass er eigenes Geld investieren musste. Die Gewinnverdichtung pro Wertpapier führte zudem zu höheren Kursen.

Beobachter, die am Freitag auf die künftige Möglichkeit der Einführung einer Einheitsaktie hofften – schliesslich würde Schindler/Bonnard auch mit einem Stimmenanteil von 44 Prozent den Konzern de facto kontrollieren –, wurden aber enttäuscht. «Die effektiven Machtverhältnisse bei Schindler bleiben unangetastet», sagt Remo Rosenau, Analyst bei der Neuen Helvetischen Bank. «Eine Einheitsaktie steht nicht zur Debatte, und der Patron wird auch als ‹normaler Verwaltungsrat› zusammen mit dem Aktionärspool bei wichtigen Fragen die Richtung vorgeben.» Rosenau findet aber auch lobende Worte: «Bezüglich sorgsamer Nachfolgeregelung macht Alfred N. Schindler sicher einen begrüssenswerten Schritt.» Der Unternehmer sei mit seinen 66 Jahren sehr fit und hätte das Amt des Präsidenten wohl problemlos noch einige Jahre ausführen können.

Umstrittene Aktionärsstruktur

Ähnlich tönt es bei Philipp Leu, CEO des Aktionärsdienstleisters zRating. «Bei Schindler gibt es keine Nachfolgelösung innerhalb der Familie, weshalb man auf Silvio Napoli als Verwaltungsratspräsident und Thomas Oetterli als Konzernchef setzt.» Das sei zu begrüssen. «Beide sind erfahrene Manager, verfügen über einen beachtlichen Leistungsausweis und stehen für Kontinuität.» Trotzdem übt Philipp Leu auch Kritik. «Die Familien Schindler/Bonnard verfügen trotz tieferem Kapitalanteil über die uneingeschränkte Stimmenmehrheit. Neben den stimmrechtslosen Partizipationsscheinen besteht eine Opting-out-Klausel sowie zusätzlich eine Vinkulierung der Namenaktien.» Dies ermögliche Alfred N. Schindler die uneingeschränkte Kontrolle über die Gesellschaft. Die Ungleichbehandlung der Aktionäre gehe weiter.

Heikel sei dies, weil man nicht wisse, wie es mit den Besitzverhältnissen nach der Ära Alfred N. Schindler weitergeht, sagt Philipp Leu. Dabei verweist er auf den Fall Sika, wo nach dem Ableben der früheren Patrons die Erben ihre Stimmrechtsprivilegien nutzen wollen, um die Familienaktien zu vergolden – zum Nachteil der Publikumsaktionäre.

Alfred N. Schindler machte nie einen Hehl daraus, dass ihm das Vorgehen der Sika-Erben missfällt. Gleichzeitig sieht er sich in der Verantwortung, alles zu unternehmen, um ein ähnliches Gebaren in der eigenen Firma zu verhindern. Letzten Sommer kündete er an, die Statuten mit einer Opting-in-Klausel zu ergänzen: Falls ein Aktionär 50 Prozent oder mehr des Schindler-Aktienkapitals erwirbt, muss er allen anderen Teilhabern ein Angebot unterbreiten. Die Übernahmekommission lehnte den Vorschlag ab. Der Patron tönte am Freitag an, man suche eine neue Lösung.

Ziel: Weg von der Börse

Der allmächtige Chef ist sich auch der Kritik von Aktionärsrechtlern und Analysten bewusst – wohl aber auch müde, immer wieder auf das Thema angesprochen zu werden. Des Öftern äusserte er sich dahingehend, dass er am liebsten Schindler von der Börse nehmen würde. An der Medienkonferenz antwortete der 66-Jährige auf die Frage nach der Aktionärsstruktur etwas enerviert: «Ich sage dies nun zum wiederholten Male: Es gibt für den Aktionärspool nur zwei Optionen: Entweder es bleibt alles, wie es heute ist – mit Namenaktien und stimmrechtslosen Partizipationsscheinen –, oder wir führen ein Going Private durch.»

Die Verabschiedung von der Börse durch eine Auszahlung der Publikumsteilhaber wäre eine teure Angelegenheit für Schindler. Der Liftbauer kommt derzeit auf eine Aktienkapitalisierung von gegen 17 Milliarden Franken. Ein Going Private käme Schindler somit auf gegen 9 Milliarden Franken zu stehen – eine Herkules-Aufgabe selbst für einen der erfolgreichsten und vermögendsten Unternehmer der Schweiz. «Es ist das grosse Ziel von Alfred N. Schindler, sein Lebenswerk in privaten Besitz zurückzuholen», sagt ein Vertrauter. Danach soll die nächste Generation den Industriekonzern kontrollieren. Auch die NZZ kommt in ihrem gestrigen Kommentar zum Schluss, dass Alfred N. Schindler nicht ruhen werde, bis sein Lebenswerk auch eine juristisch passende Form gefunden hat. «Dies wird kaum mehr ‹eine massiv überregulierte› Publikumsgesellschaft sein – eher wird ein Going Pri­vate sein Vermächtnis», schliesst die NZZ.

Bleibt die Familie am Ruder?

Gelingt dem Zentralschweizer Vorzeigeindustriellen, sein Erbe so zu regeln, dass Schindler eigenständig und erfolgreich als Luzerner Weltkonzern weitergeführt werden kann? Noch zentraler als die künftige Rechtsform von Schindler wird die Aufteilung der Machtverhältnisse im Milliardenkonzern sein. Der Unternehmer hat aus erster Ehe zwei erwachsene Adoptivkinder. Beide zeigten bisher keine Ambitionen, in die Fussstapfen ihres Vaters zu treten. Aus dem Familienzweig Bonnard sind Nachkommen im Schindler-Konzern tätig, sie haben bis dato aber keine nennenswerten operativen Aufgaben übernommen. In aussichtsreicher Position steht Carole Vischer. Die 44-jährige Juristin ist seit drei Jahren im Schindler-Verwaltungsrat.

Alfred N. Schindler hat bewiesen, dass er sein Unternehmen durch unterschiedliche konjunkturelle Phasen führen kann. Gleichzeitig hat er sich gegen Kritiker durchgesetzt, weil der Erfolg ihm am Schluss immer Recht gab. Der Schindler-Konzern ist heute die Nummer zwei der Branche und auf allen Kontinenten tätig. Wer vor 17 Jahren in Schindler-Papiere investierte, hat den Einsatz versechsfacht (Dividenden nicht mit einberechnet).

Nun hat der Patron die letzte Phase seiner unternehmerischen Laufbahn eingeläutet: die Regelung seines Vermächtnisses. Auch dabei wird Alfred N. Schindler den Weg vorgeben.


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