Brisanter Bericht
«Erhebliches Risiko»: Sicherheitsproblem beim Kampfjet-Hangar in Emmen

Das Dach eines Hangars auf dem Militärflugplatz Emmen galt als einsturzgefährdet. Trotzdem soll der Rüstungsbetrieb Ruag die Alarmzeichen lange missachtet haben. Die Verantwortlichen sagen: Das Dach sei in einem besseren Zustand, als erst befürchtet. Doch es bleiben Fragezeichen.

Sven Altermatt
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In Emmen macht die Ruag die F/A-18-Jets flott – unter einem umstrittenen Dach.

In Emmen macht die Ruag die F/A-18-Jets flott – unter einem umstrittenen Dach.

Bild: Dominik Wunderli (Emmen, 5. August 2020)

Die Gefahr droht von oben. Aber nicht so, wie man vermuten könnte, wenn es um die Kampfjets der Schweizer Luftwaffe geht.

Die Flugzeughalle 3 am Militärflugplatz Emmen ist, von aussen betrachtet, vor allem eins: ziemlich unspektakulär. Ein geräumiger, gräulicher Kasten. Dabei ist der Hangar zentral für die Sicherheit des Landes. Hier nämlich warten Mechaniker des bundeseigenen Rüstungsbetriebs Ruag unter anderem die F/A-18-Kampfjets. Sie machen die angejahrten Flieger flott, damit die Schweiz ihren Luftraum weiterhin schützen kann, bevor die Armee neue Jets bekommt.

Doch Anlass zur Sorge bieten nicht nur die F/A-18 selbst: Das Dach des Hangars ist in einem fragwürdigen Zustand. So fragwürdig, dass die Verantwortlichen zeitweise von einem möglichen Dacheinsturz sprachen und von einem «erheblichen Risiko» ausgingen. Allen Alarmzeichen zum Trotz sollen sie monatelang nur zögerlich gehandelt haben. Die Ruag sei mit dem Risiko «nicht angemessen umgegangen» – so lautet das Urteil der Eidgenössischen Finanzkontrolle.

Für die obersten Inspektoren des Bundes ist das schlicht «unverständlich». Sie äusserten scharfe Kritik am Vorgehen der Ruag und schalteten sogar den Bundesrat ein. Zeitweise habe man mit «schwerwiegenden Folgen für Menschenleben, Sicherheit und Finanzen» rechnen müssen, stellt die Finanzkontrolle fest.

Die Pflichten vernachlässigt

Inzwischen konnten zwar die schlimmsten Befürchtungen entkräftet werden. Im Hintergrund jedoch tobte ein heftiger Streit um das Hallendach, wie Recherchen zeigen. Eine Rekon­struktion der Ereignisse offenbart: Monatelang schwebte das Damoklesschwert eines möglichen Einsturzes des Hangars über den Kampfjets. Gemäss Insidern mit dem Potenzial, nicht nur für Angestellte und Flieger zur Gefahr zu werden, sondern auch für die Sicherheit des Landes.

Rückblende: Die Finanzkontrolleure kreuzten bei der Ruag auf, um deren Risikomanagement zu durchleuchten. Der Konzern war Anfang 2020 in eine nationale und eine internationale Einheit aufgespaltet worden. Bei ihrer Untersuchung stiessen die Inspektoren auf die Probleme mit dem Hallendach. In ihren Berichten zeichnen sie das Bild eines Konzerns, der seine Pflichten zeitweise vernachlässigt hat. Demnach stellte die Immobilientochter Ruag Real Estate, die den Hangar im Auftrag der Armee verwaltet, spätestens im Jahr 2019 das «Risiko eines möglichen Dacheinsturzes» fest. Bloss, so konstatiert die Finanzkontrolle:

«Bis Sommer 2020 wurde dieses Risiko nicht angemessen behandelt und rapportiert.»

Mehrfach sei das Problem dokumentiert worden, notiert schwarz auf weiss. Im Oktober 2019 etwa habe der Chef der Ruag Real Estate in einer Präsentation festgestellt, «dass die Dachkonstruktion und die Tragkonstruktion des Gebäudes nicht mehr den Anforderungen entsprechen». Gemäss Darstellung der Finanzkontrolle ging das Unternehmen damals davon aus, dass es wegen der Einsturzgefahr nicht mehr möglich sei, auf das Dach zu gehen.

Ein Handwerker arbeitetet an einem zerlegten Flieger.

Ein Handwerker arbeitetet an einem zerlegten Flieger.

