Jeder hat ein eigenes Pult – Urner Schüler sind zurück im Klassenzimmer

Nach gut zwei Monaten verordnetem Fernunterricht hat am Montag an den Primar- und Sekundarschulen wieder der Präsenzunterricht begonnen. Abstand wird auch auf dem Sportplatz gehalten.

Christian Tschümperlin
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Seraina (12) strahlt übers ganze Gesicht: «Ich gehe gerne zur Schule und bin froh, alle wieder zu sehen». Die Fünftklässlerin trifft an diesem Morgen nach gut zwei Monaten Fernunterricht wieder auf ihre «Gspändli». Dabei geht es in der Garderobe der Primarschule Unterschächen erstaunlich leise zu und her. Doch Seraina berichtet von ihrer Vorfreude auf den regulären Unterricht: «Im Klassenzimmer können wir uns gegenseitig helfen und alles Material liegt parat».

Seraina ist eine von 13 Schülerinnen und Schülern von Doppelklassen-Lehrer Martin Huser. Sie kommt mit ihren Freundinnen gerade von der ersten Pause nach dem Lockdown. Die Zeit auf dem Sportplatz des Schulareals verbrachten die Schüler mit Fussballspielen an der frischen Schächentaler-Luft. Dabei wurden sie von Huser unauffällig beobachtet. Er konnte feststellen, dass sich seine Schüler aus eigener Motivation an die Abstandsregel halten. «Sie bemühen sich sehr», sagt er. Ob es im Unterricht auch so gut klappen würde, davon wolle er sich überraschen lassen.

Auf dem Sportplatz des Schulareals wird Abstand gehalten.

Auf dem Sportplatz des Schulareals wird Abstand gehalten.

Bild: Urs Hanhart (11. Mai 2020)

Nach und nach finden sich die Schüler in der Garderobe ein, wo sie genügend Platz haben, sich zu verteilen. Dann gehen sie der Reihe nach zum Lavabo, um sich gründlich die Hände zu waschen. Es geht viel Zeit verloren. Der Unterricht startet mit 15 Minuten Verspätung. «Wenn es künftiger etwas zügiger vor sich gehen würde, wäre ich dankbar», sagt Huser.

Eine Vorbereitung mit Sondereffort

Lehrer Martin Huser unterrichtet die fünfte und sechste Primarklasse in Unterschächen.

Lehrer Martin Huser unterrichtet die fünfte und sechste Primarklasse in Unterschächen.

Bild: Urs Hanhart

Damit an diesem Morgen alles klappen würde, leistete der Primarlehrer übers Wochenende einen Sondereinsatz: «Ich habe beispielsweise Tische herumgeschoben, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können.» Neu sitzt jedes Kind an einem eigenen Pult. Im Klassenzimmer stehen somit doppelt so viele Pulte als üblich. Er sagt:

«Das war eine logistische Herausforderung, eine Feuerwehrübung. Als Feuerwehrmann gefallen mir aber Feuerwehrübungen.»

Der Fernunterricht war für den Primarlehrer und seine Schüler eine erkenntnisreiche Erfahrung. «Bei einigen Schülern sind durch die Distanz Hemmungen gefallen, Fragen zu stellen», berichtet Huser. Einige hätten stark an Selbstständigkeit dazu gewonnen. Lea (12) sagt etwa: «Der Fernunterricht war mal etwas ganz anderes. Man war stark auf sich alleine gestellt, was auch seine positiven Seiten hatte.» Trotzdem bilanziert auch sie: «Ich bin lieber in der Schule, wo man sich mit dem Lehrer und den anderen austauschen kann.»

Jeder Schüler hat ein eigenes Pult

Jeder Schüler hat ein eigenes Pult

Bild: Urs Hanhart

Tücken des Fernunterrichts

Eine Problematik des Fernunterrichts verortet Huser bei Grossfamilien, wo nicht jedes Kind einen eigenen Laptop hat. Luis (12) hat drei Geschwister. «Bei uns klappte das mit den Laptops aber sehr gut. Mein Bruder in der Oberstufe hatte einen Laptop von Schule zur Verfügung. Diesen konnten wir untereinander teilen.» In anderen Fällen konnten Schüler einen Laptop der Schule mieten. Luis jedenfalls ist froh, wieder zurück im Klassenzimmer zu sein. Denn: «Der schöne Blick aus dem Fenster unseres Hauses hat mich manchmal abgelenkt.»

