Ein Leben für Schweizer Stahl

LUZERN ⋅ Die Von-Moos-Saga ist ein Phänomen der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Die Anfänge ­reichen bis tief in das 17. Jahrhundert zurück.

10. Januar 2016, 00:00

Bernard Marks

Stahlkocher sind hartgesottene Kerle. Denn da, wo sie arbeiten, ist es heiss. Der Kessel muss kochen, und zwar bei 1600 Grad Celsius. Ansonsten wird der Stahl nicht flüssig. Die Hauptzutat von Stahl ist Eisen. Andere Metalle kommen hinzu, damit die Stahlsuppe besser wird: ein bisschen Chrom, Mangan, Silizium und vor allem etwas Kohlenstoff.

Walter von Moos wusste, wie man guten Stahl herstellt. Der weit über die Landesgrenzen bekannte Luzerner Unternehmer verstarb in dieser Woche im hohen Alter von 97 Jahren.

Walter von Moos führte in den 70er-und 80er-Jahren die von Moos Stahl AG, damals eines der grössten Luzerner Unternehmen mit über 2000 Mitarbeitenden. Unter seiner Leitung wird der Familienbetrieb international ausgerichtet. Unter dem Von-Moos-Dach entstehen 35 Gesellschaften in der Schweiz, in Europa und in den USA, was mithelfen soll, die ausgebrochene Stahlkrise zu überstehen. Zudem geht das Unternehmen an die Börse.

Von Moos zeigt sich wagemutig und zielstrebig. Obwohl sich die Konjunkturlage weltweit nicht verbessert und die Rezession andauert, investiert von Moos in einen neuen Produktionsstandort. Auf dem Littauerboden entsteht mitten in der Stahlkrise ein neues Warmwalzwerk. Es sollte Walzdraht und Stabeisen in hoher Qualität herstellen. Das neue Werk kostete 123 Millionen Franken und war damit die grösste Investition in der Firmengeschichte. Das fand Beachtung. Am 5. Mai 1981, bei der offiziellen Eröffnung des neuen Werks war Bundesrat Fritz Honegger (1917–1999), Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, anwesend.

Unternehmer und Zünfter

Im Jahr 1680 betrieb die Familie von Moos Schmiedebetriebe in Kriens, Horw und Meggen. Zudem handelte sie mit Eisenwaren in Luzern. Die von Moos gehörten den Luzerner Zünften an. Peter von Moos (1636–1713) war zum Beispiel Vorsteher der Safran-Zunft.

Gut 150 Jahre später beginnt das Industriezeitalter. Die Brüder Ludwig und Franz Xaver von Moos kaufen 1842 auf der Reussinsel unterhalb der heutigen St.-Karli-Brücke in Luzern eine Getreidemühle mit Wassernutzungsrecht und richten darin einen Drahtzug und eine Stiftenfabrik ein. Die von Moos’schen Eisenwerke sind geboren. 1850 erwerben die von Moos die Papierfabrik Emmenweid samt Wasserrechtskonzession an der Kleinen Emme. Kurze Zeit später wird dort schmiedbares Eisen, das heisst Stahl, hergestellt.

Von schweren Krisen geprägt

«Von Moos ist mehr als nur eine Firmengeschichte», würdigt der ehemalige Luzerner Stadtpräsident Franz Kurzmeyer in seinem Vorwort zu dem Buch «Von der Hammerschmiede zum modernen Stahlunternehmen» die Familie von Moos. Das Buch, geschrieben vom Autor und Journalisten Walter Schnieper, beschreibt die spannende und wechselvolle Unternehmensgeschichte der Familie. Sie ist geprägt von weltpolitischen Spannungen und Wirtschaftskrisen. Die Familie von Moos musste immer wieder harte Rückschläge hinnehmen und nicht selten von Neuem beginnen.

Unter der Leitung von Eduard von Moos (1855–1911) entsteht 1888 in Luzern eines der modernsten Stahlwerke der Schweiz. Er baut ein Produktionswerk, das überwiegend Schrott als Rohstoff verwendete. Doch der Start ins 20. Jahrhundert war für die von Moos mit Schwierigkeiten geprägt. Das Werk musste 1911 wegen Billigimporten, vor allem aus Deutschland, aber auch infolge technischer Probleme schliessen. Nach der Generalversammlung im Mai 1912 riet die «Neue Zürcher Zeitung» der Familie sogar, sich aus dem unrentablen Geschäft mit Stahl zurückzuziehen.