Bild: Dominik Wunderli (Emmen, 5. August 2020)

Eskaliert ganz oben: Inspektoren schalten Bundesrat ein

Trotzdem seien die Ruag-Führungsgremien erst nach der Entflechtung des Unternehmens informiert worden: die Geschäftsleitung im Mai 2020, der Verwaltungsrat im Juni. Die Ruag selbst hält dazu fest, die beiden Gremien seien schon seit April – also immerhin einige Wochen vorher – ins Bild gesetzt worden.

So oder so: In den entsprechenden Risikoberichten sei gar eine mögliche Gefährdung von Menschenleben und ein Verlustrisiko von bis zu zehn Kampfflugzeugen befürchtet worden, rapportiert die Finanzkontrolle weiter. Trotzdem verstrich noch der Besuch der Inspektoren im Sommer 2020, bis die Ruag eine externe Firma beauftragte, die Tragkonstruktion der Flugzeughalle 3 eingehend zu überprüfen. Die Ruag bestätigt, dass dieser Auftrag im September an ein Expertenteam aus Bauingenieuren erteilt worden ist.

Der Finanzkontrolle ging das alles zu langsam. Sie meldete den Vorfall am Ende direkt dem Bundesrat – ein äusserst seltener Schritt. Laut Gesetz sind die Inspektoren aber dazu verpflichtet, wenn sie auf «Vorkommnisse oder Mängel von grundsätzlicher oder erheblicher Bedeutung» stossen.

«Es besteht kein Dacheinsturzrisiko»

Bis dato informierte die Ruag nie öffentlich über die Probleme mit dem Dach. Unklar bleibt zudem, inwiefern die Luftwaffe selbst darüber in Kenntnis gesetzt wurde. Der Finanzkontrolle zufolge wurde sie anfänglich «nicht formell und regelmässig informiert».

Fest steht: Seit Ende Februar dieses Jahres liegen die Ergebnisse der Experten vor, wie die Ruag bestätigt. Sie geben insofern Entwarnung, als dass die Probleme nicht derart gravierend sind, wie intern ursprünglich befürchtet worden war. «Die Prüfergebnisse des Expertenteams kommen zum Schluss, dass kein Dacheinsturzrisiko besteht», betont eine Sprecherin. Die Bauingenieure untersuchten das primäre und sekundäre Tragwerk der Flugzeughalle. Dieses sei in einem guten Zustand, versichert die Ruag nun.

Service bei den F/A-18-Jets: Abmontierte Triebwerke, bereit für die Wartung.

Service bei den F/A-18-Jets: Abmontierte Triebwerke, bereit für die Wartung.

Bild: Dominik Wunderli (Emmen, 5. August 2020)

Ebenso überprüften die Experten etwa die Materialien, sondierten die Strukturen und simulierten verschiedene Lastfälle. Hier ist ihr Befund freilich weniger erfreulich: «Die Dach-Auflastreserven sind limitiert.»

Das heisst mit anderen Worten, dass die Traglast zwar der Norm entspricht, an einigen Eckpunkten aber nur knapp unter der zulässigen Maximalgrenze liegt. «Beruhend auf den Resultaten dieser Analyse wird deshalb eine Begrenzung des Dachaufbaus empfohlen», erklärt die Ruag-Sprecherin.

Was das Unternehmen unerwähnt lässt: Nach Angaben der Finanzkon­trolle sollen die Immobilienbewirtschafter zwischenzeitlich die Kiesschicht auf dem Hallendach entfernt und vorsichtshalber unter anderem ein neues «Schneeräumungskonzept» angeordnet haben. Dies offenkundig, um Überlastungen zu vermeiden.

Offen bleibt, warum die Verantwortlichen trotz massiver Alarmzeichen nicht gleich entschieden gehandelt haben. Darauf geht die Ruag nicht näher ein.

Entscheid in den nächsten Wochen: Showdown um neue Kampfjets

Es geht um sechs Milliarden Franken: Noch vor den Sommerferien will der Bundesrat entscheiden, mit welchem Kampfflugzeug die Luftwaffe nach 2030 fliegen soll. Zur Auswahl stehen vier Modelle. Der Rafale aus Frankreich, der Eurofighter aus Deutschland sowie die beiden US-Flugzeuge F/A-18 Super Hornet und F-35. Im vergangenen September sagte das Schweizer Stimmvolk äusserst knapp Ja zum Kauf neuer Kampfjets – 8670 Stimmen gaben den Ausschlag. Nach Angaben der Armee läuft die Lebensdauer der heutigen Kampfjets spätestens 2030 ab. Die im Einsatz stehenden 30 F/A-18-Flugzeuge – die in Emmen für ihre letzten Einsatzjahre flottgemacht werden – wurden 1996 beschafft, die 26 Tiger F-5 bereits 1978. (sva)