«Intelligente Autos fahren sicherer»

VERKEHR ⋅ Fahrdienste wie Uber seien eine Chance, sagt Jürg Röthlisberger. Der Chef des Bundesamtes für Strassen über die Zukunft des Autofahrens, Korruption – und weshalb es für den Verkehr mehr Gelder braucht.
26. Juni 2016, 00:00

Interview Eva Novak und Fabian Fellmann

Jürg Röthlisberger, haben Sie sich je in ein Auto gesetzt, das ohne Ihr Zutun gefahren ist?

Jürg Röthlisberger: Ich fuhr schon in intelligenten, angeblich selbstfahrenden Autos in Zürich oder Amsterdam mit. Aber da sass zur Sicherheit immer noch ein Mensch am Steuer. Fahrzeuge ganz ohne menschliche Eingriffsmöglichkeit werden vorläufig nur auf abgesperrtem Gelände eingesetzt. Auch die autonomen Postautos im Test in Sion, der diese Woche gestartet wurde, sehen noch einen Notnagel vor: Ein Lenkrad gibt es zwar nicht mehr, aber es fährt einer mit, der das Fahrzeug zur Not anhalten kann.

Künftig soll es ganz ohne Fahrer gehen. Was heisst das für das Bundesamt für Strassen (Astra)?

Röthlisberger: Das Potenzial der intelligenten Mobilität ist enorm. Intelligente Autos fahren sicherer, mit ihnen lassen sich die Abstände zwischen den Fahrzeugen verkleinern. Das verbessert die Sicherheit und vergrössert die Kapazität des Strassennetzes. Um dieses Potenzial erschliessen zu können, sind wir sehr interessiert daran, dem autonomen Fahren zum Durchbruch zu verhelfen.

Warum sind selbstfahrende Autos sicherer?

Röthlisberger: Der Automat handelt in der Regel besser, unabhängiger und freier als der Mensch. Machen wir den Vergleich zur Fliegerei: Das Strassenverkehrsrecht zwingt heute alle Fahrer zum Sichtflug, sie müssen mindestens innerhalb der Sichtweite anhalten können. Und ein Mensch hat eine Reaktionszeit von zwei Sekunden, bis er voll bremst. Automaten sind wesentlich sicherer und schneller, sowohl in der Fliegerei als auch auf der Strasse: Wenn alle Autos über einen Abstandsradar verfügen, sinkt die Zeitspanne auf 0,7 Sekunden. So lassen sich die Abstände zwischen den Fahrzeugen wesentlich verkürzen, was die Kapazität auf den Autobahnen erhöht. Dafür müssen wir aber das Strassenverkehrsrecht erneuern.

Das Parlament diskutiert derzeit mit dem NAF einen Fonds für den Strassenausbau. Ist der Topf überhaupt noch nötig?

Röthlisberger: Wir brauchen unbedingt mehr Verkehrsfläche, darum kommen wir nicht herum, gerade bei den aktuellen Prognosen zum Wachstum der Bevölkerung und des Verkehrs. Wenn Parlament und Stimmvolk den NAF definitiv verabschiedet haben, werden wir auch die nötigen finanziellen Mittel dazu haben. Mehr Verkehrsfläche alleine löst das Problem aber nicht – wir müssen die Kapazität auch mit der intelligenten Mobilität erhöhen.

Helfen die intelligenten Autos mit, das demografisch bedingte Verkehrsproblem zu lösen?

Röthlisberger: Genau. Es braucht aber weitere Massnahmen beim Verkehrsmanagement: etwa Tropfenzähler auf den Autobahnzufahrten, welche den Zufluss begrenzen, die dynamische Anpassung der Höchstgeschwindigkeit oder auch Mobility-Pricing. In Spitzenzeiten messen wir durchschnittlich 1,2 Personen pro Fahrzeug. Die Autofahrer müssen darum auch lernen, ihr Verhalten anzupassen, sprich, gemeinsam mit einem Auto oder nicht gerade in den Spitzenzeiten zur Arbeit fahren. Das ist auch ein Aufruf an die Unternehmen, noch flexiblere Arbeitszeiten und Heimarbeit anzubieten.

Es braucht also mehr Flexibilität von denen, die auf die Strasse wollen?

Röthlisberger: Genau. Auch die Angebote werden flexibler. In Zukunft werde ich einfach auf dem Mobiltelefon eine Reise von A nach B buchen und dafür das beste Angebot erhalten – auf der Schiene, im selbstfahrenden Auto, vielleicht sogar in Kombination mit einem Velo. So wird Mobilität zur Dienstleistung, und die Grenzen zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln werden verschwinden. Das wird kommen, und es ist zwar nicht Sache des Staates, solche Dienste anzubieten, aber wir wollen es ermöglichen.

Welche gesetzlichen Anpassungen sind dafür nötig?

