Kendo – ohne Schrei kein Punkt

Sie rennen aufeinander los, sie schreien, sie schlagen sich mit Bambusschwertern. Und sie sorgen in der Luzerner Sporthalle Utenberg für eine japanische Atmosphäre.
08. November 2015, 00:00
Rund 140 Athleten sind an diesem Wochenende an den 41. Schweizer Meisterschaften im Kendo im Einsatz. Kendo, das mit «Weg des Schwertes» übersetzt werden kann (siehe Box), wird dem Laien mitunter auch als japanisches Fechten erklärt. Der Organisator, die Budoschule aus Luzern, trägt nun erstmals die nationalen Titelkämpfe aus.

Hoher Besuch am ersten Kampftag

Zu Besuch war mit Ryuhei Maeda, dem japanischen Botschafter, ein prominenter Gast. Nicht wegen der Premiere, sondern weil der Chef der Luzerner Schule ein ganz grosser Vertreter der japanischen Kampfkünste ist: Bruno Koller, Träger des achten Dan im Karate und dritten Dan im Kendo, lebte zwei Jahre in Japan, um seine Techniken zu verfeinern und sein Wissen später in seinen Schulen weiterzugeben. «Damit hat er einen unermesslichen Beitrag geleistet, um dem Schweizer Publikum viele verschiedene Facetten der japanischen Kultur bekannt zu machen. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken», sagte Maeda in seinem Grusswort.

Sehr harte Ausbildung in Japan

Später, am frühen Abend, sass der mittlerweile 66-jährige, schwer an den Augen erkrankte Koller vor der Sporthalle, genoss den herrlichen Herbstabend und liess kurz unvergessliche Momente in seiner langen Karriere Revue passieren. «In Japan, am Instruktorentraining im Karate, musste ich voll parat sein, sonst wäre ich da als Invalider rausgekommen», erzählte er beispielsweise. Neben ihm stand seine Ex-Frau Helen, nickte und sagte: «Es ging um Leben und Tod. Danach, so erzählte Bruno, habe er in seinem Leben keine Angst mehr gehabt.»

  • 41. KENDO Schweizermeisterschaft in der Turnhalle Utenberg in Luzern:
Kendo ist eine traditionelle japanische Schwertkampfkunst. (© Roger Grütter/Neue LZ)
  • 41. KENDO Schweizermeisterschaft in der Turnhalle Utenberg in Luzern:
Kendo ist eine traditionelle japanische Schwertkampfkunst. (© Roger Grütter/Neue LZ)
  • Kendo ist eine traditionelle japanische Schwertkampfkunst. (© Roger Grütter/Neue LZ)

41. KENDO Schweizermeisterschaft am Samstag in der Turnhalle Utenberg in Luzern: Kendo ist eine traditionelle japanische Schwertkampfkunst.

Ganz so wild ging es gestern in der Sporthalle Utenberg nicht zu und her. Auf dem Programm standen die Team-Wettkämpfe. Für die Auswahl der Luzerner war auch Selina Koller im Einsatz. Die 38-jährige Geuenseerin ist die Tochter von Bruno Koller, sie führt die ­Budo-Schule in Luzern und tritt als hauptverantwortliche Veranstalterin der Schweizer Meisterschaften auf. Ihre Leidenschaft für Kendo formuliert sie so: «Man verändert sich bei der Ausübung als Person. Es geht um Disziplin, Respekt vor den Mitmenschen, Hilfsbereitschaft und Durchhaltevermögen.» Wichtig sei eine positive Einstellung, um Hindernisse meistern zu können. Das gelte für den Wettstreit und für das Leben im Allgemeinen, ergänzt Selina Koller, die als dreifache Mutter und Veterinärmedizinerin im 100-Prozent-Pensum mit Arbeitsbeginn zwischen 4 und 5 Uhr alles andere als einen anspruchslosen Alltag zu bewältigen hat.

Im Wettstreit sieht das dann so aus: Die beiden Kämpfer stehen sich in traditioneller Kleidung gegenüber. Dazu zählen Helm, Kendo-Rüstung sowie Schutz an Unterarmen und Händen. Überall dort, wo Treffer mit dem Bambusschwert erlaubt sind, ist der Körper geschützt. Wer zuerst zwei Punkte im Trockenen hat, gewinnt das Duell. Bald zeigt sich dem Beobachter, dass ein gültiger Versuch nur schwer zu realisieren ist. «Treffer ist nicht gleich Treffer», sagt Selina Koller und lacht.

Will heissen: Auch wenn man den Gegner am Kopf, am Rumpf, am Unterarm oder mit einem Stoss am Hals trifft, heisst das noch lange nicht, dass man bei den drei Kampfrichtern auch punktet. «Es muss vieles zusammenstimmen – die Vorbereitung des Schlages, die Absicht, ihn durchzuführen, der Schlag selbst und die anschliessende Kontrolle über den Gegner», erklärt Selina Koller. Nur wenn man seine ganze Energie auf einen Punkt fokussiere, wenn Geist, Schwert und Körper gemeinsam vorwärtsgehen würden, sei der Treffer gültig. Dazu zählt auch der Kampfschrei. «Ohne Schrei kein Punkt», verdeutlicht Selina Koller.

Kendo-Schulen in Luzern und Kriens

Während Kendo in Japan als traditionellste Kampfkunst gilt, ist sie in der Schweiz eine Randerscheinung. Selina Koller bemerkt allerdings ein zunehmendes Interesse. «Vor allem bei den Jungen. Das ist mitunter auf die Anime- und Mangafilme zurückzuführen, in denen sie erstmals etwas über den Schwertkampf erfahren», sagt sie. Mittlerweile zählt man in der Schweiz 17 sogenannte Kendo-Dojos – in der Zentralschweiz gibt es neben Luzern auch eine Schule in Kriens. «Um mit Kendo anzufangen, braucht man keine Vorkenntnisse», sagt Selina Koller. Und ihre Mutter Helen ergänzt: «Für Kinder ist es ein toller Sport. Sie können herumrennen, schreien und schlagen.» So wie es gestern, wenn auch deutlich ausgereifter, die Grossen an den Schweizer Meisterschaften taten. Und wie sie es heute ab 9 Uhr in den Einzelwettkämpfen wieder tun werden.

sTEPHAN sANTSCHI


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