Valletta putzt sich heraus

MALTA ⋅ Auf Valletta, die Hauptstadt des Mittelmeerinselstaates Malta, kommt ein grosses Ereignis zu. Schon seit Jahren rüsten sich die Stadt und ihre Umgebung, um sich 2018 als Kulturhauptstadt Europas zu präsentieren.
11. Oktober 2015, 00:00

Text und Bilder Michael Hug

Jean Parisot de la Valette hat ja schon einiges erlebt. Zweimal wurde er nach seinem Tod 1568 begraben und wieder umgebettet, bis er in der 1578 fertiggestellten St. John’s Co-Cathedral seine endgültige Ruhe fand. Wo man, in seiner Bedeutung als Stadtgründer und -architekt völlig unterschätzt, gerade mal mit einer kleinen Tafel auf ihn aufmerksam machte.

Bis 2012 ein kleiner Platz nach ihm benannt wurde: Pjazza Jean de Valette. Der Architekt und 49. Grossmeister des Malteserordens (früher Johanniterorden) erhielt darauf gar eine Statue als Zeugnis seiner Grossartigkeit. Aber das hätte ihn fast in seinem Grab umdrehen lassen.

Hot Dogs vor dem Denkmal

Denn es dauerte nicht lange, wurde das Denkmal «geschändet». Da traute sich der Betreiber einer fahrenden Hot-Dog-Küche doch tatsächlich, sein mit allerlei bunten Menüvorschlägen behängtes Wägelchen etwas allzu nah an die Statue zu stellen. Nun, da der Platz entweiht war, folgten sofort weitere Street-Food-Anbieter, Mobiltelefonabonnementsverkäufer und Schleckstängelkioske und nahmen jeden Morgen vom Platz Besitz. In der Tat ist die Pjazza Jean de Valette – strategisch günstig gelegen – mit einer beispiellosen Touristenfrequenz gesegnet, was den fliegenden Verpflegern interessante Umsätze versprach.

Gross war die Empörung der Vallettianer, denen das Bild ihrer Stadt am Herzen liegt, und schnell war auch die Tageszeitung «Times of Malta» aufgeschreckt. Innert weniger Tage wurde der Platz geräumt, und nur einer weckt jetzt wieder das Interesse der Passanten für sich und sein Werk: Jean Parisot de la Valette in Guss.

Der kleine Platz und die Statue waren das Mindeste, was Valletta seinem Gründer zu Ehren tun konnte. Nur fünfzig Meter davon wird seit 2010 mit ganz anderer Kelle angerichtet. Für 100 Millionen Euro baute der italienische Architekt Renzo Piano im Auftrag des Staates und der Stadt ein Ensemble mit topmodernem Parlamentsgebäude, restauriertem Theater und futuristischem Stadttor plus unterirdischer Eventhalle.

Natürlich hat sich die Fertigstellung des neuen City-Gate-Ensemble etwas verzögert, um gute zwei Jahre nur, doch man ist immer noch früh genug dran, um den neugestalteten Stadteingang der Welt zu präsentieren. Im Januar 2018, wenn Valletta sich für ein Jahr als Kulturhauptstadt Europas ausrufen kann.

Keine typische Badeinsel

Valletta rüstet sich seit Jahren auf dieses Ereignis. Für Malta, das südlichste EU-Land mit knapp einer halben Million Einwohnenden, ist der Tourismus mit 15 Prozent des Bruttosozialprodukts Haupteinnahmequelle. Eine typische Badeinsel a la Balearen ist Malta aber nicht. Der maltesische Archipel umfasst, salopp gesagt, drei aus dem Meer ragende Sandsteinfelsen.

So ganz unwirtlich sind diese Felsen aber nicht, finden sich doch Spuren aus 6000 Jahren menschlicher Besiedelung darauf. Auf «malet» (punisch: Zufluchtsort) richtete sich im Laufe der Jahrtausende das Interesse von Phöniziern, Griechen, Römern, Vandalen, Ostgoten, Byzantinern, Arabern, Spaniern und Engländern. Im 16. Jahrhundert richtete sich der Orden des heiligen Johannes zu Jerusalem auf der Hauptinsel ein. Ab 1586 entstand nach den Plänen de Valettes die neue Hauptstadt Valletta, die aufgrund der ständigen Bedrohung aus dem Osmanischen Reich mit massiven Festungsanlagen ausgestattet wurde.