Röthlisberger: Mein Amt bereitet eine Revision des Strassenverkehrsrechts vor. Was müssen wir zum Beispiel ändern, falls wir in drei Jahren allen Autofahrern auf der A 1 in Spitzenzeiten empfehlen möchten, mit Abstandsradar zu fahren? Mein Dienstwagen, ein Renault, kann das bereits. Aber heute darf ich das Lenkrad laut Gesetz nicht loslassen. Das basiert auf einem internationalen Übereinkommen, an dessen Revision internationale Kommissionen arbeiten. Wir haben den Anspruch, nichts zu verschlafen, sondern vorauszugehen.

Verlangen auch neue Angebote wie der Fahrdienst Uber Gesetzesänderungen?

Röthlisberger: Ja. Die Arbeits- und Ruhezeitverordnung müssen wir angehen – mit Uber ist das sehr akut geworden. Die Taxifahrer arbeiten heute unter sehr vielen Auflagen wie Ruhezeitvorschriften oder Transportpflicht. All das hat Uber nicht. Wir wollen gleich lange Spiesse für alle schaffen.

Sie wollen Uber also nicht verbieten?

Röthlisberger: Nein, im Gegenteil, wir wollen Dienste wie Uber ermöglichen. Sie haben ein Riesenpotenzial und dienten auch als Eisbrecher für die doch relativ träge Taxibranche. Zu Recht kritisieren die Taxifahrer aber, dass Uber sich rechtlich in einem Graubereich bewegt.

Wann werden selbstfahrende Autos das Schweizer Strassenbild dominieren?

Röthlisberger: Das dürfte noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Der Verkehr lässt sich nicht nur über die Vernunft regeln. Der Mensch ist nicht rational, sondern emotional – besonders in der Mobilität. In den Spitzenzeiten wird sich die nächste Generation zum Mitfahren entscheiden, rein aus der Erkenntnis heraus, dass das schlauer ist. Aber die Genussfahrt am Wochenende zum Beispiel wird wohl immer bleiben. Und die macht man nicht im automatisierten Fahrzeug.

Ist es besonders unsicher, wenn Menschen und Maschinen, die doch unterschiedlich funktionieren, nebeneinander kutschieren müssen?

Röthlisberger: Die nächsten Jahrzehnte in der Parallelwelt sind tatsächlich die anspruchsvollsten. Es stellen sich ethische Fragen, aber auch ganz viele, die man in der Ausbildung ansprechen muss. Das möchten wir nicht nur den Herstellern überlassen.

Wie steht es mit ethischen Fragen, zum Beispiel, ob ein intelligentes Auto bei einem Unfall eine Familie oder eine Einzelperson verletzt?

Röthlisberger: Diese Probleme hat man in vielen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Aviatik, schon gelöst. Die Lösung eines Dilemmas wird man vermutlich Zufallsgeneratoren überlassen.

Das Parlament hat vom Bundesrat verlangt, eine elektronische Autobahnvignette zu planen. Wird sie zum Wegbereiter der intelligenten Mobilität?

Röthlisberger: Tatsache ist, dass wir seit Jahrzehnten einmal im Jahr die alte Vignette vom Fenster schaben und die neue aufkleben. Das können wir sicher besser lösen. Die Eidgenössische Zollverwaltung und das Bundesamt für Strassen werden wohl zuerst eine Anfangslösung aufbauen. Dabei werden wir nicht verlangen, dass in jedes Auto ein Kästchen eingebaut wird, wie es von der Schwerverkehrsabgabe der Lastwagen bekannt ist. Für die elektronische Vignette könnte dies so aussehen: Mit Hilfe einer Kamera würde die Autonummer ausgelesen und mit einer Datenbank verglichen. Wer die Vignette nicht bezahlt hat, wird geblitzt. Wer bezahlt hat, dessen Daten werden gleich wieder gelöscht. Dafür müssten wir an Autobahnanschlüssen weitere Kameras aufstellen.

In Ihrer regionalen Niederlassung in Visp soll es zu Korruption gekommen sein. Warum kommt Ihr Amt nicht zur Ruhe?

Röthlisberger: Wir haben alles vernünftigerweise Mögliche getan, um Korruption auszuschliessen, und haben das von Dritten überprüfen lassen. Aber ein gewisses Risiko nimmt man immer in Kauf. Wichtig ist, dass meine Mitarbeiter als unschuldig gelten, bis ein Schuldspruch vorliegt. Ich habe die Angeschuldigten zur Rede gestellt. Demnach geht es um einige Flaschen Wein und einen Geschenkkorb zu Weihnachten. Das dürfen sie nicht annehmen. Aber es ist fraglich, ob das strafrechtlich relevant ist. Und falls das wirklich alles ist, stellt sich für mich auch die Frage nach der Verhältnismässigkeit des Vorgehens der Behörden. Wir sind sehr interessiert daran, dass der Fall rasch abgeschlossen ist. Alles andere wäre unfair gegenüber den Beschuldigten.


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