Pelz-Betrüger hauen Senioren übers Ohr

NIDWALDEN ⋅ Eine Seniorin wollte Pelz und Porzellan loswerden. Als ihr bewusst wird, dass sie knallhart betrogen wurde, ist es zu spät und ihr Gold weg. Nun ermittelt die Polizei – und warnt vor ähnlichen Vorfällen.

28. Februar 2016, 00:00

Adrian Venetz

«Im Nachhinein könnte ich mir alle Haare ausreissen», sagt die 80-jährige Frau A*. Weil sie einen alten Pelzmantel loswerden wollte, reagierte sie gemeinsam mit ihrem Mann auf ein Inse­rat in der Zeitung. «Machen Sie Ihre Pelze zu Geld!», so pries eine Firma ihre Dienste an. Gekauft würden unter anderem Teppiche, Porzellan, Uhren und Goldschmuck. «Firma Stein – führend auf dem Markt seit 1990», stand im Inserat. Zur Kontaktaufnahme ist eine Mobiltelefonnummer angegeben. Dort hat das Nidwaldner Ehepaar angerufen und einen Termin vereinbart.

Gold für Geschäftspartner

Am Dienstag vergangener Woche erhielt das Ehepaar Besuch von einem gewissen Herrn Stein, begleitet von seinem angeblichen Sohn. Es habe sich um zwei sehr gepflegte Männer mit etwas dunklerem Teint gehandelt, schildert Frau A. gegenüber unserer Zeitung. Der ältere der beiden Männer – etwa um die 50 Jahre alt – habe perfekt Hochdeutsch gesprochen. Das Ehepaar zeigte den beiden Männern den Pelzmantel. Auch an einem Porzellan-Service waren die Besucher interessiert. Das mutmassliche Betrüger-Duo machte ein Kaufangebot: 4500 Franken. Man werde die Ware zwei Tage später abholen und bezahlen. Herr Stein habe ihnen dann eine «komische Geschichte» erzählt, wie Frau A. heute sagt. Er müsse die Dienste eines Geschäftspartners immer in Gold bezahlen. Ob sie denn nicht auch noch etwas Gold im Haus hätten, das sie verkaufen möchten, fragte der Mann das Ehepaar. Tatsächlich hatte Frau A. noch etwas Schmuck, den sie nicht mehr trägt, und ein Goldvreneli. Der Mann schlug vor, diese Waren schon mal zur Begutachtung mitzunehmen – die restlichen Gegenstände hole er am Donnerstag ab und bringe dann das Geld mit.

Plötzlich geht niemand mehr ran

«Wenige Minuten nachdem die Männer aus dem Haus waren, wurde mir bewusst, was da gerade passiert ist», sagt Frau A. «Die haben einfach das Gold mitgenommen.» Noch war das Ehepaar aber nicht überzeugt, Betrügern auf den Leim gegangen zu sein. Immerhin hatte Herr Stein eine Visitenkarte mit seiner Adresse liegen gelassen. Darauf steht: «An- und Verkauf Stein – Hauptstrasse 13, 3422 Aichenflüh», wieder mit Mobiltelefonnummer. Unter dieser Nummer ist aber – auch auf mehrmalige Versuche unserer Zeitung – niemand mehr zu erreichen. Als die Männer nicht zum vereinbarten Abholtermin am Donnerstag auftauchten, dämmerte es dem Ehepaar endgültig. Also machten sich die beiden im Internet kundig. Eine Ortschaft namens Aichenflüh gibt es nicht, dafür eine kleine Gemeinde in Bern namens Alchenflüh.

Sie wollten ihn zur Rede stellen

Die beiden rüstigen Senioren fackelten nicht lange: Sie stiegen ins Auto und fuhren nach Alchenflüh. Ein älterer Mann öffnete an besagter Adresse die Haustür. «Firma Stein? Nie gehört.» Wirklich überrascht war das Ehepaar nicht, als es sich in der Nachbarschaft umhörte und erfuhr: Von einer «Firma Stein» weiss dort niemand etwas. Mit einer Ausnahme: Ein Antiquitätenhändler erzählte ihnen, dass wenige Stunden zuvor bereits ein älterer Herr aufgetaucht sei und sich ebenfalls nach der Firma Stein erkundigt habe. Auch bei diesem Mann war das Betrüger-Duo offenbar zu Besuch gewesen – mit der genau gleichen Masche: Gold mitgenommen und dieses nie bezahlt.

Andere Leute warnen

Das Ehepaar hat inzwischen bei der Nidwaldner Kantonspolizei Anzeige erstattet. Dass sich Frau A. auch an unsere Zeitung gewandt hat, begründet sie so: «Es ist wichtig, dass die Leute vor solchen Betrügern gewarnt werden.» Man kenne solche Geschichten – Stichwort Enkeltrickbetrüger – ja eigentlich zur Genüge, sagt Frau A. «Dann denkt man immer: Mir würde so etwas ja nie passieren. Und plötzlich wird man selber überrumpelt und betrogen. Im Nachhinein denkt man dann: Wie konnte ich nur so dumm sein?»

Einzeltäter oder eine Bande?

Der Fall erinnert an Betrugsfälle vor ziemlich genau einem Jahr in Obwalden. Damals hatte sich in Kägiswil kurzzeitig eine dubiose Teppichreinigungsfirma niedergelassen. Auch hier traten auffallend gepflegte Männer in Erscheinung, die Hochdeutsch sprachen. Sie gehörten vermutlich einem berüchtigten Roma-Clan aus Leverkusen an. Nachdem sich damals erste Geschädigte bei unserer Zeitung und der Polizei gemeldet hatten, dauerte es nur wenige Tage, bis das improvisierte Geschäftslokal in Kägiswil wieder leer war.

Steckt auch hinter dem Betrugsfall in Nidwalden eine professionelle Bande? Da es sich um ein laufendes Verfahren handle, werde man keine Vermutungen anstellen, sagt Thomas Laternser von der Kriminalpolizei Nidwalden. Die im Inserat angegebene Mobiltelefonnummer könne der Polizei allenfalls bei der Ermittlung helfen. «Man muss jedoch festhalten, dass es für Personen, die bewusst gegen das Gesetz verstossen wollen, genügend Möglichkeiten gibt, in den Besitz einer Mobiltelefonnummer zu gelangen, bei welcher man nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zum tatsächlichen Benutzer gelangt», so Laternser.

* Name der Redaktion bekannt


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