Nebst teilweise abgelenkten Schülern machte man in Unterschächen die Erfahrung mit einer zweiten Erschwernis des Fernunterrichts: Nicht alle Programme für den Online-Unterricht waren in Unterschächen verfügbar. Man wusste sich aber zu helfen: «Ich habe meine private Homepage für den Unterricht genutzt», so Huser. Anfänglich stellte er dort alle Aufgaben zum Download und Ausdruck zur Verfügung. Um die privaten Drucker mit der Aufgabenflut nicht zu überlasten, konnten die Schüler bereits in der zweiten Woche nach dem Lockdown ein Wochen-Dossier bei Huser an der Schule abholen. «Wir haben die Aufgaben jeden Morgen im Chat besprochen und ich stand am Nachmittag für individuelle Nachfragen bereit.» Nicht alle Schüler hätten dieses Angebot gleichermassen genutzt. «Aber einige haben mir ihre Lösungen noch spät abends zugeschickt, die ich sogleich korrigierte.»

Mehr Zeit für Begegnungen

Die Zeit sei etwas Relatives geworden während des Lockdowns, was Huser durchaus auch positiv sieht. «Das Dorfleben hat sich entschleunigt. Viele Menschen unternahmen regelmässige Spaziergänge und hatten bei spontanen Begegnungen wieder Zeit, miteinander über Gott und die Welt zu reden.» Das sei richtig gemütlich gewesen.

Für die Eltern aber bedeutet die Rückkehr zum regulären Unterricht eine Entlastung: Im Lehrerzimmer trifft man auf Claudia Bissig aus Unterschächen, die an diesem Morgen an der Primarschule beim Mittagstisch aushilft. Die Mutter hatte ihren Kindern oft bei den Hausaufgaben unter die Arme gegriffen. «Am Anfang waren wir etwas überfordert damit. Als in der zweiten Woche ein Wochenplan von der Schule kam, ging es zwar besser. Trotzdem sind wir froh, dass der normale Unterricht jetzt wieder begonnen hat», sagt sie.

Altdorf probt Rückkehr in die Normalität

Auch im Schulhaus Marianisten in Altdorf hält der Schulalltag unter veränderten Rahmenbedingungen wieder Einzug: Sechstklassenlehrerin Vanessa Weissen freut sich, ihre Schüler wieder zu sehen. «Es ist mit Sicherheit anders als vor dem Lockdown. Kooperative Lernformen oder das Händeschütteln fallen weg. Somit erleben wir gerade eine Rückkehr zum Frontalunterricht», sagt die 31-Jährige. Das Bild des Frontalunterrichts dürfe man aber nicht falsch verstehen: «Ich stehe nicht vor der Klasse und halte einen einstündigen Monolog. Wir bringen immer noch viel Abwechslung rein, mit Planarbeiten oder vielen Frage-Antwort-Interaktionen beispielsweise.» Auch für die Motivation und Bewegung habe sie bereits einige Ideen im Köcher.

Damit das Schutzkonzept umgesetzt werden kann, finden die Pausen in Altdorf gestaffelt statt und man hat Sektoren auf dem Pausenhof definiert, innerhalb derer sich die Schüler bewegen können. «Das ist gut umsetzbar», sagt Weissen.

Ein Blick zurück auf den Fernunterricht zeigt: Die Primarlehrerin kann eine positive Bilanz ziehen. «Die Umstellung hat erstaunlich gut geklappt. Ich habe den Schülern jeweils die Aufgabe nach Hause gebracht, wo sie sehr selbstständig gearbeitet haben, teilweise sicher auch mit Unterstützung der Eltern», sagt sie. Über Videokonferenzen und anderen Online-Tools blieb man in Kontakt. Bei Fragen sei sie stets erreichbar gewesen. Sie berichtet:

«Einmal schalteten wir zur Überraschung eines Geburtstagskindes eine Videokonferenz und haben gemeinsam gesungen. Das war ein schöner Moment, auch wenn es wahrscheinlich schrecklich getönt hat.»
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