Markenzeichen Festungen

Die Festungsanlagen sind das Markenzeichen Vallettas und seit 1980 im Kulturerbe der Unesco gelistet. Doch der Unterhalt der Festungen und der weitläufigen Infrastruktur der früheren Handels- und Umschlagsplätze rund um den Tiefseehafen Grand Harbour übersteigt die Finanzkraft von Stadt und Staat.

Wenn im 16. Jahrhundert das Geld zur Entwicklung Vallettas aus Plünderungen muslimischer Gebiete rund um das Mittelmeer stammte, holt es sich Malta heute aus Mitteleuropa, aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre). Aus diesem Topf unterstützt die EU ärmere Länder und Regionen in ihrem wirtschaftlichen Aufholprozess, indem sie kulturelle, infrastrukturelle, touristische oder edukative Projekte finanziert. Bis zu 85 Prozent der Kosten übernimmt der Fonds, womit Projekte zu Stande kommen, die sonst keine Chance auf Realisierung hätten.

Viele Grossbaustellen

Dem kulturell interessierten Touristen, der sich die Hauptstadt etwas genauer ansieht, fallen nebst den neuen Touristen-Hotspots auch die vielen Grossbaustellen auf. Fragezeichen bleiben dabei keine, denn auf riesigen Bautafeln wird erklärt, worum es geht und wer es bezahlt. Da werden zum Beispiel mit europäischer Hilfe Überlandstrassen repariert (Malta hat keine Autobahnen), Fähr- und Jachthäfen ausgebaut, Kirchen restauriert oder die Radiologie des einzigen Spitals auf den Stand der Technik gebracht. Am augenfälligsten aber sind die Investitionen in die Renovation der Festungsanlagen rund um den Grand Harbour. Jahrelang waren die Cottonera Lines um Birgu, Senglea und Cospicua eingerüstet, seit diesem Jahr erstrahlen sie in neuem, sandgestrahltem Outfit, und der Müll in den Gräben zwischen den Mauern ist verschwunden.

Doch die Gelder fliessen nicht nur in tourismusbezogene Projekte. In Kalkara entsteht zum Beispiel in einem zerfallenden Marinespital das National Interactive Science Centre, eine Art Technorama. Mit Geld vom europäischen Festland wurde aber auch Renzo Pianos futuristischer Entwurf des neuen City Gate von Valletta finanziert. Das klassische, aber hässliche Tor aus den Zeiten der britischen Okkupation wurde abgerissen, stattdessen öffnet nun ein architektonisch gestalteter Bruch in der Festungsmauer den Blick auf das neue Parlamentsgebäude und das im Zweiten Weltkrieg zerbombte und nun als Freilichttheater wiederaufgebaute Royal Opera House. Vielleicht wird sich Jean Parisot de la Valette in drei Jahren nochmals in seinem Kathedralengrab umdrehen und zusehen, wie sich sein Valletta für das Kulturjahr herausgeputzt hat.

Mischung zwischen Sizilien und Tunesien

  • Anreise: Air Malta fliegt täglich von Zürich nach Luqa, dem Flughafen Malta.
  • Übernachten: Altstadthotels gibt es in Valletta, moderne Hotels in Sliema.
  • Währung/Sprache: Euro, südeuropäisches Preisniveau/Englisch, Maltesisch.
  • Beste Reisezeit: Frühling oder Herbst, im Sommer ist es bis 40 Grad heiss.
  • Fortbewegung: ÖV oder Mietwagen.
  • Besonders interessant: Unesco-Kulturerbe, Grand Harbour, Esskultur (ein englisch-arabisch-italienischer Mix), Hypogäum in Paola (prähistorische Grabstätte), Ausflüge in die der Hauptstadt Valletta gegenüberliegenden «Three Cities» Cospicua, Vittoriosa und Senglea, nach Mdina (ursprüngliche, mittelalterliche Hauptstadt), in die Fischerdörfer im Süden und auf die Nebeninsel Gozo.
  • Kulturhauptstadt: Der Titel Kulturhauptstadt Europas wird je für ein Jahr an mindestens zwei Städte der EU vergeben. 2018 werden Valletta und Leeuwarden (NL) Kulturhauptstädte sein. In diesem Jahr sind es Mons/Bergen in Belgien und Pilsen in Tschechien.
(© Karte: oas) Zoom

| Karte: oas


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