Der Erste Weltkrieg half über diese Krise hinweg. Ludwig von Moos (1877–1956) wagt den Neubau einer Schrauben- und Nietenfabrik auf der Emmenweid. Die Armee und die Landwirtschaft brauchten schliesslich dringend Hufnägel. Im Ausland waren diese nicht mehr in ausreichender Zahl verfügbar, weil diese Länder alle Nägel für ihre Armeen benötigten. Davon profitierte von Moos. Alle Absatzprobleme waren zunächst beseitigt. 1919 geht zum ersten Mal ein Elek­troofen zur Stahlerzeugung auf der Emmenweid in Betrieb. Weil das Ende des Ersten Weltkrieges einen Zerfall der Eisenpreise zur Folge hatte, musste aber auch dieser Ofen 1924 wieder stillgelegt werden.

«Seinen Besitzern entrissen»

In der schwierigen Zeit nach der Weltwirtschaftskrise beweist Ludwig von Moos Weitsicht. Angesichts der internationalen Konfliktlage beantragt er den Bau eines modernen Elektrostahlwerks. Es nimmt Ende 1939 den Betrieb auf und hilft entscheidend mit, die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs ausreichend mit Stahl zu versorgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kann die Schweiz mit einer weitgehend intakten Industrie starten. Moritz von Moos (1898–1972) baut den industriellen Liegenschaftsbesitz in Emmenbrücke und ­Littau aus und schafft damit die Grundlage für die spätere Weiterentwicklung des Unternehmens. Er wird abgelöst von Walter von Moos (1918–2016). Dieser nimmt im Jahr 1970 Einsitz in die Geschäftsleitung des Familienunternehmens und führt das Unternehmen in eine neue Ära. Ab 1988 ist der Luzerner Unternehmer auch VR-Präsident des Konzerns. Von Moos präsidiert in dieser Zeit auch sechs Jahre die Zentralschweizer Handelskammer. «Als Unternehmer war er visionär und verfügte über eine überzeugende Ausstrahlungskraft», schreibt Schnieper. Unter der Leitung seines Sohnes André von Moos, seit 1992 Direktionspräsident, schliesst die Von-Moos-Gruppe 1995 mit Gewinn ab. Der Turnaround scheint trotz der enormen Investitionen des Vaters und der immer noch andauernden Krise geschafft.

Doch dieser Erfolg währt nicht lange. In der Folge wird das Familienunternehmen «seinen Besitzern von Strategen mit anderen Interessen entrissen», schreibt Schnieper. Banken und Kreditgeber lassen sich unter dem Einfluss des Konzernchefs von Von Roll für eine andere Strategie einspannen. Sie machen von Moos durch die Forderung von kurzfristigen Rückzahlungen längerfristiger Kredite gefügig und zwingen das Unternehmen im Rahmen des Bankendeals zur Übernahme der sanierungsbedürftigen Schweizer Stahlfirma Von Roll.

Der Deal ist eine Falle

Doch der Deal erweist sich als Falle. Die Banken übernehmen schliesslich von Moos und Von Roll. Sie gründen die Swiss Steel AG, die andere Ziele verfolgt als von Moos, was am Ende zum freiwilligen Ausscheiden von André von Moos und damit zum Ende des Familienunternehmens von Moos führt. Die Swiss-Steel-Gruppe kontrolliert schliesslich mit der von Moos Stahl AG und der Stahl Gerlafingen AG (ehemalige Von Roll) die Stahlproduktion in der Schweiz.

Was heute bleibt, sind die früheren Produktionshallen im Kanton Luzern, in denen immer noch Stahl produziert wird. Der Besitz ist aber nicht mehr in Schweizer Hand. Die deutsche Stahlhandelsfirma Schmolz+Bickenbach AG übernahm 2003 die Aktienmehrheit der Swiss Steel AG. Heute ist auch die Schmolz+Bickenbach AG nicht mehr eigenständig. Im Jahr 2013 übernahm die Investitionsgesellschaft Renova des russischen Viktor Vekselberg die Aktienmehrheit der Schmolz+Bickenbach AG.


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